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Nachspiel | Beitrag vom 29.11.2015

TrampolinVom Spiel mit der Schwerkraft

Von Nina West

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Die Chinesin Shanshan Huang bei den Olympischen Spielen im Jahr 2012. (picture alliance / dpa / Valeriy Melnikov)
Die Chinesin Shanshan Huang bei einem Trampolin-Sprung bei den Olympischen Spielen im Jahr 2012. (picture alliance / dpa / Valeriy Melnikov)

Trampoline helfen, körperliche und seelische Fitness zu erreichen. Profis springen dank neuer Technologien mit ihnen bis zu neun Meter hoch. Doch das Trampolin ist mehr als ein Sportgerät.

"Mama, da dürfen drei drauf!"

Der achtjährige Emanuel öffnet den Reißverschluss des Sicherheitsnetzes und klettert den anderen voraus auf sein Trampolin. Früher ist er viel darauf gesprungen.

"Da hab ich Saltos geübt, ich hab geübt auf dem Po zu landen und wieder auf den Beinen zu stehen... Und Saltos hab ich einmal geschafft! Da hab ich ganz viele gemacht."

Ein Freund besucht Emanuel und seine Schwester heute. Die Familien der Kinder haben sich zum Grillen verabredet, ganz im Westen Berlins, in der Nähe des Flughafens Tegel.

"Das Trampolin haben wir seit dreieinhalb Jahren; als wir hier in die Gartenstadt gezogen sind, haben wir einen schönen kleinen Garten bekommen und haben uns dafür entschieden, für die Kinder ein Trampolin zu kaufen."

Begeistert - aber nicht uneingeschränkt

Emilie, Emanuels Mutter, ist von dieser Anschaffung selbst ganz begeistert, jedoch nicht uneingeschränkt:

"Ja! Das ist ein schönes Gefühl, wieder darauf zu springen, weil man hat das Gefühl, man ist wieder ein Kind, ja mir macht so was Spaß, wobei ich merke, dass andere Kräfte auf den Körper sich auswirken, wenn man als Erwachsener darauf springt und man vor allem als Frau und Mutter von zwei Kindern dann doch merkt: 'Huch, Rückbildungsgymnastik wär dann doch vielleicht mal was Schönes!'"

Sie ist also als Kind schon Trampolin gesprungen?

"Nicht Trampolin, sondern wir hatten immer Federbetten gehabt und dann sind wir immer darauf extrem gehüpft, dann stand im Garten dann immer so ein altes Federbett und dann hüpften wir stundenlang und das Gefühl immer dann vom Federbett runterzuspringen und dann die Schwerkraft ganz intensiv zu spüren, das fand ich immer ein ganz, ganz tolles Gefühl!"

Spaß für alle: Trampolinspringen (imago stock&people)Spaß für alle: Trampolinspringen (imago stock&people)

In den letzten Jahren sind Trampoline wie Pilze aus dem Boden geschossen. Sie stehen in vielen Privatgärten wie selbstverständlich neben Schaukel und Sandkiste. Circa drei Meter im Durchmesser, insgesamt drei Meter hoch, die Sprungfläche 80 Zentimeter über dem Boden, das Ganze umschlossen von einem Fangnetz. Ein ziemlicher Koloss, findet Alexander, Emanuels Vater:

"Ja, es ist halt 'n Spielgerät oder 'n Sportgerät, kann man jetzt sehen wie man möchte, aber ich find, das passt irgendwie nicht in 'n harmonischen Garten rein, also rein optisch gesehen, es macht schon Sinn als Spielobjekt, für die Kinder und, aber jetzt rein für die Optik des Gartens verschlechtert es schon das Bild, weil's einfach 'n richtig dickes, großes Objekt ist, was da drin steht. Und, tja, dadurch 'n bisschen stört."

Was macht die Faszination aus?

Etwas muss es haben, wenn man dennoch bereit ist, sich den Garten mit ihm zu teilen. Was macht die Faszination dieses Sportgerätes aus? Emilie:

"Also ich fand das immer toll, einfach nur den Körper richtig zu spüren und zu spüren, wie die Schwerkraft auf einen... sich auf den Körper auswirkt, das fand ich ganz toll. Dieser Kontrast zwischen der Leichtigkeit auf dem Trampolin und danach dieses Schwere auf dem Boden, das fand ich immer ganz interessant - Physik live erlebt!"

