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Thema / Archiv | Beitrag vom 18.11.2011

"Trauer ist Liebe"

Trauerbegleiter Fritz Roth über neue Wege in der Bestattungskultur

Fritz Roth im Gespräch mit Andreas Müller

Herbstlaub liegt auf der Skulptur eines Grabmals auf dem Alten Friedhof in Freiburg.
Herbstlaub liegt auf der Skulptur eines Grabmals auf dem Alten Friedhof in Freiburg. (AP)

Der Bestatter und Trauerbegleiter Fritz Roth plädiert für einen Wandel in der Sterbekultur. Der Autor des Buchers "Das letzte Hemd ist bunt" möchte, dass man im Umgang mit dem Verlust eines geliebten Menschen vertraut ist. Der Tod sei "der beste Lehrmeister zum bürgerlichen Ungehorsam".

Andreas Müller: "Ich habe keine Angst vor dem Tod, ich möchte nur nicht dabei sein, wenn es passiert." Das hat Woody Allen mal gesagt, und dieses Zitat ist im Buch von Fritz Roth vorangestellt: "Das letzte Hemd ist bunt - die neue Freiheit in der Sterbekultur. Fritz Roth, Bestatter und Trauerbegleiter, propagiert einen Wandel in der Bestattungskultur und sagt, der Tod gehört ins Leben. Jetzt ist er bei uns. Schönen guten Tag, Herr Roth!

Fritz Roth: Grüß Gott, Herr Müller!

Müller: Ja, machen Sie auch Witze über den Tod, solche wie der von Woody Allen gerade?

Roth: Na ja, ich hatte ja mal vor 17 Jahren die Idee, das Kabarett "Tod im Rheinland". Und da habe ich Rainer Pause und Martin Stankowski beauftragt, dieses Kabarett eigentlich nur für mein Haus zu schreiben, und seitdem habe ich Hans Dieter Hüsch und viele, viele Leute in meinem Hause gehabt. Denn früher war es eigentlich so, wenn man über den Tod lachen konnte, dann hatte man eine gewisse Macht über ihn, man konnte viel besser damit umgehen, und wenn man heute die traurigen Gesichter sieht, täte etwas mehr Lachen ganz gut.

Müller: Sterben ist in Deutschland ja wahrlich eine traurige Angelegenheit, ich habe da eben schon so ein paar Dinge angedeutet. Was läuft denn Ihrer Meinung nach falsch im Umgang mit dem Tod, aber auch in der unmittelbaren Zeit danach?

Roth: Für mich läuft dahingehend etwas falsch, dass wir den Tod denen aus den Händen genommen haben, die damit leben müssen. Für mich ist ein so Leitgedanke, den Mamascha Kaléko gesagt hat, als sie sagte: "den eignen Tod, den stirbt man nur, den Tod der andren muss man leben!" Jetzt stirbt meine Mutter, und da kommen all die Experten an, die mir sagen, was ich zu tun habe.

Da kommt der Pfleger, dann kommt der Arzt, der Bestatter, der Theologe, der Friedhofsverwalter und schreiben mir vor, wie ich diese Gefühle zum Ausdruck bringe. Und das ist mehr die persönliche Sicht, aber wenn ich jetzt so gesellschaftspolitisch betrachte: Wo sieht man den Tod noch? Es ist ja auch typisch jetzt im November, da wird über Tod geredet. Nächste Woche, wenn der 1. Advent kommt, dann gibt es nur noch "Kling, Glöckchen, klingelingeling" in Deutschland.

Müller: In Ihrem Buch schreiben Sie ja, dass immer weniger Menschen je eine Leiche gesehen haben, Kinder Leichen nur aus dem Fernsehen kennen und geschult an den vielen Krimis denken, wenn jemand stürbe, dann müsse der wohl erschossen werden.

Roth: Es gibt ja diese Umfrage bei Kindern in Schweden: Wie sterben mal eure Eltern? Und da haben einige gesagt: Sie werden erschossen. Und ich glaube, wenn man jetzt mal eine Umfrage machen würde in den Großstädten, auf den Hauptstraßen und fragt, wie viel Verluste habt ihr in eurem Leben schon gehabt, dann werden 40-, 50-jährige, die einige Verluste haben, noch nie einen Toten gesehen haben. Und wenn ich es nicht mehr weiß - und das ist meine Aussage - was Tod ist, dann weiß ich auch nicht, was Leben ist.

Müller: Sie fordern ja einen Wandel in der Bestattungskultur - wohin soll der gehen?

Roth: Also ich werde da immer etwas radikaler drin, dass ich fast sage, wir brauchen überhaupt keine Bestatter, wir brauchen keine Experten an dieser Schnittstelle. Ich möchte, dass jeder, jeder wieder vertraut ist im Umgang mit dem Verlust des Menschen, von dem er sich überhaupt nicht vorstellen kann, dass er mal stirbt.

Und das ist so meine Endvorstellung, wenn jemand stirbt, dass ich als Betroffener dann sagen kann, was ich tun möchte, dass ich der Handelnde bin, aber es nicht alles ausdrücken muss, und dafür brauche ich Begleiter - das kann der Nachbar sein, das können Freunde sein, das können auch Menschen sein, die auf eine solche Begleitung spezialisiert sind, die mir an der Seite stehen und die mir aber nicht sagen, was ich zu tun habe.

Müller: Na gut, das mag dann vielleicht auf dem Lande funktionieren - also Sie haben gerade den Leichenzug da erwähnt, dann gibt es vielleicht auch einen anderen Zusammenhalt -, aber wie soll das in der großen Stadt zum Beispiel funktionieren in einer Wohnung im Wohnblock, dass vielleicht dort jemand tagelang auch aufgebahrt wird. Also, da gibt es diesen Zusammenhalt ja nicht mehr.

Roth: Ach, das gibt es schon. Wir brauchen neue Gemeinschaften. Wieso haben wir Fußballgemeinschaften, wieso haben wir Kegelclubs, wieso haben wir andere Gemeinschaften? Wir haben nicht mehr die Großfamilie, aber wir haben neue gesellschaftliche Strukturen, und meine Einladung ist ja, dieses Thema nicht erst dann zu spezialisieren und jemand damit zu konfrontieren, wenn ich vom Tode sehr nahe berührt bin, sondern in sogenannte Death Education, wie man es im Amerikanischen sagt, wieder mit dem Tode erziehen.

Und in mein Haus kommen im Jahr über 3.000 Jugendliche. Ich mache jedes Jahr für Kleinstkinder Theater, Meditationsspiele. Über 25.000 Kinder sind da hineingekommen. Wenn wir in trauer-, stressfreien Zeiten wieder mit diesem Thema vertraut machen, wenn wir Menschen wieder vermitteln, du hast ein Recht, die Gefühle auszudrücken, dann wird es noch mal in der Realität total anders sein. Aber ich habe auf einmal eine Gesellschaft, die wieder bereit ist, diese Krise in die Hand zu nehmen, selber in die Hand zu nehmen, und da sehe ich ja den enormen gesellschaftlichen Effekt drin, die dann auch bereit sind, andere Krisen in die Hand zu nehmen und nicht immer nach Papa Staat zu rufen.

Müller: Im Deutschlandradio Kultur spreche ich mit Fritz Roth. Er plädiert für einen Wandel in der Sterbekultur. Wie nun, Herr Roth, kann so eine neue Beerdigung aussehen?

Roth: Sie sieht nicht anders aus, sie sieht nur selbstbestimmt aus. Wenn jetzt meine Tochter, mein Sohn oder meine Frau sterben würde, die käme mir aus dem Krankenhaus sofort nach Hause. Und zuhause würde ich mich mal vor den Kleiderschrank hinsetzen und sagen: Was hat meine Tochter oder meine Frau gerne angezogen? In dem Kleid hatten wir die und die Erinnerung, vielleicht ganz schlechte Erinnerungen. In dem Kleid, da haben wir wunderbare Stunden verbracht. Ich würde dann meine Frau selber anziehen. Trauer ist Liebe, und keiner wird doch den Menschen, den er liebt, von einem anderen aus- und anziehen lassen. Ich würde ihm was mitgeben. Wissen Sie, wenn die alten Kulturvölker früher so mit Tod umgegangen wären, wäre die Hälfte der Vitrinen auf der Museumsinsel in Berlin leer.

Müller: Aber da geraten wir schon mit dem Gesetz in Konflikt, in Deutschland ist das weitgehend nicht erlaubt. Ich erinnere mich an die Beerdigung eines Kollegen, der literarisch sehr interessiert war. Da wollte man ihm ein paar Bücher mitgeben, das war verboten.

Roth: Ja, sehen Sie? Und da fängt es bei mir an: Tod ist der beste Lehrmeister zum bürgerlichen Ungehorsam. Wenn Sie verliebt sind, würden Sie sich dann von einem Gesetz vorschreiben lassen, wie Sie ihre Liebe auszudrücken haben? Würden Sie sich dann vorschreiben lassen, was Sie Ihrer - dem Menschen, den Sie lieben, mitgeben, schenken würden? Aber fangen wir erst mal wieder an, Menschen Mut zu machen, dass sie nicht in die Anonymität hineingetrieben werden, weil die Friedhofsverordnung - gehen Sie mal auf einen deutschen Friedhof -, ein großes Schild, Sie am Anfang begrüßt, wo alles draufsteht, was verboten ist, wo ich samstags oder sonntags nicht beerdige. Wieso kann ich nicht nachts beerdigen? Ich habe ja einen eigenen Friedhof, zum ersten Mal in der in der deutschen Geschichte wurde mir in Bergisch Gladbach ein privater Friedhof genehmigt.

Und da rief mich auch jemand vor drei Jahren an, der wollte seine Frau in einer Mondnacht beerdigen. Ja, weshalb ist das nicht möglich? Wenn einer den Vollmond liebt, jede Oper sich angeschaut hat, wo der Mond drin vorkommt, die großes Musikrepertoire hat - es war so eine stimmige Beerdigung, ich kann es Ihnen gar nicht sagen.

Müller: Ich habe das mal in Jamaika gesehen, dass die Menschen ihre Angehörigen auf dem eigenen Grundstück begraben, also auf dem Lande im Wesentlichen noch. Friedhöfe sind da sogar noch recht selten. Man möchte seine Leute einfach gerne weiter bei sich haben, sozusagen die guten Geister der Ahnen. Gibt es eigentlich inzwischen bei uns so was wie einen Bestattungstourismus, weil so was ist ja bei uns auch im Moment noch unmöglich. Also gibt es Leute, die vielleicht nach Holland zum Beispiel ausweichen, weil es da anders ist.

Roth: Ja, wir leben leider im Bestattungsmittelalter. Rundherum - ob es katholische Nachbarländer sind, protestantische Nachbarländer - darf der Angehörige oder der Betroffene sagen: Hier möchte ich beerdigt werden. Nur bei uns nicht. Und so liegt das dann halt nahe, dass man sagt, dann fahren wir halt erst mal nach Holland hin, und da wir ja Gott sei Dank, dank Schengen, keine Grenze mehr haben, holen wir dann die Toten wieder zurück und setzen sie dort an den Stellen bei, wo ich vielleicht mit meiner Frau gute Stunden gehabt habe.

Wenn ich 40 Jahre an den Tegernsee gefahren bin, weshalb sollten wir dann nicht am Rande des Tegernsees natürlich die Asche - ich glaube, das sieht jeder ein, dass eine Erdbestattung auf einem Friedhof sein sollte -, aber weshalb bei der Urne, haben wir hier nicht neue kreative Wege, die dann auch den Menschen wieder eine neue Erinnerungskultur geben? Nämlich das finde ich ja das Schlimme. Ich finde es eine Kapitulation an unser Menschsein, dass wir immer mehr in das Vergessen reinrutschen, auch am Lebensende. Und ich sage ja immer so etwas nachdenklich: Früher hatten wir es für Fortschritt gehalten, aus den Wäldern zu kommen, und heute halten wir es für Fortschritt, wieder in die Wälder zurückzukehren. Nein, wir brauchen den Friedhof mitten im Dorf, wir brauchen hier die Zeichen des Todes, damit wir dem Leben wieder eine neue Sinnlichkeit und auch Mündigkeit und Verantwortlichkeit geben.

Müller: Mit dem Wald meinen Sie die Möglichkeit, dass man sich jetzt auch an bestimmten Stellen im Wald bestatten lassen kann. Abschließend die Frage, Herr Roth, wie werden Sie sich bestatten lassen?

Roth: Ich werde mich wahrscheinlich ganz traditionell, konventionell bestatten lassen. Es wird eine Beerdigung sein, es wird auf jeden Fall eine Beerdigung sein, wo jeder zu eingeladen ist, der eine Beziehung zu mir hatte, der mich gekannt hatte, wo auch anschließend noch die Gelegenheit gegeben wird, darüber zu reden über dieses Leben und auch vielleicht dieses Leben zu feiern, und es wird auf jeden Fall ein Platz da sein, wo der Name steht und dafür zeugt, dass ich in der Zeit, die mir gegeben wurde, das gemacht habe, was hoffentlich mir - auf jeden Fall hat es gefallen -, aber auch der Welt gefallen hat.

Müller: Sagt Fritz Roth. Er ist Bestatter, Trauerbegleiter und Autor. Von im ist das Buch "Das letzte Hemd ist bunt" und das ist im Campus Verlag übrigens erschienen. Herr Roth, ein langes Leben noch und danke schön!

Roth: Ebenfalls! Wiederhören, Herr Müller!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.