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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.08.2010

Totes Gestein, das zu sprechen beginnt

Durs Grünbein, "Aroma", Ein römisches Zeichenbuch, Suhrkamp Verlag, Berlin 2010, 183 Seiten

Die Villa Massimo in Rom (Villa Massimo)
Die Villa Massimo in Rom (Villa Massimo)

Durs Grünbein wandelt und flaniert durch Rom: Sein "Zeichenbuch" ist ein Gastmahl für die Sinne, die bei der Lektüre betört, verwöhnt und geschärft werden. Denn die ewige Stadt hat ein einzigartiges Aroma, das der Dichter auszukosten weiß.

Ein Jahr lang war Durs Grünbein zu Gast in der Villa Massimo in Rom. Ein Jahr lang konnte er täglich in der "ewigen" Stadt flanieren und über jenes Pflaster wandeln, das wie kaum ein anderes von Geschichte widerhallt. Die Stadt befeuert den Poeten förmlich mit Geschichte, der bei diesem Dauerbeschuss gut beraten wäre, in Deckung zu gehen – besser noch: sich zu ergeben. Ein Schelm, wer es mit dieser Stadt aufnehmen wollte.

Doch Durs Grünbein weiß, worauf er sich einlässt. Er begegnet der Stadt literarisch und legt sie mit dem "A", das er an den Anfang und ans Ende des Titels gesetzt hat, ins Sprachbett. Er bettet Rom ins Alphabet. "A" bedeutet dann so viel wie Anfang und dieser Anfang ist ohne Ende: Es bleibt auch am Schluss ein staunendes "A". Mehr braucht es nicht und Rom entfaltet sein unverwechselbares Aroma. Rom gefällt sich und sie gefällt den Dichtern, die die Stadt am Tiber stets bestaunt und bewundert haben.

Um diese lange Tradition weiß der Dichter aus dem Norden, der sein römisches Skizzenbuch in fünf Teile gliedert. Der erste Teil besteht aus einem Gedicht mit dem Titel "Aroma". In den 53 Strophen geht er auf Tuchfühlung mit Rom. Kein Baedecker wird zur Orientierung benötigt, sondern dieser Stadtsüchtige hat seinen Juvenal, den römischen Satiriker, unterm Arm. Mit diesem Weggefährten an der Seite, den Grünbein im dritten Teil als "Bruder Juvenal" anspricht, ist er bestens gerüstet, wenn die Heilige Stadt ihr anderes Gesicht zeigt und sich als große Verführerin präsentiert.

In Juvenal, dessen dritte Satire den zweiten Teil bildet, sieht Grünbein den eigentlichen Begründer der modernen Großstadtliteratur. Er ist einer von Grünbeins Dialogpartnern, wenn sich der Zugereiste auf Erkundungsexkursionen in Rom begibt und in seinem "Römischen Zeichenbuch" festhält, was er entdeckt hat. Unendlich viel hat die Stadt zu bieten, die reich an totem Gestein ist, das zu sprechen beginnt, wenn man zu hören versteht.

Durs Grünbein gibt sich in diesem Band erneut als ein großer Lauschender zu erkennen. Doch gehen ihm im fünften Teil, überschrieben mit "Tänzerin in Tivoli", die Augen über angesichts einer sehr lebendigen Gestalt, die er anders wahrnimmt als er Tivoli besucht. Schöner kann man kaum sagen, was es bedeutet, innerhalb steingewordener Geschichte jemanden an seiner Seite zu wissen, der einen wieder in Bereiche lebendigen Seins zu führen vermag.

Auf viele kulturelle Schätze wird in "Aroma" verwiesen – Plätze, Straßen, Monumente nehmen Gestalt an, wenn der Romreisende sich ihrer annimmt. Doch bei allem Respekt, Durs Grünbein gestattet sich auch die frechen Seitenblicke und übersieht nicht die, die ihr Dasein im Schatten fristen. Er preist die Stadt und er fragt zugleich nach dem Preis. Rom ist zauberhaft. Die Stadt hat ihr eigenes Aroma und sie schmeckt, riecht und klingt einzigartig. "Aroma" ist ein Gastmahl für die Sinne, die bei der Lektüre betört, verwöhnt und geschärft werden.

Besprochen von Michael Opitz

Durs Grünbein, Aroma. Ein römisches Zeichenbuch
Suhrkamp Verlag, Berlin 2010
183 Seiten, 19,90 Euro

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