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Thema / Archiv | Beitrag vom 01.12.2011

"Toleranz ist die Mission"

Der Kabarettist Serdar Somuncu über sein Debütalbum

Moderation: Ulrike Timm

Der türkische Schauspieler und Kabarettist Serdar Somuncu spielt in Halberstadt sein Programm "Hitler-Kebap". (picture alliance / ZB)
Der türkische Schauspieler und Kabarettist Serdar Somuncu spielt in Halberstadt sein Programm "Hitler-Kebap". (picture alliance / ZB)

Bislang kannte man Serdar Somuncu als ebenso umstrittenen wie bejubelten Kabarettisten. Mit seinem ersten Album "Dafür kommt man in den Knast!" zeigt er nun seine musikalische Seite. Ein Gespräch über Humor als Waffe gegen Rechtsextremismus - und die erotische Ausstrahlung Adolf Hitlers.

Ulrike Timm: "Jede Minderheit hat ein Recht darauf, diskriminiert zu werden" – das ist einer der vielen ins Ohr fallenden Sätze der Kabarett-Programme von Serdar Somuncu. Mit seinen Auftritten hat er für Begeisterung oder für Protest gesorgt. Dazwischen gab es eigentlich wenig – das ist für einen Kabarettisten ja kein ganz schlechtes Fazit.

Dabei ging aber irgendwie verschütt, vielleicht auch ihm selber, dass Serdar Somuncu eigentlich Musiker und Schauspieler ist. Jetzt ist das nicht mehr zu überhören, denn Serdar Somuncu hat sein erstes eigenes Album veröffentlicht, selbst geschrieben und selbst gesungen: "Dafür kommt man in den Knast!", so heißt das Album.

Serdar Somuncu, der ist jetzt bei uns im Studio, herzlich willkommen!

Serdar Somuncu: Hallo!

Timm: Ist das ein Zurück zu Ihren eigentlichen Wurzeln, zur Musik, dieses Album?

Somuncu: Ja, es ist ein bisschen eine Rückkehr – aber auch eine Ergänzung und eine Vervollständigung. Das fehlte mir lange, und ich habe mir das immer gewünscht, dass eines Tages ich es mir leisten und gönnen kann, auch wieder Musik zu machen, ohne Angst zu haben, dass ich meine Miete nicht zahlen kann, und das ist jetzt der Fall.

Timm: Es ist ja ein raffiniertes Stück, es hört sich sehr, sehr harmonisch an, man fängt sofort an, mitzusingen: "Dafür kommt man in den Knast!" Kein Problem, und auf einem Ohr hört sich das sehr nett an, bis man das andere Ohr zuschaltet und dann kapiert: Das könnte ein teilweise recht böser Kommentar auf unser Rechtssystem sein. Hat das Methode?

Somuncu: Das hat Methode. Das ganze Album hat Methode. Es ist ein Konzeptalbum, was nicht aus dem Effeff entstanden ist, sondern es sind die Früchte langjähriger Arbeit, die ich mir gemacht habe – in der Frage auch, wie setze ich das, was ich auf der Bühne mache als Comedian, als Kabarettist, in Musikform um, und dass ich einen Kindersong sozusagen, eine Kindermelodie gesetzt habe auf eine Sache, die ja oft wiederholt und behauptet wird, die Großen lässt man laufen, die Kleinen lässt man hängen, das war Absicht. Und es ist Gott sei Dank auch ein Ohrwurm geworden. Immer wenn ich es höre, lässt es mich nicht mehr los.

Timm: Und der Kabarettist sagte dann dem Musiker, im Knast sitzen oft die Falschen?

Somuncu: Na ja, es ist ja im Mittelteil ganz klar geäußert, worum es geht. Es ist eine Frage der Perspektive, was kriminell ist. Ob man falscher Doktor ist oder Geld im Koffer trägt – wir erinnern uns an einen Kanzler, der das gemacht hat – oder seine Nachbarn frisst oder seine Kinder schlägt, das ist alles sehr relativ. Und das ist der Song, darum geht es in diesem Song, dass man sagt, es kommt drauf an, von welcher Perspektive aus man die Sachen betrachtet. Man kommt nicht immer für die richtigen Dinge in den Knast.

