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Fazit / Archiv | Beitrag vom 07.01.2008

Tragisches Ende einer Musiker-Karriere

"Control" - das Regiedebüt von Anton Corbijn

Von Jörg Taszman

Sam Riley als Ian Curtis in Anton Corbijns Film "Control" (AP Archiv)
Sam Riley als Ian Curtis in Anton Corbijns Film "Control" (AP Archiv)

Anton Corbijn ist eigentlich Fotograf. Nun hat er sich an einem Musikfilm versucht. In "Control" geht es um Ian Curtis, den fast in Vergessenheit geratenen Sänger der Punkrockband "Joy Division", der bereits im Alter von 23 Jahren starb. In Cannes und in England gewann der Film bereits etliche Preise und kommt nun auch in die deutschen Kinos.

Es sieht aus wie im tiefsten Osten. Triste Plattenbauten irgendwo in England und junge Männer, die darin sehr laute Musik machen. So auch Ian, ein schlaksiger, fast unscheinbarer, eher schüchterner Typ. Er heiratet schon im Alter von 19 Jahren, wird schnell Vater und hat einen langweiligen Bürojob. In seiner Freizeit ist er Sänger, tanzt ungelenk und geht doch völlig aus sich heraus. Bald nennt sich seine Band "Joy Division", spielt in Clubs und erhält einen Plattenvertrag. Journalisten werden auf die noch fast pubertär wirkenden großen Jungs aufmerksam. Auch die von Alexandra Maria Lara verkörperte Annick interviewt Ian nach einem Konzert.

"Du bist also keine Journalistin?
Das ist mehr so ein Hobby, kein Vollzeitjob. Ich arbeite für die Belgische Botschaft, für die Regierung.
Klingt sehr interessant, eine freie, unabhängige Frau.
Das bin ich wohl. Ja. Erzähl mir über Macclesfield.
Es ist grau, es ist bedrückend. Seit ich denken kann, will ich da weg."

Ian gibt im Interview mit Annick zu, viel zu früh geheiratet zu haben. Er entfremdet sich immer mehr von seiner Frau, geht mit Annick eine Liebesbeziehung ein. Er kann sich zwischen den beiden Frauen nicht entscheiden. Auch mit dem Ruhm kommt er immer weniger klar. Außerdem ist er Epileptiker und nimmt starke Medikamente und Drogen. Er fühlt sich immer einsamer und depressiv. Am Vorabend zur ersten US-Tour der Band 1980 kommt es zu einer Katastrophe.

Regisseur Anton Corbijn war damals selber ein junger Mann und mochte die Musik von Joy Division. Erinnert sich Corbijn noch an den Todestag von Ian Curtis und wie er damals aufgenommen wurde?

"Also landesweit wurde es als nicht so wichtig erachtet. Sein Tod brachte es damals nicht bis auf die Titelseiten. Ich erinnere mich nicht sehr genau, aber wie jeder andere war ich schockiert und überrascht. Mir war überhaupt nicht bewusst, wie sein Gemütszustand war und dass er so tief depressiv war. Ich traf ihn nur zwei, drei Mal und wenn seine Bandmitglieder dies nicht voraus sehen konnten, wie hätte jemand wie ich da eine Ahnung haben können. Es wäre sehr traurig und dann kam die Single 'Love will tear us apart' heraus und ich war dabei, als das Video entstand und erinnerte mich so sehr oft an Ian Curtis …"

Erstaunlicherweise gibt es von Ian Curtis überhaupt keine Interviews, sondern nur wenige Archivaufnahmen von den Konzerten mit seiner Band. Dabei hatten Joy Division bereits ein Album herausgebracht und das zweite stand kurz vor der Veröffentlichung, als Curtis starb. Für Anton Corbijn ist dies auch ein Beweis dafür, wie viel sich in der Musikindustrie verändert hat. So ist seine in bestechenden Schwarzweißbildern gedrehte Filmbiographie über das kurze Leben von Joy-Division-Sänger Ian Curtis eine Erinnerungsarbeit und darüberhinaus ein echtes, erstes Kino-Highlight im neuen Jahr. Ein Film in Farbe kam für den Fotografen und nun auch Filmemacher übrigens nie in Frage.

"Die Geschichte von Joy Division war nur in Schwarzweißbildern dokumentiert und ihre Alben hatten Schwarzweiß-Cover. Außerdem war England damals ein sehr graues Land und ausgeblichen. Wenn man London verließ und weiter in den Norden kam, gab es richtige Armut. Das war so anders als in Holland und beeindruckte mich sehr. Aus all diesen Gründen war die Entscheidung für das Material richtig. Natürlich mag ich persönlich auch Schwarzweiß, wollte dem Film aber nicht meinen persönlichen Geschmack überstülpen."

Anton Corbijn, der als junger Fotograf den Sänger ein paar Male porträtiert hatte, gelang ein ebenso zurückhaltender wie hochemotionaler Film über einen jungen Mann, der weder mit dem frühen Ruhm, seiner Krankheit Epilepsie noch mit seinem Privatleben klar kam. Wenn "Control" als Film so gut funktioniert, dann vor allem auch weil die Darsteller allesamt überzeugen. Sam Riley in der Hauptrolle ist eine echte Entdeckung und auch die Schauspielerinnen an seiner Seite spielen sehr eindringlich. Die international bekannte Samantha Morton, gerade noch in den Kinos als intrigante Maria Stuart in "Elizabeth" zu sehen, spielt in "Control" die unglückliche Ehefrau, und Alexandra Maria Lara muss die erstmal auf den ersten Blick undankbare Geliebte spielen. Die Rolle an sich reizte sie dabei nur bedingt.

"Weil die Rolle erstmal jetzt auch beim Lesen nicht die größte Herausforderung dargestellt hat auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick dann muss ich sagen … es ist keine einfache Rolle, weil die Figur auch nicht wirklich viel Raum hat, auch im Film nicht. Ich dachte mir, es könnte schwierig werden, überhaupt etwas über diese Frau zu erzählen und dann dieser Beigeschmack der anderen Frau oder der Beigeschmack der Geliebten sozusagen, der war schon eindeutig vorhanden, komischerweise obwohl man das ja eigentlich nicht vermuten würde, aber ich habe mich da ein bisschen schwer getan mit am Anfang. Ja."

Die Bedenken der jungen Deutschen sind unbegründet. Anton Corbijn gelingt es gerade in seiner nüchternen Art Regie zu führen, die Dreiecksgeschichte sehr ausgewogen zu erzählen. Mit der echten Annick wollte sich Alexandra Maria Lara übrigens nicht treffen und so hatte sie nur die gemeinsamen Briefe zwischen den beiden Liebenden, um sich auf ihre Rolle emotional einzustimmen. Insgesamt ist "Control" so ein ganz anderer Musikfilm über das tragische Scheitern eines jungen Lebens geworden, der nie vorgibt, etwas verstanden zu haben, sondern am Ende den Zuschauer mit vielen offenen Fragen entlässt. Dass "Control" auch ein Revival an der Musik von "Joy Divison" auslöste, ist dann ein weiterer, angenehmer Nebeneffekt des Films.

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