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Reportage / Archiv | Beitrag vom 13.05.2013

Training fürs Vorstellungsgespräch

Ein Projekt hilft Jugendlichen aus Zuwandererfamilien bei der Ausbildungsplatz-Suche

Von Anja Schrum

Auszubildender in einer Uhren-Lehrwerkstatt (AP)
Auszubildender in einer Uhren-Lehrwerkstatt (AP)

Viele Schulabgänger mit Migrationshintergrund sind bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz auf sich allein gestellt: Ihre Eltern können ihnen dabei oft nicht helfen. Das Mannheimer Projekt "IKUBIZ" springt seit rund 30 Jahren ein und unterstützt beim Übergang von Schule zu Beruf.

"Ich bin für die Frau Müller-Fermadi hier."

Volkan blickt sich unsicher in dem Ladenlokal in der Mannheimer Innenstadt um. Links sitzen zwei IKUBIZ-Mitarbeiter an ihren Schreibtischen. Rechts stapeln sich in den Regalen Infobroschüren und Bücher rund ums Thema Berufswahl. Der stämmige, etwas tapsig wirkende 18-Jährige mit türkischen Wurzeln ist hier, weil er Hilfe bei seinen Bewerbungen braucht.

"Weil sich meine Eltern da nicht so gut auskennen, wie ich das schreiben soll. Wie das zum Beispiel aussehen soll."

Müller-Fermadi: "Hallo Volkan."

Sabine Müller-Fermadi bittet den Realschüler in ein separates Büro. Sie legt einen Stapel Ausdrucke auf den Tisch, setzt sich neben Volkan und blättert kurz durch ihre Notizen. Ein Chemie-Unternehmen in der Region sucht noch Lehrlinge.

"So, Volkan, Raschig hat einen Ausbildungsplatz als Industriemechaniker, da können wir gerne mal zusammen anrufen bei der Frau Beck. Wäre gut, wenn du das machen könntest. Kannste das? Kriegst du das hin?"

Volkan: "Na klar, na, klar."

Müller-Fermadi arbeitet als Ausbildungslotsin bei IKUBIZ, dem interkulturellen Bildungszentrum in Mannheim. Seit rund 30 Jahren begleitet die gemeinnützige GmbH Jugendliche mit Migrationshintergrund beim Übergang Schule-Beruf.

Zu Beginn jedes Schuljahres macht Sabine Müller-Fermadi einen Rundgang durch die Abschlussklassen, stellt die Angebote des IKUBIZ vor, bietet Hilfe an. Auch in Volkans berufsbildender Realschule.

"Also zwei Drittel seiner Klasse habe ich mittlerweile drinnen, die dann auch Bewerbungen mit mir zusammen schreiben. Gucken, dass wir die Betriebe anrufen. Das ist auch so eine Hürde. Das ist egal, wer das ist, die haben alle Angst, anzurufen. Und das trainieren wir auch. Manchmal trainiere ich das per Telefon auch."

Volkan setzt sich an den Computerarbeitsplatz, greift zum Telefonhörer, doch Müller-Fermadi bremst ihn.

"Weißt du noch, wie's funktioniert? (…) Deinen Namen sagen und guten Tag. Du bist noch auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Mal gucken, was für ein Ausbildungsplatz ist das?!"

Vulkan: ""Als Zerspanungsmechaniker."

Der 18-Jährige überlegt, was genau er sagen will. Müller-Fermadi gibt noch ein paar Tipps:

"Und die Frau immer mit Namen anreden, das ist gut."

Vulkan: "Frau Sutter? Okay."

Volkan greift wieder zum Hörer, tippt die Nummer ein.

"Hallo, guten Tag, mein Name ist Volkan, und ich wollte nachfragen, wegen – für einen Ausbildungsplatz als Zerspanungsmechaniker. Ah, sind da noch Plätze frei?"

Der Schüler drückt den Hörer fest ans Ohr, hört konzentriert zu.

"Ja, okay, danke schön. Tschau."

Müller-Fermadi: "Auf Wiederhören, nicht: tschau. Aber das hast du gut gemacht, richtig gut gemacht. Ist noch frei?"

"Ja."

"Hat sie gesagt, wie lange noch?"

"Nein, hat sie nicht."

"Dann fangen wir jetzt gleich damit an, okay?"

Volkan beginnt seine Bewerbung zu aktualisieren, formuliert ein neues Anschreiben. Sabine Müller-Fermadi guckt ihm über die Schulter, korrigiert wenn nötig. Zum Beispiel kleine Rechtschreibfehler. Sie schimpft nicht, sondern zeigt Verständnis, motiviert.

Müller-Fermadi: "Der Meschaniker. Das ist de Manhoimer, de Meschaniker"

Vulkan: "Ja. Und dann die Referenznummer, ja?"

"Ja, die ist wichtig."

Schräg gegenüber, auf der anderen Straßenseite vom IKUBIZ-Laden funkeln Armreifen, Ketten und Ringe in gläsernen Vitrinen. Das Juweliergeschäft Sherazade ist Teil des IKUBIZ-Ausbildungsverbundes, als eines von 250 Unternehmen, die Migranten gehören. Ziel des Verbundes ist es, gerade in solchen Betrieben das Lehrstellenangebot zu steigern.

Taner Akdogan poliert gerade den Tresen mit den Armbanduhren. Der 22-Jährige hat hier im Sommer 2012 seine Ausbildung zum Kaufmann im Einzelhandel beendet. Sein Chef hat ihn übernommen. Dabei war seine Berufswahl eher zufällig, sagt Tanar lachend.

"Mein Vater hat den Besitzer gekannt, von dort, also durch meinen Vater, hab ich dann den Laden hier gesehen, und hab mich dann hier beworben."

Jetzt hat der Betrieb zwei neue Auszubildende. Die Nachfrage ist groß, erzählt Ausbilderin Aynur Demirel, und bringt dampfenden Tee in Gläschen mit Goldrand.

Demirel: "Also, wenn jemand jetzt einen Hauptschulabschluss hat, hat er natürlich auch Chancen, aber er sollte in Mathe gut sein. In Mathe eine Fünf bringt nicht sehr viel, weil hier hängt alles mit Rechnen zusammen –dass da eine Zwei mindestens dabei sein muss."

Neben der Schulnote legt die Ausbilderin viel Wert auf eine freundliche Ausstrahlung und die korrekte Ansprache der Kunden auf Türkisch und Deutsch. IKUBIZ unterstützt den Betrieb, bespricht Lehrinhalte und schult die Ausbilder. Außerdem bietet der Verein Förderkurs für die Azubis, um den Lernstoff der Berufsschule zu vertiefen. Für all das bleibt gerade in kleinen Unternehmen wenig Zeit, sagt Aynur Demirel.

"IKUBIZ war dann auch behilflich bei der Gestaltung der Arbeitsverträge, also der Ausbildungsverträge, hat diese ganze Schulanmeldung übernommen. Dadurch wird einem ja auch die Arbeit erleichtert, man hat wiederum mehr Zeit. Sie sind behilflich, wenn man Fragen hat."

Im IKUBIZ-Ausbildungsverbund konnten bislang rund 1.400 Jugendliche mit Migrationshintergrund eine Lehre absolvieren. Beim Juwelier Sharazade waren es bisher fünf. Und Aynur Demirel ist sich sicher: Es werden noch viele folgen.

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