Kuhn: "Jedes Kind springt gerne auf 'nem Trampolin oder noch früher auf dem eigenen Bett und die Faszination vom Fliegen, der kann sich sowieso nicht entziehen, weder als Kleiner noch als Großer. Es unterscheidet sich von so vielen anderen Sportarten dadurch, dass ich immer wieder neu abheben kann, schwerelos mich fühlen kann, ich kann mich nirgends festhalten, ich kann mich in der Luft drehen und bewegen, fast wie ich möchte, ich muss halt schauen, dass ich wieder auf die Füße komm."

Michael Kuhn, 49 Jahre alt, ist Cheftrainer für Trampolinturnen beim Deutschen Turnerbund. Seine Sportart ist noch relativ jung. 1928 entwickelte der US-amerikanische Kunstturner George Nissen das Gerät. Anfang der 50er-Jahre trainierten die ersten Turner in Deutschland darauf. Vier Sportdisziplinen entstanden, unter anderem das Tumbling, das Turnen auf einer 42 Meter langen federnden Akrobatikbahn. Am bekanntesten ist das Einzel- und Synchronspringen auf dem Großtrampolin. 1960 wurden im Einzelwettkampf erstmals Deutsche Meisterschaften ausgetragen. 40 Jahre später erhielt diese Disziplin den Adelsschlag: In Sidney war sie bei den Olympischen Spielen vertreten.

Der deutsche Trampolin-Bundestrainer Michael Kuhn (25.09.2012) (picture alliance / dpa / Jan-Philipp Strobel)Der deutsche Trampolin-Bundestrainer Michael Kuhn (picture alliance / dpa / Jan-Philipp Strobel)

Im Juni 2014, während die deutsche Fußballnationalmannschaft in Brasilien dem WM-Titel immer näher rückt, begleitet Bundestrainer Kuhn sein Trampolin-Team beim internationalen Turnier "Gym City Open" in Cottbus. Mit dabei der 23-jährige Daniel Schmidt aus Hamburg. Er ist Polizist, wie schon sein Vater und sein Großvater vor ihm. Seit 19 Jahren springt er Trampolin - auch das in dritter Generation:

"Ja, mein Großvater hat das Trampolinturnen in Hamburg gegründet, der hat den ersten Verein dort aufgemacht, hat dann meinen Vater großgezogen und immer mit zum Training genommen und mein Vater hat mich schon seit ich vier bin mit in die Halle genommen und seitdem mache ich das denn auch schon, mehrmals wöchentlich und seit ich elf bin in der Jugendnationalmannschaft und jetzt auch schon in der Erwachsenen-Nationalmannschaft."

Bewertet werden Schwierigkeitsgrad und Haltung

In Cottbus geht es nicht nur um den Brandenburg Cup. Es ist gleichzeitig die erste von drei Qualifikationen für die Weltmeisterschaft in Daytona Beach, Florida, in den USA.

Eine Übung umfasst zehn Sprünge mit verschiedenen Schrauben- und Salto-Kombinationen. Der "Miller Plus" etwa - genannt der "Killer" - ist ein Doppelsalto rückwärts mit vierfacher Schraube. Es gibt die Pflicht und die Kür. Bewertet werden der Schwierigkeitsgrad und vor allem die Haltung.

Seit 2011 wird auch die TOF, die "Time of Flight" gemessen. Mithilfe einer Lichtschranke misst eine Kamera, wie lange ein Athlet in der Luft ist. Die Zeit "im Tuch" wird abgezogen, weil die je nach Körpergewicht unterschiedlich ausfällt. Was bei den Leistungsturnern spielend leicht aussieht, beansprucht den Körper enorm:

"Ich seh' das ja in unseren Trainingsgruppen, was das für Normalsterbliche bedeutet, weil jemand, der das nicht täglich trainiert, der schafft das keine fünf Minuten durchzuspringen, ohne danach völlig aus der Puste zu sein oder den nächsten Tag Muskelkater zu haben. Das ist halt auch diese Stabilität, die man haben muss im Tuch, das ist Körperkoordination im ganzen Körper, man braucht Schnellkraft, man braucht Beweglichkeit... Das sind auch so diese positiven Aspekte, ich merk schon, dass es meinen Körper ziemlich fit hält, das seh' ich auch positiv für die Polizei - man hat diese Schnellkraft, man hat auch Maximalkraft, man ist sehr beweglich und dann versucht man auch mit der Koordination, alles andere in den Griff zu bekommen."

