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Fazit / Archiv | Beitrag vom 11.05.2010

Tödliche Experimente

Dokumentarfilm "Mengeles Erben" zeigt Praktiken der Ärzte im Kalten Krieg

Von Jens Brüning

Neben LSD wurde eine ganze Reihe weiterer Substanzen getestet: Panik oder Chaos erzeugende Folterdrogen, Substanzen, die red- oder vertrauensselig machen, und Wahrheitsdrogen. (ZDF / © Kratky Film Prag)
Neben LSD wurde eine ganze Reihe weiterer Substanzen getestet: Panik oder Chaos erzeugende Folterdrogen, Substanzen, die red- oder vertrauensselig machen, und Wahrheitsdrogen. (ZDF / © Kratky Film Prag)

Ärzte wie Josef Mengele führten während des NS-Regimes grauenhafte Experimente an KZ-Insassen durch. Auch in Japan wurden Tests an "lebenden Objekten" durchgeführt. Nach dem Krieg waren die so gewonnenen "Erkenntnisse" höchst interessant für Geheimdienste aller Art. Und es wurde weiter an Gefangenen experimentiert, wie der Dokumentarfilm "Mengeles Erben – Menschenexperimente im Kalten Krieg" jetzt zeigt.

Rabbi Abraham Cooper vom Simon-Wiesenthal-Center ist Experte für die Tätigkeit von Naziärzten, die im Namen ihrer Wissenschaft ethische Grenzen überschritten. Er weiß:

"Die Wissenschaftler und Ärzte konnten praktisch machen, was sie wollten. Sie konnten Gott spielen."

In den Nürnberger Ärzteprozessen von 1946/47 kamen grauenhafte Details zutage. Die Mediziner hatten aus eigenen Interessen oder im Auftrag mit KZ-Insassen experimentiert. Die Häftlinge wurden mit tödlichen Krankheiten infiziert, hohem Druck oder eisiger Kälte ausgesetzt. Damit sollten Erkenntnisse gewonnen werden, wie Krankheiten verliefen, wie ein Unterkühlter vielleicht zu retten wäre, und woran Piloten in großer Höhe starben.

Der bekannteste Mörder im Arztkittel war Josef Mengele (2.v.l.): Seine Versuche reichten von purem Sadismus bis zu Experimenten, die immer noch geheim sind. (ZDF / © US Holocaust Memorial Museum)Der bekannteste Mörder im Arztkittel war Josef Mengele (2.v.l.): Seine Versuche reichten von purem Sadismus bis zu Experimenten, die immer noch geheim sind. (ZDF / © US Holocaust Memorial Museum)Viele der in Nürnberg vor Gericht stehenden Ärzte wurden zum Tode verurteilt. Die allgemeine öffentliche Verachtung ihrer unmenschlichen Taten war groß. Aber bald schon wurde deutlich, und so beginnt der Film von Dirk Pohlmann:

"Aber Josef Mengele war nicht der erste und nicht der letzte Mörder im Arztkittel."

Der sowjetische Geheimdienst hatte schon in den zwanziger Jahren mit Menschenversuchen herauszufinden versucht, wie Gifte am wirksamsten verabreicht werden könnten, wie sie wirken und ob sie nachweisbar sind. In Japan war General Ishii Shirô Chef der "Einheit 731". 300.000 Menschen starben bei den Experimenten der als Mediziner verkleideten Mörder, die Pest, Milzbrand, Unterkühlung, Unterdruck und neuartige Bomben testeten.

Der japanische Militärarzt Ken Yuasa war einer der insgesamt 10.000 Mitarbeiter. Er berichtet in dem Dokumentarfilm über eines der Experimente, bei dem zwei Gefangene vor den Augen der Ärzte mit Schüssen in den Bauch verletzt wurden.

"Etwa zehn Militärärzte aus unserer Gruppe schleppten die Leidenden in das nächste Zimmer. Und dort begannen sie mit der Operation. Der Leiter der Ausbildungsabteilung für Militärärzte erteilte den Befehl, dass die Gefangenen am Leben bleiben sollten, während man die Geschosse aus ihren Körpern entfernte. Diese Übung hatte das Hauptziel, Erfahrungen damit zu sammeln, Projektile aus Schusswunden zu entfernen."

