Seit 01:05 Uhr Tonart
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 01:05 Uhr Tonart
 
 

Interview / Archiv | Beitrag vom 17.04.2008

Töpfer: Eigener Anbau statt Import

Umweltpolitiker hält Nahrungsmittelkrise für Folge falscher Entwicklungspolitik

Moderation: Leonie March

Ein senegalesischer Ziegenhirte und seine Herde. (AP Archiv)
Ein senegalesischer Ziegenhirte und seine Herde. (AP Archiv)

Klaus Töpfer hat davor gewarnt, die steigenden Lebensmittelpreise allein auf die zunehmende Nachfrage nach Biotreibstoffen zurückzuführen. Die plakative Diskussion "volle Teller gegen vollen Tank" lenke von den notwendigen strukturellen Veränderungen ab, sagte der CDU-Politiker. So müssten in den Entwicklungsländern die kleinbäuerlichen Strukturen gefördert werden.

Leonie March: Bewaffnete Banden plündern die Geschäfte, Soldaten schützen die staatlichen Lebensmittelvorräte, Exportsperren werden verhängt. In vielen Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas sind das die Konsequenzen der steigenden Preise für Grundnahrungsmittel. Eine Ursache ist der Hunger der Industriestaaten nach Biokraftstoffen, eigentlich gedacht für mehr Klimaschutz. Viele Bauern sind auf Mais, Weizen und Ölpflanzen umgestiegen, weil sie damit mehr verdienen. Den Menschen in vielen Entwicklungsländern droht deshalb eine Hungerkatastrophe. Gleichzeitig wird ihre Umwelt weiter zerstört, Regenwälder fallen neuen Monokulturen zum Opfer, Düngemittel laugen die Böden aus. Ob die Politik diese Krise nicht voraussehen konnte und was jetzt geschehen muss, darüber spreche ich jetzt mit dem CDU-Politiker Klaus Töpfer, früher Direktor des UN-Umweltprogramms, heute stellvertretender Vorsitzender des Rates für Nachhaltige Entwicklung. Guten Morgen, Herr Töpfer!

Klaus Töpfer: Einen schönen guten Morgen!

Moderatorin: Der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler, meint, fruchtbares Ackerland für die Kraftstoffproduktion zu nutzen, sei ein Verbrechen. Sehen Sie das auch so?

March: Überall dort, wo solche Konflikte da sind, ist es sicherlich nicht verantwortbar. Eine klare und uneingeschränkte Priorität muss der Nahrungsmittelerzeugung in einer Welt zugeordnet werden, die im Jahre 2050 über acht Milliarden Menschen haben wird. Jetzt sind wir 6,7. Das ist ganz ohne jeden Zweifel völlig der richtige Hinweis. Aber, man muss auch dazu sagen, gegenwärtig sind die steigenden Lebensmittelpreise sehr viel stärker durch andere Faktoren auch mitbegrenzt. Durch zum Beispiel die Tatsache, dass besonders in den Entwicklungsländern nicht in landwirtschaftliche Strukturen investiert worden ist, weil wir diesen Entwicklungsprozess an vielen Stellen dadurch auch aufgehalten, ja behindert haben, dass man hoch subventionierte Nahrungsmittel aus hoch entwickelten Ländern dorthin exportiert hat. Wir haben ganz sicherlich einen Anstieg des Wohlstandes weltweit und damit eine Veränderung des Essverhaltens. Sehr viel stärker weiter verarbeitete Lebensmittel, Milch und Milchprodukte, Fleisch und alles andere wird nachgefragt. Dadurch steigt die Energieintensität der Lebensmittel. Dadurch steigt aber auch der Anspruch an Fläche. Es gibt viele Gründe. Einer davon ist, dass wir ganz sicher nicht dort, wo Lebensmittel erzeugt werden können, Energie erzeugen dürfen. Aber es gibt viele andere Bereiche, wo man Biomasse dafür sicherlich nutzen kann.

