Mittwoch, 20. August 2014MESZ12:47 Uhr

Buchkritik

GeschichtsdokumentAnleitung zum Umgang mit Deutschen
Panzer der Alliierten fahren beim Vormarsch im März 1945 durch die Straßen der Stadt Kevelear.

Instruktionen für den Einsatz in Nazi-Deutschland: Für den Umgang mit den Deutschen bekamen die britischen Soldaten einst eine Art Grundlagenhandbuch, das den Charakter der feindlichen Bevölkerung beschrieb. Auch nach 70 Jahren ist es noch immer lesenswert.Mehr

RomanKunst und Freiheit
Der Erdschatten und der Gürtel der Venus über San Francisco

Der Roman "Die Interessanten" wurde in den USA von Publikum und Presse gefeiert, jetzt ist er auch auf Deutsch erschienen. Die Autorin Meg Wolitzer bietet mit einer scharfen Analyse des Zeitgeists des späten 20. Jahrhundert eine packende Lektüre.Mehr

ÖkonomieMutig, innovativ, tollkühn
US-Präsident Barack Obama bei einer Diskussion mit Facebook-Chef Mark Zuckerberg

In ihrem Buch "Das Kapital des Staates" beleuchtet die Ökonomin Mariana Mazzucato den Staat als Unternehmer. "Revolutionäre Innovationen" wie Eisenbahn, Internet oder Nanotechnologie würde es ohne ihn nicht geben, meint sie.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

Eine literarische ErkundungLuftlinien
Ein Feld und eine Windmühle

Ohne Luft kein Leben - ein Element in der Literatur: von Don Quijotes Kampf mit den Windmühlen über Thomas Manns Lungensanatorium bis zur Luftverschmutzung in Monika Marons "Flugasche" - viele große Werke kommen ohne die Luft nicht aus.Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.07.2012

Träum weiter

Haruki Murakami: "Die Bäckereiüberfälle" mit Illustrationen von Kat Menschik, Dumont, Köln 2012

Der japanische Schriftsteller Haruki Murakami
Der japanische Schriftsteller Haruki Murakami (AP)

Die Berliner Illustratorin Kat Menschik setzt zwei traumverlorene frühe Erzählungen des japanischen Schriftstellers Haruki Murakami in Szene. Und führt mit ihren Illustrationen in eine fantastische Unterwasserwelt, die süchtig macht.

Gold, weiß, dunkelgrün, so kommen einem die Bilder entgegen. Die massiven grünen Grundlinien gefüllt mit goldenen Flächen, es überlagern sich die Detailaufnahmen, Flora, Fauna, Körperteile, und immer wieder Wasser: in Wellen, Blasen, Strudeln oder Spritzern. Hier wächst eine Sonnenblume vor dem anatomischen Aufriss eines Bauchraums, dort schwimmt ein Kassettenband herausgelöst im Wasser, schwebt eine Strumpfmaskierte Nixe mit einem Beutel Hamburgerbrötchen durchs Bild.

Die Grenze zwischen Traum und Alptraum ist porös - so warnen diese Bilder, und lassen keinen Zweifel am liquiden Charakter der hier illustrierten Literatur. Geschichten aus der seltsam balkenlosen Welt des Haruki Murakami, in die hier gleich zwei Texte auf unterschiedliche und doch verquickte Weise führen: "Die Bäckereiüberfälle" sind zwei kurze Novellen des japanischen Autors aus den 80er-Jahren, die in diesem Band als Fortsetzungsgeschichte inszeniert werden.

Alles beginnt mit einem existenziellen Hunger zweier junger Männer, die sich fühlen, als hätten sie ein "kosmisches Vakuum verschluckt". Dieser unerklärliche Hunger treibt sie mit Messern bewaffnet in die nächste Bäckerei. Doch der Bäcker, ein Kommunist und Wagner-Verehrer, lässt den Überfall nicht zu und schlägt vor: Brot gibt's in Hülle und Fülle, wenn die beiden im Gegenzug ein bisschen Tristan und Isolde mit ihm hören. Gesagt, getan, guten Appetit.

Die zweite Geschichte setzt gut zehn Jahre später ein. Der Erzähler und seine Frau wachen mitten in der Nacht auf und sind von so unvorstellbarem Hunger geplagt, dass es sie nicht mehr im Bett hält. Der Erzähler erinnert sich am Küchentisch an den ersten Bäckereiüberfall und berichtet seiner Frau von dieser Tat aus Studentenzeiten. Sie folgert: auch dieser erneute Hunger kann nur durch einen Überfall gestillt werden. Mit Schrotflinte und überklebtem Nummernschild macht man sich auf eine Autofahrt durchs nächtliche Tokyo.

Während der erste Bäckereiüberfall in seiner Skurrilität und seinem Slapstick einer durchaus bekifften Atmosphäre entsprungen scheint, liest sich der zweite Überfall wie ein Traumnotat. Zweimal schreibt Haruki Murakami virtuos an der Realität vorbei und verwickelt in eine elegant-fantastische Handlung. Die kurzen, reduzierten Bäckereiüberfälle (deren Sujet des Hungers bekanntlich bereits Franz Kafka oder Knut Hamsun inspiriert hat) erinnern an einen Murakami, der in letzter Zeit seine meisterhafte kurze Form zuungunsten einer langweilig verquatschten Verrätselung aufgegeben zu haben scheint - zuletzt mit seinem 1600-seitigen Opus "1Q84".

Der Dumont Verlag tut gut daran, den frühen traumverlorenen Erzählungen des japanischen Bestsellerautors mit ihrer Hausillustratorin eine Bühne zu bauen. Zum zweiten Mal hat die Berlinerin Kat Menschik einen Text Murakamis in ihre eindringliche Ästhetik übersetzt, die an die Tradition japanischer Bildkunst, an die Holzschnitte eines Hokusai genau wie an moderne Manga erinnert. Menschik, Jahrgang Jahrgang 1968, ist eine der bekanntesten Künstlerinnen ihrer Profession, ihre Bilder kennt man aus dem Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und aus diversen Büchern, die sie illustriert hat. Ob wie vor kurzem in den isländischen Sagas oder wie hier im Murakami-Kosmos: immer birgt sie ihre Bilder direkt aus dem Text, lässt Details und Wesen leuchten, lässt das Eintauchen in Literatur immanent werden. Zwischen die Buchstaben gemalt: Eine Unterwasserwelt, die süchtig macht.

Besprochen von Katrin Schumacher

Haruki Murakami, "Die Bäckereiüberfälle"
Aus dem Japanischen von Damian Larens
Mit Illustrationen von Kat Menschik
Dumont, Köln 2012
80 Seiten, 14,99 Euro