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Filme der Woche / Archiv | Beitrag vom 02.05.2012

"Tomboy"

Die Geschichte eines Mädchens, das ein Junge sein will

Von Anke Leweke

Die französische Film-Regisseurin Céline Sciamma
Die französische Film-Regisseurin Céline Sciamma (picture alliance / dpa - Britta Pedersen)

Es ist ein Traum, den jeder kennt: Sich einmal neu zu erfinden, in eine andere Haut zu schlüpfen, Namen und Identität zu wechseln. Für die Hauptfigur von Céline Sciammas Film "Tomboy" wird er wahr. Durch einen Umzug, der zwei junge Eltern und ihre beiden Kinder in eine neue Wohnung in einer französischen Vorstadt führt.

"Mikael" sagt das ältere Kind auf die Frage der Spielkameraden, wie es denn heiße. Mikael trägt weite Jeans und sehr kurze Haare. Er spielt Fußball mit den Jungs des Viertels, streift durch den nahen Wald, beginnt einen zarten Flirt mit der gleichaltrigen Lisa. Die Überraschung kommt beiläufig wie ein kleiner Schock: Zu Hause redet die Mutter ihr älteres Kind mit "Laure" an.

"Tomboy" von der französischen Regisseurin Céline Sciamma ist, was der Titel sagt: Die Geschichte eines Mädchens, das ein Junge sein will. Oder eines Jungen, der im Körper eines Mädchens gefangen ist. Der Film ist eine Mischung aus Vorstadtthriller und Märchen. Thriller, weil wir, sobald wir das Geschlecht der androgynen Hauptfigur kennen, die Entdeckung fürchten. Weil wir zittern, wenn Mikael/Laure sich beim Fußballspiel in den Wald verzieht, um unbeobachtet zu pinkeln. Oder wenn für den gemeinsamen Schwimmausflug der Kinder ein Penis aus Knete in die Badehose gestopft wird.

"Tomboy" ist ein Märchen, weil der Film von Prüfungen und Abenteuern erzählt. Vom Gegensatz zwischen dem Schutzraum der elterlichen Wohnung und dem Wald, in dem Laure/Mikael die erste Prügelei und den ersten Kuss erlebt. Es ist ein Wald, der zur Wildnis wird, in der eine Gruppe Kinder die Macht- und Demütigungsspiele spielt, die nun mal zum Erwachsenwerden gehören.

Von all dem erzählt "Tomboy" in lichten Bildern und mit einer Kamera, die Mikael/Laure aus komplizenhafter Nähe folgt. Die Neu- und Selbsterfindung, von der dieser Film erzählt, mag ihre sozialen Grenzen haben. Dennoch weist sie einen Weg, der auf anrührende Weise über den Film hinausweist. Laure/Mikael - unser neuer Freund.

Frankeich 2011, Regie: Céline Sciamma, Hauptdarsteller: Zoé Héran, Maloon Lévana, Jeanne Disson, 84 min

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