Professor Hartmut Riehle, emeritierter Sportwissenschaftler an der Universität Konstanz und selbst Welt- und Europa-Meister im Synchronspringen, erforscht seit Jahren die Wirkung des Trampolinturnens auf den Körper. Im "Handbuch der Sportarten und ihrer typischen Verletzungen" schreibt er:

"Die Idee, ein Trampolin zu konstruieren, soll George Nissen, gekommen sein, als er im Zirkus Hochseilartisten beim Absprung ins Sicherheitsnetz beobachtet hatte. Als Ironie menschlicher Erfindungskraft mag es deshalb bei naiver Betrachtung anmuten, dass aus einem Instrument der Sicherheitsgarantie abstürzender Hochseilartisten ein solches gravierender Sporttraumen werden könnte."

Immer höhere Sprünge - bis zu neun Meter hoch

Seit die Flugzeit in die Bewertung mit einfließt, haben die Hersteller neue Technologien auf den Markt gebracht, um den Sportlern immer höhere Sprünge zu ermöglichen - bis zu neun Meter hoch. Das wiederum erlaubt immer komplexere Kombinationen und lässt die Übungen immer riskanter werden. Die Folge: Die Zahl der Schäden aufgrund von dauerhafter Überlastung ist in den letzten Jahren gestiegen, ebenso die Zahl der Verletzungen durch Unfälle.

Daniel Schmidt hat Anfang 2014 an einer Studie Riehles teilgenommen:

"Also die Belastung ist sehr hoch, wir hatten gerade vor kurzem wissenschaftliche Tests, dort wurde getestet, dass wir jedes Mal, wenn wir am tiefsten Punkt vom Trampolin sind, zwischen 14 und 16 g haben, und am Ende der Übung stoppen wir den Sprung ab, dort wurden sogar bis zu 55g gemessen, das heißt, das sind mal eben bei mir 3,5 Tonnen, die da auf die Knie- und Fußgelenke wirken und das ist natürlich nicht ohne."

So sind - kommt es zu Verletzungen - zumeist die unteren Extremitäten betroffen. Welche Konsequenzen zieht der Bundestrainer aus den Ergebnissen der Studie?

"Ich denke, dass wir sehr viel früher und intensiver mit der Mittelkörperstabilisation beginnen müssen. Bevor 'n Kind auf 'm Trampolin höher springen darf, oder schwierigere Dinge machen darf, müssen gewisse körperliche Grundvoraussetzungen, was die Rumpfkraft, die Stabilität, die Muskelkraft an sich angeht, ich glaube, da müssen wir uns noch deutlich steigern."

Während Daniel seine Übung zeigt, sitzt sein Großvater wie bei allen seinen Wettkämpfen auf der Tribüne. Daniels Vater, Olaf Schmidt, der ihn trainiert, steht neben dem Gerät und verfolgt jede Bewegung. Ständig bereit, ihm mit der auf der Randabdeckung liegenden Schiebematte - eine von mehreren üblichen Sicherheitsvorkehrungen - entgegen zu kommen, falls Daniel sich zu sehr vom Kreuz in der Mitte des Sprungtuches entfernt.

Und dann passiert es: Beim vierten Sprung droht Daniel aus voller Höhe neben das Gerät zu stürzen. Da hilft auch keine Schiebematte. Daniels Vater bewegt sich blitzschnell an die Stelle, wo er Daniels Aufprall erwartet. Ihn aufzufangen wäre unmöglich, aber mit einer geschickten Drehung nimmt er die Wucht und das Drehmoment aus dem Sturz. Trotz der in der Halle ausgelegten dicken Matten kann so ein Unfall schwerwiegende Folgen haben. Unkontrolliert auf dem Schwungtuch zu landen, ist wegen der darin gespeicherten kinetischen Energie unter Umständen sogar noch gefährlicher.

