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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 17.12.2015

Tito Topin: "Exodus aus Libyen"Die aktuelle Flucht vor dem Diktator

Von Dina Netz

 Bemalte Mauer in der libyschen Hauptstadt Tripolis: Zu sehen ist eine libysche Flagge in den Nationalfarben, die Aufschrift "Game over - Freedom finally" und ein Gaddafi, der aus einem Abfluss schaut und "hier bin ich, hier bin ich" ruft. (dpa/ picture-alliance/ Matthias Tödt)
Mit den Unruhen in Libyen entstanden in der Hauptstadt Tripolis und in anderen Orten zahlreiche Gaddafi-Karikaturen und andere Wandmalereien. Mit den Karikaturen machen die Künstler den ehemaligen Diktator lächerlich. (dpa/ picture-alliance/ Matthias Tödt)

Tito Topins Roman "Exodus aus Libyen" beschreibt einen vier Jahre alten Konflikt - und ist doch bestürzend aktuell. Er erzählt eine länderübergreifende Geschichte über Menschen, die nicht in einer Diktatur leben wollen - egal ob sie vor Gaddafi, Assad oder dem IS flüchten müssen.

Sie sind zu acht: Ein oppositioneller Arabischlehrer, ein Arzt, ein Bankräuber, ein Mann aus dem Tschad, ein Betrüger, der sich als Archäologe ausgibt, und ein abgeschossener französischer Jagdflieger. Außerdem zwei Frauen: eine Krankenschwester und eine Schauspielerin. Sie alle sind aus unterschiedlichen Gründen auf der Flucht aus Libyen - eine Schicksalsgemeinschaft, die sich in einem Land Cruiser wiederfindet, mit dem sie sich über die Grenze retten wollen.

Der Roman "Exodus aus Libyen" spielt im Jahr 2011, auf dem Höhepunkt des libyschen Bürgerkriegs, kurz bevor die Truppen der USA, Großbritanniens und Frankreichs der Opposition im Land zu Hilfe eilen und die Gaddafi-Diktatur beenden. Diese realen politischen Hintergründe muss man aber nicht kennen, um Tito Topins Geschichte zu verstehen. Denn er erzählt vor allem von acht Menschen auf der Flucht. Der Land Cruiser, in dem sie ihre Haut retten wollen, wird zu einer Art Arche Noah: Die Passagiere repräsentieren jeweils auch eine soziale Schicht, eine politische Haltung, eine Migrationsgeschichte - eine Gesellschaft en miniature.

Topin reißt in Rückblenden kurz ihre fiktiven Lebensgeschichten und die Gründe an, aus denen sie fliehen. Obwohl er also permanent die Erzählebene wechselt, bleibt die eigentliche Geschichte doch immer präsent. Und die eigentliche Geschichte ist nicht nur die einer dramatischen Flucht, sondern Topin legt sie als soziales Experiment an. Die zufällig zusammengewürfelte Gruppe muss grundsätzliche ethische Fragen klären: Wie solidarisch verhalten sich Menschen, die nur noch ihren Kopf retten wollen, gegenüber anderen?

Vier Jahre alter Konflikt noch aktuell?

Topin hat lange fürs Fernsehen gearbeitet, und auch sein Roman hat starke filmische Elemente. Die einzelnen Kapitel sind plastisch wie Szenen aus einem Drehbuch, es fehlt nicht an Action-Elementen, den grausigen Alltag des Krieges beschönigt er nicht, aber er hat es tatsächlich geschafft, auch noch eine ergreifende Liebesgeschichte einzubauen. In Momentaufnahmen beschreibt Topin Licht, Gerüche, Geräusche so genau, dass man selbst Libyen zu sehen, riechen, hören glaubt. Der Sprachfluss wird zwar immer wieder durch kleine Unachtsamkeiten in der Übersetzung von Katarina Grän gebremst, was der Wucht des Buches aber kaum Abbruch tut.

Wie aktuell kann ein Buch sein, das vor zwei Jahren in Frankreich erschienen ist und das von einem vier Jahre alten Konflikt erzählt? "Exodus aus Libyen" ist geradezu bestürzend nah an der Gegenwart. Man kann die Wörter "Libyen" und "Gaddafi" umstandslos durch "Syrien" und "Assad" oder "Irak" und "IS" ersetzen. Denn Topin hat kein spezifisch libysches Buch geschrieben.

"Exodus aus Libyen" ist eine zutiefst menschliche Geschichte über Leute, die in einer Diktatur nicht länger bleiben können und einfach nur noch ihr Leben retten wollen. Und von denen wir jeden Tag in den Nachrichtensendungen als "Flüchtlinge" hören.

Tito Topin: "Exodus aus Libyen"
Aus dem Französischen von Katarina Grän
Distel Literaturverlag
234 Seiten, 14,80 Euro

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