Timm: Serdar Somuncu, ich frage das natürlich auch, weil Sie bekannt, in vielen Kreisen auch berühmt geworden sind als sogenannter kabarettistischer Hassprediger. Unter Polizeischutz haben Sie gelesen aus Hitlers "Mein Kampf", Sie haben mit Nazitexten auf der Bühne sehr riskant gespielt, Hassprediger war so das Wort, das man Ihnen anhängte. Nun hat ja jeder Prediger eine Mission – welche ist denn Ihre?

Somuncu: Das ist schwer zusammenzufassen. Aber wenn ich es müsste, würde ich sagen: Toleranz ist die Mission. Es geht darum, den anderen auszuhalten in seiner Andersartigkeit, ihn zu verstehen, zu fragen, ihm zuhören zu wollen, und diese Sache habe ich gelernt einzufordern, weil sie mir auch lange Zeit verwehrt blieb. Ich war auf Tour, wie Sie sagen, mit Stücken, die sehr heikel waren. Ich habe ein großes Risiko auf mich genommen als Schauspieler, auch missverstanden werden zu können, und habe das letztendlich nur dadurch überstanden, dass ich nicht Freund und Feind nach Klischees eingeteilt habe, sondern mein Interesse, meine Neugier mir bewahren konnte, auch die anderen verstehen zu wollen. Und diese Toleranz, die in mir aus dieser Arbeit entstanden ist, ist eine Haltung geworden, die ich auch heute noch versuche, auf der Bühne zu verkörpern.

Timm: Man könnte vielleicht auch sagen: Aufklärung mit anderen Mitteln. Nazis kritisieren, indem man sie verlacht.

Somuncu: Ja, ein Teil ist wahr an dieser Sache, denn ich habe schnell gemerkt in meiner Auseinandersetzung mit Rechtsradikalen, dass es wenig bringt, immer nur die moralische Schiene zu fahren, sondern dass man sie auch irritieren muss. Und was ist besser, als über jemanden lachen zu können, ihn zu hinterfragen, auch mit einem humoristischen Anspruch. Das ist mir gelungen, wobei manchmal ich ein bisschen schade finde, dass nur diese Seite gesehen wird, denn ich habe auch sehr viele Vorstellungen gehabt, die viel, viel ernster waren, als man es heute in Erinnerung hat. Ich habe in ehemaligen Konzentrationslagern gelesen, vor Häftlingen, ich bin eigentlich immer an die neuralgischen Punkte dieser Geschichte gefahren und habe mich gestellt der Auseinandersetzung auch mit mir selbst, und dabei ist ein sehr spannendes Potpourri entstanden, was heute eben diese Haltung ausmacht, von der ich eben gesprochen habe.

Timm: Vielleicht ist es gut, dass Sie die neuralgischen Punkte eben selbst benannt haben, denn in einem Punkt werde ich Sie enttäuschen: Wir haben auch ein Lied ausgesucht jetzt, das mit dieser Problematik – Nazis, wie Serdar Somuncu dieses Problem spiegelt – auf diesem Album erschienen ist: "Der Mann mit dem Bart" heißt dieses Lied. Ein ziemlich riskantes – meine Deutung: Sie wollten vor dem Nazitum warnen, indem sie ein schweinisch-softes Liebeslied im Duo mit Hitler singen, der kommt nämlich im O-Ton vor. Und bevor wir das – unkommentiert – spielen, sagen Sie uns doch mal, ob das mit dem schweinisch-soften Liebeslied im Duo mit Hitler – ist das die richtige Richtung oder ganz falsch?

Somuncu: Na, Hitler singt das Lied, wenn man es genau nimmt. Er singt ja ...

Timm: Gott sei Dank nicht alleine.

Somuncu: ... er singt es sogar alleine. die eingeblendete Stimme, der Sample, ist ein Original, klar. Aber es ist tatsächlich ein Liebeslied von Hitler an einen jungen Nazi. Und die Textzeile "Komm, komm, ich bin der Mann mit dem Bart – außen weich, innen hart – der Mann mit dem Scheitel – kein wenig eitel" deutet darauf hin, dass da eine sehr schräge Liebesbeziehung entstanden ist. Auch da wird aber doch ganz klar gesagt, wohin die Reise geht. Ich habe dir ein falsches Spiel vorgespielt, ich habe dich verführt, und du hast dich an mir aufgehangen.

