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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 02.04.2014

TierversucheWenn der Wind ungünstig steht …

… ist die Dorfidylle in Mienenbüttel gestört

Von Petra Marchewka und Hartwig Tegeler

Ehemalige Laborbeagle beim 14. Laborbeagle-Treffen 2008 im nordrhein-westfälischen Burbach (picture alliance / dpa / Carsten Rehder)
Beagle werden besonders oft für Tierversuche genutzt, sie gelten als duldsam und robust (picture alliance / dpa / Carsten Rehder)

Bellende und jaulende Hunde - eigentlich ein normales Dorfgeräusch. Nicht aber im niedersächsischen Mienenbüttel, denn niemand weiß so genau, was in der ansässigen Tierversuchsanlage geschieht.

Ein bellender Hund auf einer Dorfstraße. Völlig normal. Aber nicht in Mienenbüttel. In Mienenbüttel bellen Versuchstiere.

"Also ich muss jetzt mal ein bisschen zurückdenken ... lass das so Ende der 90er-Jahre gewesen sein, da hab ich durch Zufall, als ich durch meinen Wald spazierte, da kuckt man j auch mal so in die Bäume ... da denk ich: Menschenskinder, was sieht denn da so komisch aus in der Astgabel? Und da saß ein kleiner Affe drin. Und es waren nachher sogar zwei, ein Pärchen oder was weiß ich, ne, und die sind hier ausgebüxt ..."

Lothar Bohrisch. Ein Mann mit grauem Stoppelhaarchnitt. Betreibt ein kleines Sägewerk, angrenzend an das LPT, das Laboratorium für Pharmakologie und Toxikologie.

"Tja, die haben irgendeine Chance gesehen, stand ein Fenster auf Kipp, und dann sind die durch, ne, und haben hier erstmal ein paar Tage - och, das zog sich weit über zwei Wochen hin - ihre Freiheit genossen, ne. Ja, aber ganz witzig, vor allem, wenn man die so beobachtet, wie sie sich so die Mohrrüben holen und wie sie an Zutrauen gewinnen. Erst saßen sie ganz oben im Baum, und dann merkten sie, och, der tut uns ja nichts, ja."

Zwei Versuchstiere auf seinem Grundstück. Was sollte Lothar Bohrisch mit den beiden Ausbrechern anfangen?

Tolerieren, ignorieren, protestieren?

Wöchentlicher Anruf in der Zentrale des LPT, der Tierversuchsanstalt in Mienenbüttel vor den Toren Hamburgs. Das Interview wie per E-Mail angefragt: Wie steht es damit? Noch keine Entscheidung. Und die akustische Dokumentation dieser Aussage sei nicht autorisiert.

Ortsrand von Mienenbüttel. Eine Frau in Parka und festen Arbeitsschuhen verlegt Pflastersteine vor ihrem Einfamilienhaus.

"Also man hört die Hunde, wenn sie gefüttert werden morgens und abends, das ist schon sehr laut im Dorf zu hören ..."

Alle im Dorf wissen von der Tierversuchsanstalt. Die einen ignorieren sie, manche schon seit mehr als 40 Jahren. Andere sind wütend. Tierquälerei sei das. Sie engagieren sich in einer Bürgerinitiative.

"Zugang zu der Versuchsanlage hat keiner, auch nicht der Bürgermeister scheinbar, also ich finde das schon sehr bedrückend und muss sagen, es wäre eigentlich ganz gut, wenn da mal Aufklärung ist."

"Wo wir uns über Artenschutz und Tierhaltung in der Landwirtschaft unterhalten, aber was da passiert, wird also so abgedeckelt, dass da keiner irgendwie Bescheid weiß bzw. sich informieren kann, das finde ich schon nicht in Ordnung."

In Mienenbüttel ist nicht viel los, außer zur Rushhour auf der A 1, die am Dorf entlang von Hamburg nach Bremen führt. Im Dorf gibt es einen Landgasthof, einen Obsthof, ein Fachgeschäft für Landmaschinen, einen Blitzautomaten an der Hauptstraße. Die Oldendorfer Straße führt zum Versuchslabor.

"LPT, guten Tag?"

"Schönen guten Tag, wir sind Radioreporter aus Hamburg und arbeiten an einer Reportage über Ihre Tierversuchsanstalt..."