Filmautor Dirk Pohlmann über die japanischen Ärzte:

"In Japan waren diese Experimentatoren die Creme, die Elite der japanischen Wissenschaft. Und sie sind danach die Elite und Creme der japanischen Pharmaindustrie geworden."

Und sie wechselten die Seiten. Nach dem Zweiten Weltkrieg, den Japan an der Seite der Nationalsozialisten durchfocht, war Ishii Schirô eine sprudelnde Quelle für den US-Geheimdienst, der seine Experimente hochinteressant fand, denn die Ergebnisse waren ja nicht an Ratten oder Affen gewonnen worden.

Dirk Pohlmann weist in seinem Film auch darauf hin, dass die Atombomben, die Hiroshima und Nagasaki zerstörten, auf zwei nahezu intakte japanische Städte fielen. Das Interesse der damals tätig werdenden Ärzte habe sich nicht so sehr auf Heilung und Linderung gerichtet, sondern vielmehr auf die Auswirkungen der Atomstrahlen auf die Menschen.

Zu einem bedeutenden Zentrum der Experimente mit Verhördrogen und Giften entwickelte sich im Kalten Krieg die Tschechoslowakei. Die slowakische Journalistin Eva Gruberova arbeitete mit Dirk Pohlmann zusammen und fand allerhand Merkwürdigkeiten heraus. Zum Beispiel entdeckte sie Filme des Prager Geheimdienstes, die Auswirkungen von LSD dokumentierten:

"Wir haben dann plötzlich festgestellt, diese Filme werden teilweise an der Filmhochschule von Prag gezeigt, also als Experimentalfilme. Da konnten wir sie aber auch nicht bekommen, weil es hieß, wenden Sie sich an das Militär-Institut in Prag. Als Dirk schon am Schneidetisch saß, bekam ich plötzlich einen – sie wussten ganz genau die Sendezeit, muss dann und dann fertig sein mit dem Film – ungefähr einen Monat danach bekam ich einen Anruf: Sie können die Filme haben. Es kamen dann sehr überraschte Reaktionen, als ich dann gesagt habe, ja, die wollen wir aber haben."

Pohlmann: "Auf diese Weise hat man nicht verboten, dass man das bekommt, man hat sogar sehr geholfen, nur leider nicht zu dem richtigen Zeitpunkt. Deswegen gebe ich jetzt immer die Termine nach vorne, und interessant sind die Reaktionen: Hier war's dann kurze Zeit Stille und: Ich muss mit meinem Vorgesetzten sprechen. Anhand dieser Sachen merken Sie natürlich auch: Sie bohren hier auf einer kariösen Stelle. Wenn so reagiert wird, ist ja klar: Es wird irgendetwas versteckt."

Und es wird nicht nur an der Quelle gemauert. Jan Šejna war an hoher Stelle mit den Menschenexperimenten des tschechoslowakischen Geheimdienstes befasst. Er floh in die Vereinigten Staaten von Amerika. Dort sagte er vor einem Ausschuss des Senats auch über Kontakte des US-Geheimdienstes mit seiner Dienststelle aus. Ohne Folgen. Der amerikanische Journalist Joseph Douglass über die Reaktion der amerikanischen Regierung:

"Sie bekamen einen Brief, eine Art Dienstanweisung, unterschrieben von Henry Kissinger, dem nationalen Sicherheitsberater des Präsidenten. Darin stand, sie sollten aufhören ihn zu befragen, ihm keine Anstellung anbieten und ihn loswerden."

So geschah es. Der einstige Generalmajor bekam ein paar Dollar, wurde in die Provinz verfrachtet, wo er sich schon mangels Sprachkenntnissen nicht zurechtfand, und starb bald darauf an Herzversagen.

Dirk Pohlmanns Film ist nichts für Menschen mit schwachen Nerven oder einem fest gefügten Weltbild. Er ist ein Hinweis auf Täter, hinter denen man die Auftraggeber bisher nur vermuten kann.

Service:
Der Dokumentarfilm "Mengeles Erben - Menschenexperimente im Kalten Krieg" wird am 12.5.10 um 20.15 Uhr auf arte gezeigt.

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