March: Hat die Politik den Zusammenhang zwischen diesen Faktoren und Hunger nicht vorausgesehen, oder hat sie ihn ignoriert?

Töpfer: Er ist lange ignoriert worden. Nicht der Zusammenhang mit der Nutzung von Biomasse für Treibstoffe, sondern die Tatsache, dass landwirtschaftliche Strukturen in den Entwicklungsländern, vornehmlich in Afrika, nicht in Gang gekommen sind. Ich habe über acht Jahre in Kenia gelebt. Ich habe gesehen, welche Auswirkung der Export billigen, hoch subventionierten Mais etwas aus den Vereinigten Staaten dorthin gehabt hat. Dass die landwirtschaftlichen Strukturen nicht richtig vorangekommen sind, ist eine ganz große, ganz große Unterlassung. Die muss jetzt dringlich geändert werden. Vor allem deswegen auch, weil wir mit dem Klimaveränderungsprozess ja auch eine Veränderung, eine Erschwernis von landwirtschaftlicher Produktion haben. Sehr richtig sagen die, wir müssen, die sich damit jetzt auch im Rahmen der UN beschäftigt haben, wir müssen die landwirtschaftlichen Strukturen wieder breiter, müssen eine breite Sortenwahl haben. Alles das, was man als umweltengagierter Arbeitender in den Entwicklungsländern immer schon gesagt hat, das muss sicherlich weiter vorankommen. Ich glaube, da gibt es auch einen breiten Konsens in der Zwischenzeit. Und dass dann dazu noch die Nachfrage nach Biokraftstoffen kommt, die dann etwa aus Mais oder aus anderen Nahrungsprodukten hergestellt werden, das ist sicherlich nicht richtig. Aber es gibt, ich sage es noch einmal, viele andere Möglichkeiten, auch aus Biomasse, Energie zu erzeugen.

March: Sie haben es gerade erwähnt, Forscher arbeiten ja bereits an der zweiten Generation von Biotreibstoffen, die aus Biomasse, zum Beispiel aus Abfällen, hergestellt werden. Ist das eine nachhaltige Technologie?

Töpfer: Es ist eine Entwicklung, es sind Forscher daran. Und es ist gut, dass es so ist, ja auch in Deutschland. Wir sind ja hier wirklich in der Forschung führend. Wir gehen ja schon über die Forschungsbereiche hinaus. Es gibt da erste große Pilotproduktionseinrichtungen, aus denen man aus Abfallhölzern, aus denen man bis hin zu Klärschlemmen auch flüssige Kraftstoffe machen kann. Außerdem weiß man, dass man Biomasse, gerade auch hier bei uns in Deutschland, sehr, sehr gut in den Wärmemarkt einbringen kann. Wir haben stillgelegte Flächen, wir müssen natürlich beachten, welche Konsequenzen hat das für den Wasserhaushalt. Welche Konsequenzen hat das für die Artenvielfalt. Aber dass in der Richtung der Kraftstoffe zweiter Generation weiter intensivst geforscht wird, ist sicherlich eine zwingende Notwendigkeit.

March: Der Weltagrarrat hat ja vor ein paar Tagen eine umfassende Agrarreform gefordert, eine Abkehr von der industriellen Landwirtschaft. Ist das auch ein Teil einer nachhaltigen Lösung des Problems?

