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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 21.09.2013

Trans-Identes Coming-out

Udo Rauchfleisch, "Anne wird Tom. Klaus wird Lara", Patmos, Düsseldorf 2013, 176 Seiten

Udo Rauchfleisch stellt traditionelle Geschlechtereinteilungen auf den Kopf. (picture alliance / dpa/ Jens Kalaene)
Udo Rauchfleisch stellt traditionelle Geschlechtereinteilungen auf den Kopf. (picture alliance / dpa/ Jens Kalaene)

Udo Rauchfleisch beschreibt, wie Verwandte, Freunde und Kollegen mit dem Coming-out eines trans-identen Menschen umgehen lernen können. Er verschafft dem Leser überzeugend Einblick in ein Thema, das für viele Leser nicht selbstverständlich sein wird.

Mit seinem Buch "Anne wird Tom, Klaus wird Lara" führt Udo Rauchfleisch in eine für die meisten Menschen wohl unbekannte Welt ein, die Welt der Trans-Identität. Gleich zu Anfang seines Buches verwendet er viel Sorgfalt auf die Klärung der Begrifflichkeiten. Und das ist auch nötig. Denn fast nichts von dem, was Rauchfleisch beschreibt, ist selbstverständlich.

Trans-Idente Menschen stellen die grundlegenden Koordinaten - Frau ist Frau und Mann ist Mann - infrage und das kann verunsichern. Rauchfleisch schreibt:

"Es gibt wohl keine menschliche Existenzform, die uns mehr irritiert als das Phänomen der Transidentität."

Genau deshalb will er Orientierung geben. Sein Buch hat der Professor für Klinische Psychologie, der zugleich auch Psychoanalytiker und Psychotherapeut ist, deshalb auch als Ratgeber für Angehörige, Freundinnen und Freunde und Menschen aus dem Arbeitsumfeld trans-identer Menschen konzipiert. Er räumt mit Halbwissen, Vermutungen und Unterstellungen auf und verwirft gleich zu Anfang den weit verbreiteten Begriff der Transsexualität, da es transidenten Menschen nicht um ihre Sexualität gehe, sondern um ihre Identität.

Fundamental bedeutsam ist auch seine Unterscheidung, dass zum Beispiel trans-idente Frauen sich nicht als Frau fühlen, sondern Frauen sind, die in einen männlichen Körper leben. Auch ist die Trans-identität keine Krankheit oder Störung, obwohl diese Betrachtungsweise selbst unter Fachärzten für Psychiatrie noch gängig zu sein scheint.

Udo Rauchfleisch beschreibt, wie Familienangehörige, Verwandte, Freunde und Kollegen mit dem Coming-out eines trans-identen Menschen umgehen lernen können. Er versucht seine Leser zu ermutigen, authentisch auf den trans-identen Menschen zu reagieren und Gefühle der Irritation und Hilflosigkeit auszusprechen. Zugleich ermahnt er zur Achtsamkeit. Und wirbt dafür, die Begegnung mit trans-identen Menschen als Chance zu nutzen, Gefühle und Einstellungen zu hinterfragen und den Weg zu echter Toleranz und Akzeptanz von Menschen freizumachen, die von allgemein gängigen Vorstellungen abweichen.

Als Experte ist Udo Rauchfleisch überzeugend. Für alle, die mit Transmenschen zusammen leben oder arbeiten, gibt dieses Buch wertvolle Orientierung. Nicht ganz gelungen sind Rauchfleischs Versuche, eine Sprache zu finden für das, was so schwer zu fassen ist. Seine Sätze wirken oft hölzern. Die Dialoge zwischen Trans-identen und ihren Angehörigen, die er zitiert, scheinen konstruiert.

Auch lehnt er es ab, seine Leser mitzunehmen in konkrete Lebensgeschichten, was er damit begründet, dass man sonst annehmen könnte, das beschriebene Leben sei eine Blaupause für sämtliche trans-identen Lebensläufe. Es ist schade, dass der Autor seinen Lesern an dieser Stelle nicht mehr zutraut. Dem Buch hätte es gut getan, wenn es mehr erzählt hätte von Anne, Tom, Klaus und Lara. Denn Empathie entsteht nicht im Kopf.

Besprochen von Ruth Kinet

Udo Rauchfleisch, "Anne wird Tom. Klaus wird Lara. Transidentität/ Transsexualität verstehen"
Patmos, Düsseldorf 2013
176 Seiten, 14,99 Euro

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