Seit 08:05 Uhr Kakadu
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 08:05 Uhr Kakadu
 
 

Fazit / Archiv | Beitrag vom 28.07.2010

"Toy Story 3"

Hans-Ulrich Pönack über pfundiges Premiumkino

Die Plaste-Elaste-Figuren aus dem Computer sind wieder da, diesmal in 3D: In "Toy Story 3" werden die bekannten Spielzeugcharaktere von ihrem Besitzer ausrangiert und aus dem Kinderzimmer-Paradies vertrieben. Die Geschichte atmet Melancholie - und ist hinreißend animiert.

USA 2009/2010, Regie: Lee Unkrich, Sprecher: Michael "Bully" Herbig, Rick Kavanian, Christian Tramitz, 103 Minuten

Der am 8. August 2010 43 Jahre alt werdende kalifornische Spielleiter Leo Unkrich war beim ersten Film als Cutter dabei, arbeitete beim zweiten bereits als Co-Regisseur und bewährt sich nun als Chef-Verantwortlicher innerhalb der Pixar Animationsschmiede. Das erfolgreichste Animationsstudio überhaupt, das in 15 Jahren zehn Animationsspielfilme herstellte, die mit "Oscar"-Trophäen nur so überschüttet wurden (wie zuletzt "Oben"; "Wall-E"; "Ratatouille") und dabei noch nie einen Flop gelandet hat, zeigt sich auch 2010 von seiner allerbesten Unterhaltungsseite. Normalerweise beziehungsweise vielfach sind Fortsetzungsfilme nicht gerade von Kreativität und Originalität begleitet, sondern reine "Resteverwertung". Ganz anders hier.

Aber zunächst erinnern wir uns: "Toy Story" von John Lasseter und Andrew Stanton war 1995 der erste nicht-inszenierte, sondern voll-programmierte Film überhaupt. Ee entstand komplett am Computer und gilt inzwischen als Meisterwerk. Der "Oscar"-prämierte Streifen wurde 2005 in den USA in das Nationale Film-Register aufgenommen und gilt seit 2007, laut dem Amerikanischen Film-Institut, zu den "100 besten Filmen aller Zeiten". 1999 kam "Toy Story 2" von John Lasseter heraus und wurde ebenfalls weltweit hofiert sowie erneut ein gigantischer Kassenerfolg.

Nun also Teil 3. In 3 D. Die Beteiligten dürften hinlänglich bekannt, populär sein: Spielzeug. Wie die Cowboy-Puppe Woody; der Astronauten-"Kraftkerl" Buzz Lightyear; das rosa Sparschweinchen Specki, Charlie Naseweis, der besserwisserische Kartoffelmann oder Rex, der sensible Dinosaurier. Die bekanntlich immer dann "leben", wenn Mensch wegschaut. Vor allem Andy, dem das gesamte Spielzeug gehört. Aber irgendwann ist Schluss mit lustig - mit Spiel, Spaß und Herumtollen. Irgendwann ist die schöne Kinderstube vorbei. Was nun? Andy ist fast 18 Jahre alt, wird das Elternhaus demnächst verlassen. Das College ruft. Was aber wird aus all seinem Spielzeug?

Zwei Möglichkeiten: Auf den Speicher, zum Noch-ein-bisschen-Aufbewahren, oder gleich in den Müll. Natürlich sind unsere Helden aus Plastik, Holz und Gummi besorgt. Geradezu aufgeschreckt. Die Wegwerfgesellschaft hat sie erreicht. Sie gelten als wertlos, sollen abgestellt oder gleich entsorgt werden. Aus, Ende, Trauer? Von wegen. Natürlich wollen sie sich das nicht gefallen lassen. Landen versehentlich an einem neuen, vermeintlich schönen Kinder-Ort:

In dem Kindergarten "Sunnyside". Der aber erweist sich als Horrorstätte. Wo mit ihnen nicht gespielt wird, sondern wo sie von schrecklichen Gören übelst malträtiert werden. Getreten, zerklopft, gerupft. Bloß weg hier. Ab zu einem besseren Zuhause. Am besten zurück zu Andy. Wenn´s sein muss auch auf den Speicher. Hauptsache Frieden.

