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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.12.2015

Tim Flannery: "Die Klimawende"Noch ist es nicht zu spät

Von Johannes Kaiser

Ein Braunkohlekraftwerk in Jänschwalde, Brandenburg (dpa / picture alliance / Patrick Pleul)
Einschränkungen der Nutzung fossiler Energie sind unvermeidbar, so Tim Flannery. (dpa / picture alliance / Patrick Pleul)

Der Klimaexperte Tim Flannery warnt seit Jahren die Weltöffentlichkeit vor den katastrophalen Auswirkungen des weltweiten Klimawandels. Sein neues Buch "Klimawende" ist ein überzeugender Vorschlag, nicht zu verzweifeln, sondern praktikable Lösungen zu suchen.

Die Klimaforscher sind sich einig: Die Menschheit darf nicht mehr als 1000 Gigatonnen Kohlendioxid freisetzen, soll die Erderwärmung zwei Grad nicht übersteigen. 672 Gigatonnen sind noch übrig. Das klingt nach sehr viel, ist aber bereits 2028 erreicht, verbrennen wir weiterhin im selben Tempo Erdöl, Kohle und Erdgas. Um das Ziel zu erreichen, so Tim Flannery in seinen neuen Buch "Die Klimawende", müssen 80 Prozent der noch vorhandenen fossilen Energievorräte in der Erde bleiben. Angesichts des weltweiten Neubaus an Kohlekraftwerken klingt das illusorisch - vielleicht ist es das auch.

Dennoch gibt es Hoffnung, folgt man dem australischen Klimaexperten: Statt Anpassung an eine völlig überhitzte Welt oder Geoengineering, also unkontrollierbare Großtechnikversuche wie Schwefelverteilung in der Stratosphäre oder Eisendüngung der Meere, setzt er auf einen "Dritten Weg" und propagiert einige Dutzend alternative technische Verfahren, um den CO2-Ausstoß zu senken.

Wie schon in seinem Bestseller "Wir Wettermacher" vermeidet er Expertensprache, arbeitet mit deutlichen Bildern und argumentiert nüchtern und sachlich. Bevor Flannery seine Vorschläge allerdings konkret vorstellt, schildert er erst zunächst in aller Deutlichkeit, was uns in den nächsten Jahrzehnten erwartet, wenn alles so weiter geht wie bisher: Wetterextreme werden massiv zunehmen, viele Erdregionen mit Sturzregen oder Dürren bedrohen, Hitzewellen werden zahlreiche Todesopfer fordern, Gletscher weltweit schmelzen und die Meeresspiegel steigen. Die Meere werden stetig wärmer und versauern, Korallenriffe sterben und Fischbestände schrumpfen. Zahlreiche Tiere und Pflanzen werden unwiderruflich verschwinden.

Ein überzeugender Vorschlag, nicht zu verzweifeln

Tim Flannery lässt keinerlei Zweifel daran, dass drastische Einschränkungen der Nutzung fossiler Energie unvermeidbar sind. Dazu braucht es internationale Abkommen und einen weltweiten Emissionshandel. Sein "Dritter Weg", der Einsatz neuer Technologien, ist nur als Unterstützung gedacht, nicht als Ersatz. Das sogenannte "Geoengineering" lehnt er als unberechenbar ab. Er propagiert Projekte wie die weltweite Aufforstung – allerdings auf einer Fläche der Größe der EU.

Statt Erdölchemie setzte er auf eine Rückkehr zur Holzchemie, aus der sich unter anderem Kunststoffe, Farbe, Treibstoffe gewinnen lassen. Pflanzenkohle, Schutz und Wiederherstellung von Feuchtgebieten und schließlich der massenhafte Anbau von Seetang weltweit, um Gigatonnen CO2 zu schlucken. Und den eher kuriosen Vorschlag, Silikatfelsen zu zermahlen, weil bei der Verwitterung des Silikatsandes große Mengen CO2 gebunden werden. Doch welchen Weg man auch beschreitet, so Flannery, es wird teuer. Umso unverständlicher, warum sein Kapitel über Erneuerbare Energien relativ kurz ausfällt, denn hier sinken die Preise pro Kilowattstunde Strom beständig.

Dennoch ist seine "Klimawende" ein überzeugender Vorschlag, nicht zu verzweifeln, sondern praktikable Lösungen zu suchen. Noch ist es nicht zu spät.

Tim Flannery: Die Klimawende – Wie wir mit neuen Technologien unsere Atmosphäre retten
Aus dem Englischen Jürgen Neubauer
Fischer Verlag, Berlin 2015
234 Seiten, 16,99 Euro

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