"Ja?"


Tierversuche mit Mäusen, Affen, Hunden

Die Giftigkeit verschiedener Stoffe wird hier überprüft, steht auf der englischsprachigen Homepage des LPT. Solche "Giftigkeitsprüfungen" von Medikamenten, Industrie- und Landwirtschafts-Chemikalien, von Nahrungs- und Nahrungsergänzungsmitteln, werden hier vorgenommen im Tierversuch mit Mäusen, Ratten, Hamstern, Meerschweinchen, Affen, Katzen, Schweinen, Fischen, Vögeln. Und Hunden.

"Können Sie uns eine Kontaktperson für eine mögliche Besichtigung nennen?"

"Ja, da müssen Sie sich an unsere Hauptzentrale wenden, in Neugraben, Redderweg 8."

"Und ist es denn möglich, Ihre Anlage zu besichtigen?"

"Also, das kann ich Ihnen gar nicht sagen von hier aus. Wie gesagt, da müssen Sie sich an die Geschäftsleitung wenden."

Gerüchte machen die Runde

Wenn keiner was sagt, entstehen Gerüchte. Im Dorf sagen die Leute, dass kein Tier die Gebäude lebend verlässt. Andere erzählen, dass mal jemand zwei Beagles von dort adoptiert habe. Völlig gestört sollen die Hunde gewesen sein. Wenn im Versuchslabor mal ein Feuer ausbricht, dann soll die Feuerwehr alle Tiere kontrolliert verbrennen lassen, so ein weiteres Gerücht. Ob das stimmt, dazu will sich der Ortsbrandmeister von Mienenbüttel, der die Versuchsanlage für Kontrollen regelmäßig aufsucht, nicht äußern. Keine Zeit für ein Interview. Auch die Hamburger Wasserwerke haben in Mienenbüttel zu tun, denn sie sind für die Entsorgung der Abwasser im LPT zuständig. Interview? Nein. Dürfen sie nicht. Das LAVES, Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, wo alle anzeigepflichtigen Tierversuche gemeldet werden müssen, darf auch nicht. Schweigepflicht. Und das Veterinäramt in Winsen/Luhe? Hat keine Zeit für ein Interview vor dem Mikrofon:

"... bekommen Sie die Antworten auf Ihre Fragen [daher] schriftlich: Unsere Kontrollen in der Tierversuchsanstalt haben die folgenden Schwerpunkte: Überprüfung der Haltung, Unterbringung und Versorgung der Tiere unter den Voraussetzungen der §§ 8b bis 9a Tierschutzgesetz ..."

Brauer: "Ja, wir befinden uns jetzt hier hinter dem Tierversuchslabor vom LPT in Mienenbüttel, man kann hier von hinten sehen einen großen Laborkomplex mit, wahrscheinlich, innen Affenhaltung, oder andere Tiere, das wissen wir nicht so ganz genau, und vor allen Dingen sind hier die großen Zwinger-Anlagen für die Beagles."

Sabine Brauer ist vor 19 Jahren in die Gemeinde gezogen, rund zwei Kilometer entfernt ist das Versuchslabor. 2009 gründete Sabine Brauer die Bürgerinitiative "Lobby Pro Tier". Abgekürzt LPT, genau wie das Versuchslabor.

"Vielleicht haben einige die Möglichkeit, das Leid auszublenden. Ich weiß es nicht. Also ich könnte es nicht."

Viele Leute im Dorf schauen weg. Verständlich, sagt Sabine Brauer.

"Also wenn ich mir vorstelle, da drin sind zum Beispiel Hunde, die per Schlundsonde über Wochen und Monate jeden Tag Giftstoffe eingetrichtert bekommen, die leiden. Wem wollen Sie das zeigen? Der Bürgermeister hat ja auch keinen Zutritt hier, der hat es ja versucht, auch der würde das nicht ertragen. Das heißt, jeder, der da reinkommt, der nichts damit zu tun hat, wird sagen, das ist furchtbar, das darf nicht sein. Und deshalb versuchen sie eben, alles nach außen dicht zu machen."

"Misshandelt und zu Tode gequält"

Gericke: "Wenn es so harmlos wäre, wie immer vorgegaukelt wird, warum machen sie dann die Türen nicht auf und lassen die Leute gucken? Gerade im Bereich Tierversuche wird unheimlich viel beschönigt und beschwichtigt."