Doch das ist einfacher gedacht als getan. Denn neben dem fürchterlichen Rabauken-Nachwuchs existiert auch in der Toy-Welt eine strenge Hierarchie. Wie schon bei George Orwell in "Farm der Tiere": Alle sind gleich, aber einige sind gleicher. Anführer der Puppen-Parade ist der äußerlich niedliche, gutmütige Teddybär Lotso. Ein großer rosa-weißer Plüschi mit einer violetten Samtnase. Marke Knuddeltyp. Doch in Wirklichkeit ist Lotso ein traumatisierter, psychopathischer Diktator, der ein strenges Regime eingerichtet hat. Und sich nun daranmacht, Woody & Co. profitabel zu unterjochen. Eine neue Bewährungsprobe für Andys Lieblinge "draußen", die sie schließlich sogar in eine Müllverbrennungsanlage führt. Bloß jetzt nicht die 3 D-Brille absetzen.

Die Vertreibung aus dem Paradies. Als abenteuerliche, faszinierende, liebenswerte, aufregende Parabel. In Sachen Alt-Werden, Verlassen-Werden, Was-dann-Mentalität, der Materialismus und seine Folgen und überhaupt: Hat ausgedientes "altes Spielzeug" in unserer Wegwerfgesellschaft überhaupt noch eine Chance? Das Leben und überhaupt, durch die bunte, kesse, witzige, gefühlvolle Puppen-Abenteuer-Brille. Unglaublich, schön.

Denn der Detailreichtum ist wieder enorm. Die Naivität einmal mehr wunderbar ausgiebig. Der augenzwinkernde Humor (etwa zwischen Blondchen-Püppi Barbie & Eitel-Trottel Ken, genau dem) ganz prima. Diese vielen menschlichen Spielzeugtypen sind hinreißend animiert, werden in köstlich-komische Bewegung versetzt und mit herzlich-herrlichem, zweideutigem Lebens-Slapstick versehen. Um schließlich in prächtiger Melancholie auszuatmen.

Auch "Toy Story 3" lebt wieder faszinierend in der gelungenen Mischung aus Spaß, Sinn und exquisiter Suspense-Show. Und der staunenden, erstaunlichen Erkenntnis: Wieso berühren Plaste-Elaste-Figuren aus dem Computer eigentlich so viel mehr als viele dieser "echten" Filmfiguren, die sonst um uns im Kino herumspringen (wie dieser dusslige "Karate Kid" kürzlich?). Vom Randy-Newman-Toy-Song-Klassiker "You´ve Got a Friend in Me" gibt es eine mitreißende "spanische" Coverversion von den "Gipsy Kings”. Im Original sprechen Promis wie Tom Hanks (Woody), Tim Allen (Buzz Lightyear) sowie Michael Keaton (Ken), Wallace Shawn (Rex) und (Ex-007) Timothy Dalton (Mr. Pricklepants).

Bei uns wurden die bekannten Stimmen von Michael "Bully" Herbig (Woody), Rick Kavanian (Rex) und Christian Tramitz (Ken) verpflichtet. Herz, Schmerz, Komik- voll und cool, Abenteuer rauf und runter, eine stimmungsvolle Atmosphäre und Melancholie, trickkluges Fantasy-Leben mit Realo-Geschmack: Erich Kästner hat mal sinngemäß gesagt, nur wer als Erwachsener Kind geblieben ist, ist ein Mensch. "Toy Story 3" ist pfundiges, also stimmungs- wie gefühlvolles Premium-Kind-Kino-satt. Für sämtliche Altersschichten.

Filmhomepage

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsDie Entkolonialisierung der Universität
Seminarzentrum in der Freien Universität in Berlin. (picture-alliance / dpa-ZB / Jens Kalaene)

Studenten der FU Berlin wollen ihre Hochschule "entkolonialisieren". Den Studierenden ist aufgefallen, dass in der Vorlesungsreihe "Klimawandel in Afrika" kein afrikanischer Professor unterrichtet, meldet die "taz". Das Feuilleton der "FAZ" entschuldigt derweil Amerikas Intellektuelle.Mehr

weitere Beiträge

Fazit

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur