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Totengedenken - möglichst nah an der Wahrheit

Gedenkstätte Seelower Höhen räumt mit eigener Museumsgeschichte auf

Von Christoph Richter

 Bronzefigur eines sowjetischen Soldaten auf dem Gelände der Gedenkstätte Seelower Höhen
Bronzefigur eines sowjetischen Soldaten auf dem Gelände der Gedenkstätte Seelower Höhen (picture alliance / ZB / Patrick Pleul)

Sie gilt als größte und brutalste Schlacht des Zweiten Weltkriegs auf deutschem Boden: Bei den Kämpfen zwischen Wehrmacht und Rotarmisten in den Seelower Höhen sollen 90.000 Soldaten ums Leben gekommen sein - in nur vier Tagen im April 1945. Eine neukonzipierte Dauerausstellung erinnert an die Katastrophe.

April 1945. Granattrichter neben Granattrichter, Schützengräben, dazwischen zerschossene Panzer, in den Dörfern nur Ruinen: So sahen - 80 Kilometer östlich von Berlin - die Seelower Höhen während des Angriffs der Roten Armee aus. Erinnert sich der damals 18-jährige Soldat Hans-Wilhelm Blume. Später geriet er in sowjetische Gefangenschaft.

"Sind zu Fuß durch Seelow marschiert und plötzlich setzte dann ein wahnsinniges Granatwerferfeuer ein. Es war ohrenbetäubend, weil ringsum nur Einschläge waren."

Auf der anderen Seite standen die Rotarmisten. Unter ihnen ein unbekannter sowjetischer General, der die Ereignisse während der Schlacht um die Seelower Höhen in einem Bericht eindrücklich schildert. In der nach neuesten Schätzungen rund 90.000 Soldaten ums Leben gekommen sind.

"Die deutschen Soldaten kämpften äußerst verbissen, lieber ließen sie sich umbringen, als dass sie sich ergaben. Offensichtlich hatten sie Angst vor der dahinterliegenden SS."

Zwei von 23 persönlichen Schicksalen, die in den Medienstationen der neuen Dauerausstellung der Gedenkstätte Seelower Höhen nachzuhören sind.

Dabei geht es um keine simple Aufarbeitung der Kriegsgeschichte. Denn in der neuen Konzeption – die etwa 450.000 Euro gekostet hat, und um die man fast fünf Jahre ringen musste – sind fast keine Militaria zu sehen. Prägend ist ein reduzierter Einsatz von Exponaten. Man sieht zwar eine Uniform, an anderer Stelle ein Gewehr, doch alles wird sorgfältig und nüchtern eingeordnet.

"Ich will nicht in erster Linie Emotionalität hervorrufen, sondern für mich geht es darum zu informieren. Emotionalität entsteht für mich aus Information","

unterstreicht der Potsdamer Kurator Sebastian Nagel.

""Inhaltlich sollte nicht aus dem Blick geraten, wer diesen Krieg begonnen hat, wer diesen rasse-ideologischen Vernichtungs-Krieg im Osten geführt hat gegen die Sowjetunion: Das war das nationalsozialistische Deutschland."'"

Der Museumsbau - ein schmaler Quader aus Holz und Beton - ähnelt einer Mischung aus Bunker und Gefechtsstand. Und lugt fast bedrohlich aus einem Hügel heraus. Er liegt direkt an der B 1, der alten Reichsstraße 1, die einst Aachen und Königsberg verband. Über der Gedenkstätte thront die riesige Bronzefigur eines Rotarmisten, der sich auf einen zerstörten deutschen Panzer stützt. Auf dem Museumsvorplatz sieht man altes Kriegsgerät, darunter ein sowjetischen Geschosswerfer, den die Deutschen als "Stalinorgel" bezeichneten.

""Wir haben mit einigen Mythen hier aufgeräumt, dass alle diese Gerätschaften im Krieg benutzt worden seien. Das ist nicht so. Vollkommen fern lag uns, dieses Gerät zu entfernen. Denke Kontextualisierung, Kommentierung ist hier der richtige Weg."

Während die letzte Dauerausstellung von 1995 die Umstände des Krieges in profanen Vitrinen erläuterte, die deutsche Opferperspektive in den Vordergrund stellte, hat man jetzt eine visuelle, medial aufgearbeitete und verdichtete Geschichtsausstellung konzipiert. Flache, einladende Tafeln, versehen mit historischen Fotos veranschaulichen die Zeit.

Einen großen Raum, fast die Hälfte der Ausstellung, nimmt die eigene Gedenkstättengeschichte ein. Nur sechs Monate nach Kriegsende wurde es als Ehrenmal gegründet. 1972 haben die SED-Machthaber ein Museum gebaut – dessen Besuch für viele Arbeiter, Studenten und Schüler Pflicht war. Die DDR-Geschichtsdarstellung, die erinnerungspolitischen Brüche sollen kritisch hinterfragt und beleuchtet werden, betont frühere NVA-Soldat und Gedenkstättenleiter Gerd-Ulrich Herrmann:

"Und so war es für uns auch spannend herauszufinden, warum und wie dieser Gedenkort zu DDR-Zeiten benutzt wurde. Als ein Teil des Systems."

Man sieht den üblichen Gedenkstättenkitsch wie Urkunden und Wimpel. Aber auch propagandistische Fernsehausschnitte des DDR-Fernsehens, die deutlich machen, dass das ostdeutsche Geschichtsbild, immer von der sowjetischen Doktrin des unbesiegbaren Helden geprägt war. Offensichtlich wird, wie staatliches Gedenken organisiert und instrumentalisiert wurde. Anders heute. Denn die Ausstellung wolle keine Lehranstalt sein, keine scherenschnittartigen Antworten anbieten, unterstreicht Militärhistoriker Herrmann.

"Wir geben keine fertigen Richtungen im Denken vor, wir wollen zum Nachdenken anregen. Man sollte einfach, wenn man hier ist, auch weiterhin sich mit diesem Thema beschäftigen."

Präsentiert wird mit der Gedenkstätte Seelower Höhen eine museale Geschichtskonzeption, die sich nicht an trockenen Zahlen orientiert, sondern die Besucher auf eine höchst aufschlussreiche Zeitreise mitnimmt. Zum Vorschein kommt eine exzellent gemachte – allerdings sehr kleine – gerade mal 100 Quadratmeter große Kabinett-Dauerausstellung, die zukünftig auch Begegnungsstätte sein will. Hervorzuheben ist der kritische Umgang mit dem DDR-Geschichtsbild, der in Brandenburg keineswegs selbstverständlich ist. Schade nur, dass keiner der Ausstellungstexte in russischer Sprache zu lesen ist, da doch gerade viele der jährlich 19.000 Besucher ehemalige Zeitzeugen aus der ehemaligen Sowjetunion sind.

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