Timm: Ehe wir darüber noch reden, wollen wir das hören. Von Serdar Somuncu: "Der Mann mit dem Bart" von seinem ersten Album "Dafür kommt man in den Knast!"



Timm: Serdar Somuncu besingt den "Mann mit dem Bart", kein anderer als Adolf Hitler, der auch immer in diesem Song dazwischen schreit, der natürlich ein Antinazisong ist – aber haben Sie keine Sorge, dass man für Ihre Lieder vielleicht ein bisschen zu viel Gebrauchsanweisung braucht?

Somuncu: Nein, da habe ich großes Vertrauen. Ich weiß, dass die Menschen, die diese Musik hören, das Abstraktionsvermögen haben und auch die Auffassungsgabe, zu verstehen, was ich damit meine, und die meisten wissen auch, wofür ich stehe. Ich mache meine Arbeit seit 25 Jahren, und ich glaube, ich stehe auf der richtigen Seite. Gegen Nazis.

Timm: Daran habe ich keine Zweifel, aber trotzdem frage ich mich, wenn Sie ein Lied beginnen mit einem wirklich Original-Ton von Hitler, und Sie singen dann – ein Stückweit tun sie ja so, als würden Sie sich identifizieren: "Ich bin der Mann mit dem Bart", sehr lockend –, müssen Sie das immer extra ansagen, oder wie machen Sie das?

Somuncu: Nein, aber es ist natürlich ein Stück von der Verführung darin, die ich beschreibe, es ist letztendlich aber doch ein Lied über einen Betrug. Hitler hat seinen Jünger betrogen. Er sagt, er hat sich an ihm aufgehangen, seit Jahren spielt er ihm ein falsches Spiel vor – also es ist doch sehr eindeutig, was da gesungen wird. Dass es diese erotische Komponente hat, das war mir wichtig, weil ich versuchen wollte, gerade dieses Element zu bedienen, auch in der Art, wie ich singe, ist es ja sehr intim und sehr klein. Ich finde das nicht verwerflich, ich finde, das ist ein neuer Ansatz jenseits des Ansatzes, den ich vorher hatte. Da ging es ja – wie Sie eben gesagt haben – auch um den Humor, um den humoristischen Aspekt. Hier geht es tatsächlich um die Erotik auch, die Hitler auf manche Leute offensichtlich auch immer noch ausstrahlt.

Timm: Gefährlicher Satz. Nun fällt dieses Album und dieser Song natürlich geradezu passgenau in die Diskussion ums NPD-Verbot, das konnten Sie bei der Produktion nicht wissen. Aber denken Sie: Na ja, solche Nazis eher veralbern, scheinbar umgarnen, bloßstellen, als die NPD verbieten?

Somuncu: Nein, das denke ich nicht, das ist nicht die einzige und ausschließliche Waffe, so wie auch ein NPD-Verbot nicht die einzige Waffe sein darf. Sie ist Teil in einem Stückwerk, was Auseinandersetzung heißt, und nicht nur mit der Gegenwart, mit den Affekten, die aus der Gegenwart entstehen, sondern auch mit der Vergangenheit, der jüngeren Vergangenheit. Wir haben diese Frage des aufkeimenden stärker werdenden Rechtsradikalismus nicht erst seit einer Woche oder zwei Monaten, sondern seit geraumer Zeit, und dass jetzt die Politiker – wie ich finde – geheuchelt entdecken, dass sie Anteilnahme haben müssen, dass sie bereuen, dass sie vielleicht irgendwelche neuen Programme entwickeln sollten, um Rechtsradikalismus zu verhindern oder vorzubeugen, das ist sehr kurzfristig gedacht, und ich finde, auch nicht effektiv genug.

Timm: Serdar Somuncu. Bislang kannte man ihn als sehr umstrittenen, aber bejubelten wie kritisierten Kabarettisten. Jetzt zeigt er eine ganz andere Seite von sich, hat sein erstes Album herausgebracht mit streitbaren Liedern: "Dafür kommt man in den Knast!", nicht für die Lieder – so heißt das Album. Serdar Somuncu, ich danke Ihnen für Ihren Besuch hier im Studio von Deutschlandradio Kultur!

Somuncu: Ich danke Ihnen auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Abrechnung mit Mario Barth und Co
Das Recht auf persönliche Beleidigung

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