Alles noch mal gut gegangen

Daniel übersteht die Landung unverletzt – dank seines Vaters. Der trägt lediglich eine leichte Blessur an der Schulter davon. Alles noch mal gut gegangen. Michael Kuhn:

"Also die Verletzungsstatistik insgesamt, ohne es jetzt beweisen zu können, halte ich für deutlich geringer als im Fußball, wenn ich mir dort die Zweikämpfe mittlerweile anschaue, auch jetzt bei der aktuell laufenden Weltmeisterschaft, die Zweikämpfe laufen ohne Kompromisse ab - und dass sich dort nicht jedes Mal einer schwer verletzt, das verwundert fast schon. Also die Häufigkeit an Verletzungen, würde ich steif und fest behaupten, ist bei uns deutlich geringer."

Olaf Schmidt hat zusätzlich zu seinem Beruf als Polizist und seiner ehrenamtlichen Trainertätigkeit ein kleines Unternehmen gegründet:

"Ich nenn mich einfach nur 'Der Trampoliner'. Das hat sich einfach mal so ergeben. Wir kommen aus der Großstadt Hamburg, Filmbranche gibt's da, es wird unter anderem auch sehr viel – was man vielleicht gar nicht weiß – auch in der Filmbranche, in Musikvideos und und und, gibt es immer wieder Szenen, wo man sagt, Mensch, wie haben die das gemacht, sicherlich heute auch sehr viel über PC kann man so was animieren, aber ich selber hab mir das mal so als "Nebengewerbe" mal auf die Fahnen geschrieben, hab inzwischen eigene Trampolingeräte, die ich mir selbst finanziert habe, und biete die dann auch an, wenn dann 'n Filmstudio anfragt und dann werden die auch häufig noch genutzt und es ist also immer wieder nett anzusehen mit den Vorstellungen, die ein Produzent hat von irgendwelchen Akteuren, die auf'm Trampolin turnen sollen, bis nachher zur tatsächlichen Umsetzung, aber das ist nochmal wirklich 'ne ganz andere Branche, wo man sagt, auch hier ist das Trampolin der Mittelpunkt, ne?"

Da er in der Trampolinszene gut vernetzt ist, kann er Kontakte zu geübten Turnern in ganz Deutschland vermitteln. Nicht selten sind dabei auch seine Fähigkeiten als Trainer gefragt:

"Also man hat sicherlich so'n Manuskript, wo man sagt, das und das möcht ich ganz gerne als Effekt haben. Die erste Frage ist denn von mir immer, wie weit sind diese Akteure, die dort nachher im Bild springen, sind das Profis, sind das tatsächlich Könner auf der-, aus der Trampolinszene? Ja und dann gibt's oft denn auch: "'Nee, das sind hochkarätige Models, die wir dort eingekauft haben!' Und: 'Ja, wie weit haben die denn Trampolinerfahrung?' 'Na ja, Trampolin (da-) so vier, fünf Meter hochspringen ist doch kein Problem!' heißt es dann. Ich sach: 'Ja, da wird's wahrscheinlich doch 'n Problem geben, wenn man die Erfahrung nich hat, dann sieht das nich entspannt aus!' Man möchte 'n vernünftigen Ausdruck von dem Turner haben oder von dem Akteur eben halt, Gesichtsausdruck soll da sein, die Mimik soll da sein, die Bewegung soll da sein... Ja und dann werden aus geplanten zwei, drei, vier Stunden werden dann ruckzuck mal zwölf, fuffzehn oder zwanzig Drehstunden, ne?"