Töpfer: Na, ich glaube, das war genau das, was ich am Anfang gesagt habe, in der ersten Antwort, dass wir uns wirklich besinnen müssen, wie die Agrarstrukturen, gerade auch in den bevölkerungsmäßig schnell wachsenden Ländern entwickelt worden sind. Wir müssen uns fragen, wie wir auch durch kleinbäuerliche Strukturen in diesen Ländern die Produktion in den Ländern erhöhen können. Wir werden große Länder nicht durch Nahrungsmittelimporte in die Zukunft führen können oder sie können da nicht hingehen. Sie müssen zu Hause sehr viel stärker diese Produktion voranbringen. Und ich sage noch einmal, dies ist durch eine entsprechende auch mit Forschungsansätzen verbundene Agrarpolitik möglich. Nach der grünen Revolution, die vor Jahren in Asien sehr erfolgreich ist, hart kritisiert wurde, aber erfolgreich war, brauchen wir eine neue solche Initiative zur wirklichen Stabilisierung und Weiterentwicklung der Nahrungsmittelproduktion, die, ich sage es noch einmal, sichergestellt werden kann für auch eine wachsende Weltbevölkerung. Aber da muss dann alles dran gesetzt werden, dass in diesen Ländern selbst Agrarstrukturen sich entwickeln können. Genau das hat der Weltagrarrat, glaube ich, auch so gefordert.

March: Nun hat zum Beispiel Deutschland den Bericht des Weltagrarrats nicht unterzeichnet. Wie groß ist denn die politische Bereitschaft wirklich, grundsätzlich umzudenken?

Töpfer: Das ist die zentrale Frage. Und ich befürchte etwas, dass die sehr plakative Diskussion volle Teller gegen vollen Tank etwas darüber hinwegtäuscht oder ablenkt davon, dass wir an die Strukturen heranmüssen. Noch einmal, das will ich überhaupt nicht bagatellisieren, ganz im Gegenteil. Wir müssen uns auch fragen, welchen Beitrag bringen denn Energiepflanzen wirklich für einen Klimaschutz. Wie groß sind die Erträge mit Blick auf CO2 oder Klimareduktion, wenn wir berücksichtigen, dass zur Produktion von solchen Pflanzen ja auch Düngemittel eingesetzt werden, die wiederum Lachgas entwickelt und damit auch Klimawirkung haben. Alles das sind ernste Fragen, die man dringlichst voranbringen kann und wo wir in Deutschland ja, Rat der Sachverständigen für Umweltfragen, der Nachhaltigkeitsrat und andere die Meinung deutlich auch gesagt haben. Aber es darf nicht damit eine Überdeckung dieser anderen Ursachen erfolgen. Ich glaube, das wäre ein Weg, der für den einen oder anderen vielleicht sogar zu einfach wäre.

March: Herzlichen Dank! Klaus Töpfer, er ist der stellvertretende Vorsitzende des Rates für nachhaltige Entwicklung.

Interview

Shimon Peres"Wir glaubten, er sei unsterblich"
Shimon Peres starb im Alter von 93 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls. (dpa  /Picture alliance EPA  Abir Sultan)

Shimon Peres wollte Frieden zwischen Israelis und Palästinensern. Doch wie steht es heute um dieses Ziel? "Es mangelt am politischen Willen", meint Anita Haviv-Horiner, die in Israel für den deutsch-israelischen Austausch arbeitet. Mehr

Humor in der PolitikIronie macht Politiker menschlich
Bekannt für seinen Humor: Gregor Gysi, Fraktionsvorsitzender der Linksfraktion im Bundestag (dpa / picture alliance / Stephanie Pilick)

Politik gilt als ernstes Geschäft, doch Ironie müsse in ihr einen Platz haben, findet der Humorforscher Thomas Holtbernd. Als positive Beispiele nannte er Gregor Gysi und Wolfgang Bosbach. Diese Politiker seien in der Lage, sich selbst zu karikieren.Mehr

Mundarten in Deutschland Sterben unsere Dialekte aus?
Bayerin im Chiemgau mit Breitenstein und Geigelstein. (imago)

Berliner, die nicht berlinern oder Münchner, die nicht Bayerisch sprechen: Wird es irgendwann keine Dialekte mehr in Deutschland geben? Der Sprachwissenschaftler Sebastian Kürschner kann beruhigen: Ganz so schlimm wird es nicht kommen.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur