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Buchkritik

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Mit dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen begann vor 75 Jahren der Zweite Weltkrieg. Der Historiker Antony Beevor entwirft in seinem 1000-Seiten-Buch nun ein gewaltiges Panorama jener Zeit - das mit seiner Wucht ebenso beeindruckt wie mit seiner Akribie.Mehr

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.09.2012

Töten mit Gefühl

Hazel Rosenstrauch, "Karl Huß, der empfindsame Henker. Eine böhmische Miniatur", Matthes & Seitz, 175 Seiten

Das Beil eines Scharfrichters in einer Ausstellung im Ephraim-Palais in Berlin
Das Beil eines Scharfrichters in einer Ausstellung im Ephraim-Palais in Berlin (dpa / picture alliance / Jens Kalaene)

Karl Huß versuchte zeitlebens, seinem verfemten gesellschaftlichen Status zu entrinnen. Neben der Scharfrichterei verlegte er sich auf die Medizin. Hazel Rosenstrauch widmet dem "empfindsamen Henker" aus Eger eine rundum überzeugende Biografie.

Der Titel ist gut gewählt. Jedenfalls sichert er einer Randfigur der Geschichte, die bisher nie Gegenstand einer Biografie war, die nötige Aufmerksamkeit. Denn wann wäre ein Henker je empfindsam gewesen, wann würde einer, der Menschen in den Tod schickt, bei seinem blutigen Handwerk von feinen Gefühlen geleitet?

Das ist die steile These von Hazel Rosenstrauch, die sie an Karl Huß (1761-1836), einem der letzten Scharfrichter Böhmens, nach allen Regeln der Kunst entwickelt. In dieser Figur entdeckt die Autorin, die auch eine Biografie über Wilhelm und Caroline von Humboldt verfasst hat, ein weiteres Paradeobjekt für die Epoche um 1800: einen Gegenstand, der jene Umbruchszeit, den radikalen Wandel von Lebensformen und sozialen Schichten, auf einzigartige Weise spiegelt.

Karl Huß, dessen Vater bereits Henker in Eger (Cheb) gewesen ist, versucht zeitlebens, seinem verfemten gesellschaftlichen Status zu entrinnen. Neben der Scharfrichterei verlegt er sich, vor allem nach Abschaffung der Todesstrafe, auf die Medizin. Mit seiner mineralogischen Sammlung beeindruckt er sogar Goethe und Metternich so sehr, dass dieser ihm seine Kollektion abkauft, um ihn auf seine alten Tage zum Kustos in Schloss Königswart zu machen, dem Stammsitz der Metternichs in Böhmen. Der Autodidakt, der Töten, Heilen und wissenschaftliches Interesse zu verbinden weiß, verfasst zudem eine mehrbändige Stadtchronik sowie eine vielbeachtete Schrift gegen den Aberglauben.

Geschickt verknüpft Rosenstrauch Huß’ Lebenslauf mit einem temporeichen Überblick über die Zeit: Knapp skizziert sie die historischen Kontexte – französische Revolution, Napoleonische Kriege, Wiener Kongress, Karlsbader Beschlüsse. So kann sich der Leser an vertrauten Koordinaten orientieren. Den Geist der Zeit nimmt sie mit kleinen Exkursen über Schuld und Strafe etwa ins Visier, über Scharfrichterwesen, Stigmatisierung von Außenseitern oder über die Frage, wie Patriotismus und romantische Liebe als soziale Bindemittel den Verlust alter Orientierungen ausgleichen.

Die stärksten Kapitel sind diejenigen, in denen das Leben des Staatskanzlers und des Scharfrichters parallel geschaltet werden. Klemens Metternich, nach Napoleons Untergang der mächtigste Mann Europas und der kleine Tötungsbeamte aus Eger – sie passen auf den ersten Blick nicht zusammen; aber wie beide gleichermaßen von den Umbrüchen der Zeit betroffen sind, das stellt die Autorin überzeugend dar. Der eine gewinnt die zuvor nicht mögliche soziale Anerkennung, der andere fürchtet zunächst um seinen Besitz, seine Privilegien, bis er als Staatskanzler jahrzehntelang den Vielvölkerstaat dirigiert.

Hazel Rosenstrauch recherchiert wie eine Reporterin der Wissenschaft und nimmt die Leser gut gelaunt auf ihre Reisen mit, zu Schauplätzen wie das Bäderdreieck in Tschechien oder zu gebildeten Archivaren in Eger/Cheb. Sie ist belesen wie eine philosophisch denkende Historikerin und schreibt wie eine Feuilletonistin, elegant, urteilsstark, zuweilen angenehm lässig. Lediglich der Aktualisierungsversuch am Ende, mit dem Rosenstrauch ihren Helden als "Ahn für meine deutschen Freunde" profiliert, "für Nachkommen von Stigmatisierten, Henkern und Vertriebenen" wirkt aufgesetzt und läuft seltsam ins Leere.

Weil sie Humor besitzt, mit schnellem Hieb tradierte akademische Meinungen erledigt ("Metternich war keineswegs rückwärtsgewandt, sondern gegenüber Neuerungen durchaus aufgeschlossen […] wenn sie Technik und Naturwissenschaften betrafen"), dann aber wieder selbstkritisch wird, liest man den "empfindsamen Henker" gern und mit Gewinn.

Besprochen von Edelgard Abenstein

Hazel Rosenstrauch: Karl Huß, der empfindsame Henker. Eine böhmische Miniatur
Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2012
175 Seiten, 19,90 Euro