"Für mich nicht die gleiche Befriedigung"

Der 22-jährige Kanadier Christophe Hamel tritt weltweit als Jongleur und Akrobat auf. Während seiner Ausbildung hat er das Trampolin und speziell die "trampoline wall" für sich entdeckt. Er habe auch eine Zeit lang Wettkämpfe bestritten, erzählt Christophe im Berliner Varieté-Theater Chamäleon, während seine Kollegen nach der Show an der Bar etwas trinken:

"Zwei Jahre lang habe ich Wettkampfsport betrieben, aber das war überhaupt nicht mein Ding. Ich bin Artist, so lange ich denken kann - und vor fünf Kampfrichtern nur zwei mal zehn Sprünge zu zeigen und bewertet zu werden nur von diesen fünf (Leuten), die ich überhaupt nicht kenne... Es ist für mich nicht die gleiche Befriedigung vor Kampfrichtern zu springen wie vor einem Publikum, das sich amüsiert, das gezahlt hat, um dasitzen zu können und mich ermutigt. Es erfüllt mich mehr, wenn ich Zirkusartistik zeige, so wie an der 'trampoline wall' - das ist eine ganz eigene Art, das Trampolin zu benutzen. Wettkampfsport war nicht mein Ding, aber die zwei Jahre, die ich ihn betrieben habe, haben mir geholfen, mein akrobatisches Repertoire zu vervollständigen. Ich hab eine Menge gelernt und das kann ich nun jederzeit und überall einsetzen."

Mit fünf Freunden von der Zirkusschule hat Hamel das Programm "Flip" entwickelt. Im Sommer 2014 begeisterte die Gruppe das Publikum in Berlin. Zum Abschluss jeder Show zeigten die ebenso charmanten wie virtuosen Artisten eine furiose Trampolin-Nummer - auf kleinen Geräten. Für eine "trampoline wall" war die Bühne nicht hoch genug.

Der Cirque du Soleil zeigte 1998 in seiner Show "La Nouba" eine sensationelle Nummer: Trampolin-Artisten liefen an einer speziell konstruierten hölzernen Hauswand hoch, sprangen mit Flugrollen durch die Fenster oder auf das Dach und mit Saltos zurück auf ihr Trampolin. Das war neu und äußerst spektakulär. Inzwischen ist die "trampoline wall" zu einer eigenen Disziplin geworden, die sich vom Wettkampfsport fundamental unterscheidet.

"Es ist körperlich wirklich hart, Wettkämpfe zu turnen und dabei ein hohes Niveau zu erreichen, die Konkurrenz ist groß. Wenn man an die Spitze kommen will, muss man nicht nur technisch sehr gut und äußerst motiviert sein, man braucht auch eine natürliche Anmut in seinen Bewegungen. Trampoline wall zu springen ist da viel relaxter, das ist etwas, was man mit seinen Freunden macht. Man zeigt sich gegenseitig seine Tricks und Styles, es ist ein bisschen wie Breakdance."

Mit atemberaubenden Stunts zum YouTube-Klick-Millionär

Tatsächlich wirkt Christophe in seinem "street-tramp-video", seinem Akrobatik-Demo-Video im Internet, sehr entspannt. Doch die "Tricks", die er da vor der Kulisse seiner Heimatstadt Québec zeigt, sind schwindelerregend und keinesfalls zur Nachahmung empfohlen. Er stellt sein Trampolin im Hafen oder neben einem Parkhaus auf, läuft die Stadtmauer hoch oder springt mit Saltos in die Parkdecks hinein. Mit diesen atemberaubenden Stunts vor urbaner Kulisse riskierte er nicht nur eine Verhaftung durch die Polizei, er wurde in kürzester Zeit zum YouTube-Klick-Millionär. Er ist es gewohnt, Risiken einzugehen:

"Natürlich ist es riskant, aber wenn man eine gute akrobatische Grundlage hat... Es ist wichtig, keine Angst zu haben. Man schmeißt sich auf verschiedene Art dahin und dorthin und sagt sich: Ich kann das, mein Körper weiß, was zu tun ist, es wird schon klappen. Und nach einer Weile fühlt man sich wirklich wohl damit. Ich kann also sagen, es ist ganz relaxt, weil ich das schon eine ganze Weile mache."

Im Chamäleon in Berlin wurde an diesem Abend eine Artistin von einer Kollegin vertreten – verletzungsbedingt. Was war passiert? Hat die ungeheure Belastung bei der Show ihren Tribut gefordert?

"Nein, das ist im Urlaub passiert! Sie ist ein bisschen zu viel spazieren gegangen... So ist das manchmal. Solche Sachen passieren, wenn Du unaufmerksam bist und unkonzentriert. Auf der Bühne machen wir eine Menge gefährlicher Sachen, wenn es aber völlig ungefährlich ist, dann passiert so was, solche Verletzungen, es ist eigenartig!"

Der aus Columbia stammende Orlando Duque während eines Trampolinsprunges in Vila Franca do Campo Azores (Portugal) bei seinem Training im Rahmen der Red Bull Cliff Diving World Series. (picture alliance / dpa / Romina Amato / Red Bull)Der aus Columbia stammende Orlando Duque während eines Trampolinsprunges in Vila Franca do Campo Azores (Portugal) (picture alliance / dpa / Romina Amato / Red Bull)

Selbst beim Springen im Garten ist es angezeigt, das Risiko im Blick zu haben und einige Sicherheitsregeln zu beachten. Gefährlich wird es nämlich, wenn zu viele Kinder auf einmal auf dem Tuch sind oder das Gerät nicht sicher aufgestellt ist. Emanuel ist noch nichts passiert. Aber seinem Cousin:

"Ja, also mein kleiner Cousin, der ist mal gegen's Netz geflogen, dann war's da 'n riesiges Loch und der hat sich auf'm Boden richtig cool abgerollt."

Emilie: "Also im ersten Jahr haben wir den Fehler gemacht, die Kinder sind immer gegen das Netz ganz bewusst gesprungen, das darf man nicht machen. Und das heißt, das wurde überstrapaziert und im nächsten Jahr ist das ganz schnell gerissen. Und dann sind die Kinder paar mal runtergeflogen, da musste man wirklich aufpassen, d.h. wir haben dann ein neues Netz gekauft, den Kindern erklärt, dass man auf jeden Fall mit dem Netz genauso umgehen soll wie mit 'nem Fahrradhelm - man fällt ja nicht ständig auf den Kopf, sondern das ist wirklich nur für den Notfall da und fängt einen auf, d.h. man soll schon zusehen, dass man in der Mitte bleibt."

Training ist äußerst gelenkschonend

Doch sieht man von den Gefahren des Springens einmal ab, so entfaltet eine sinnvolle Nutzung des Trampolins eine ganze Palette positiver Wirkungen. Besonders das Training auf einem Gerät mit hochelastischen Einzelseilringen ist äußerst gelenkschonend.

Und schon ein ganz leichtes Schwingen hat positive Auswirkungen auf den gesamten Organismus. Im Fitness- oder Gesundheits-Bereich wird vor allem auf dem Mini-Trampolin, auch Mini-Tramp oder Rebounder genannt, geübt. "To rebound" heißt auf Englisch "zurückfedern". Johannes Roschinsky schreibt in seinem Buch "Spring Dich fit! – Gesund & schlank mit dem Minitramp":

"Rebounding ist mehr als ein einfaches Ausdauer- oder Fitnesstraining mit seinen positiven Effekten auf das Herz-Kreislauf-System und die Muskulatur. Aufgrund der auf den Körper einwirkenden G-Kraft werden alle 60 bis 70 Billionen Körperzellen trainiert. Dies wirkt sich wiederum positiv auf die Knochen und Gelenke aus. Rebounding gilt somit als einziges 100-prozentiges Ganzkörpertraining."

1980 veröffentlichte die NASA eine Studie, die nachwies, dass das Springen auf einem Trampolin dreimal effektiver ist, als Laufen. Zehn Minuten Trampolintraining haben den gleichen Effekt wie eine halbe Stunde Joggen. Seither beziehen sich nahezu alle, die die Vorzüge des Trampolins anpreisen, auf diese Studie wie auf ein Gütesiegel.

Gut 30 Jahre später gibt es tatsächlich ein Gütesiegel. Von der "Aktion Gesunder Rücken" e.V. kurz AGR, für das hochelastische Mini-Tramp. Die AGR wurde 1995 gegründet, um der Volkskrankheit "Rückenschmerzen" zu Leibe zu rücken. Der Verein bündelt Informationen aus verschiedenen medizinischen Fachrichtungen zum Thema und klärt auf.

Im Oktober 2008 veröffentlichte der Physiotherapeut und therapeutische Leiter der Klinik Bad Ripphold, Andreas Sperber, seinen Bericht. Er schreibt:

"Obwohl das Training auf dem hochelastischen Trampolin subjektiv nicht sehr anstrengend erscheint, ist es doch ein hochwirksames Herz-Kreislauf-Training. Es ist zudem ein sehr effektives Muskelaufbautraining. Durch die wechselnden Beschleunigungskräfte werden alle Muskeln reaktiv innerviert. Die beim Abbremsen verstärkte Gravitationskraft bewirkt, dass die exzentrische Muskelaktivität verstärkt wird."

Der Körper erreicht einen Zustand von Schwerelosigkeit

Auf der Erde zu leben bedeutet die Schwerkraft zu überwinden - mit jedem Schritt. Schon Säuglinge nutzen die Gravitation als Sparringspartner. So bauen sie langsam ihre Muskulatur auf und üben alle Bewegungsabläufe. Beinahe jedes Training ist ein Spiel mit der Schwerkraft. Und das Trampolin wirkt hier wie ein Verstärker für diesen Effekt. Das Gewicht des Körpers dehnt das Sprungtuch und setzt es unter Spannung, so dass es sich mit Energie auflädt. Diese wird zur Schwungkraft, die der Übende in Verbindung mit seiner Muskelkraft nutzt, um entgegen der Erdanziehung abzuheben. In der Luft erreicht der Körper einen Zustand von Schwerelosigkeit. Durch die Beschleunigung beim Fallen vervielfacht sich das Körpergewicht, die Muskeln leisten Schwerstarbeit. Andreas Sperber weiter in seinem Bericht:

"Auch die Beckenbodenmuskulatur profitiert von diesen reaktiv wechselnden Belastungen. Die Haltung verbessert sich durch eine lotgerechte Belastung gegen die Schwerkraft. Der Gelenkknorpel und auch die Bandscheiben werden nur durch Druck- und Zugkräfte ernährt. Ohne ausreichende Bewegung verliert die Knorpelmatrix ihre Substanz. Sogar nach Bandscheibenoperationen setzen wir den Rebounder in der Einzeltherapie ein. Die Pumpwirkung der Muskulatur beschleunigt den Lymphkreislauf der auch für die Immunabwehr mit verantwortlich ist."

Auch für ein gesundes Körpergewicht ist dieses Training ideal, meint Andreas Sperber:

"Der Stoffwechsel wird besonders stark angeregt. Es sorgt für eine verbesserte Peristaltik und damit für kürzere Verdauungszeiten. Zudem muss erwähnt werden, dass nur bei moderater Bewegung Fett verbrannt werden kann. Das sanfte Training kommt dem sehr entgegen. 'Powertraining' verbrennt zunächst nur die schnell verfügbaren Kohlehydrate und hilft mitnichten bei der Gewichtsreduzierung."

Alte Menschen, die bei Bedarf mit Haltegriffen arbeiten können, profitieren ebenso, wie Menschen mit geistigen oder psychischen Problemen.

"Die instabile Standfläche sorgt für eine ständige Kontrolle des Gleichgewichts. Gerade in der Sturzprävention ist dieses Koordinationstraining sehr wichtig. Die Reaktionsfähigkeit der Muskulatur nimmt zu und sorgt dafür, dass beispielsweise bei Glatteis oder bei Stolperfallen der Körper seine Reflexe adäquat einzusetzen lernt. Der Abbau der Stresshormone funktioniert in erster Linie über Bewegung und Atmung. Das regelmäßige, langsame An- und Entspannen aller Muskeln wirkt wie eine Massage von innen: Die Atmung wird ruhiger, gleichmäßiger und tiefer. Durch die Mehrdurchblutung wird die Regenerationsfähigkeit beschleunigt, ähnlich dem 'cool down' der Fußballer nach einem Spiel. Nach dem Training ist die Konzentrationsfähigkeit deutlich verbessert. Leichte Depressionen können durch körperliche Aktivitäten ohne Medikamente behandelt werden."

Ob Sport oder Spiel, ob Training für Trophäen oder Schwingen für Gesundheit und Wohlbefinden, ob zur Entspannung oder zur Steigerung der Konzentration - das Trampolin ist ein enorm vielseitiges Sportgerät und kann dabei helfen, körperliche und seelische Fitness zu erreichen.

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