Corina Gericke. Tierärztin und stellvertretende Vorsitzende von "Ärzte gegen Tierversuche". Corina Gericke arbeitet mit Sabine Brauer zusammen, versorgt die örtliche Bürgerinitiative mit Fachwissen.

"Da werden Tiere wirklich schwerstens misshandelt und gequält, zu Tode gequält, allein, wenn man hört 'Giftigkeitsprüfung', das geht nun mal nicht ohne Schmerzen ab, man kann nicht harmlos vergiftet werden, das ist immer schmerzhaft und schlimm, und die Tiere kriegen eben auch keine Schmerzmittel dabei, es gibt zahllose Tierversuche, die wirklich grausamst sind, bei denen die Tiere mit Elektroschocks traktiert werden, die werden verbrannt, verbrüht, sie werden hungern gelassen, um Magersucht zu ergründen, sie werden dursten gelassen, um sie zur Mitarbeit zu bewegen, es gibt diese furchtbaren Affenversuche, bei denen Affen keine Flüssigkeit erhalten, die sind dann total durstig, und bekommen über einen Schlauch im Mund immer einen Tropfen Saft oder Wasser, wenn sie eine Aufgabe richtig erledigt haben. Diese Tiere leiden über Jahre hinweg, die werden in einen Primaten-Stuhl gesetzt, dann müssen sie irgendwelche Hebel drücken, auf den Bildschirm blicken, der Kopf wird angeschraubt, unbeweglich, es sind furchtbare Torturen, die die jeden Tag stundenlang ertragen müssen, und das machen sie nur, weil sie dann eben lebensnotwendige Flüssigkeit kriegen. Diese Tiere leiden jahrelang."

Auch Corina Gericke war noch nie in der Tierversuchsanlage. Sie kann trotzdem sagen, was dort geschieht. Denn auf der Homepage des LPT wirbt das Unternehmen mit einer bestimmten Angebotspalette um Kundschaft aus der Pharma- und Chemie-Industrie. Angesichts dieser angebotenen Dienstleistungen kann Corina Gericke auf die Art der Tierversuche, die im LPT gemacht werden, rückschließen. Jeder, der möchte, kann das auf der Internetseite der "Ärzte gegen Tierversuche" nachlesen.

Corina Gericke vom Verein Ärzte gegen Tierversuche stapelt Listen mit rund 60.000 Unterschriften gegen Botox-Tierversuche auf einem Tisch der Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz in Hamburg. (picture alliance / dpa / Bodo Marks)Corina Gericke vom Verein Ärzte gegen Tierversuche stapelt Listen mit rund 60.000 Unterschriften gegen Botox-Tierversuche auf einem Tisch der Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz in Hamburg. (picture alliance / dpa / Bodo Marks)

Keine Auskunft vom LPT

Interview-Nachfrage beim LPT. Die per Mail vorgelegten Fragen: Wieso hat sich das LPT für den Standort Mienenbüttel entschieden? Welche Tierversuche an welchen Arten und in welcher Menge werden in Mienenbüttel durchgeführt? Wie stehen Sie zur Kritik gegenüber Tierversuchen? Keine Reaktion.

Hundegebell in Mienenbüttel ist kein Zeichen von Dorfidyll. Es ist das akustische Signal eines "schwarzen Lochs". Ein "schwarzes Loch", das keine Information preisgibt. Herr Schröder, der in Wirklichkeit nicht Herr Schröder heißt, hat früher mal in diesem "schwarzen Loch", im LPT, sein Geld verdient - die sollen ja gut bezahlen, sagen die Leute im Dorf. Herr Schröder, der nicht Herr Schröder heisst, will seine Stimme nicht im Radio hören. Er erlaubt aber, dass man ihn zitiert. Womit genau, Herr Schröder, waren Sie im LPT beschäftigt?

"Tja, bei der Fütterung, Stallreinigung, die werden zweimal am Tag gereinigt. Also von der Hygiene her: Mehr geht nicht. Bei manch einem Hartz-IV-Empfänger oder auch bei anderen Leuten sieht es in der Wohnung wahrscheinlich dreckiger aus wie da in den Stallanlagen."

War es eine schwere Arbeit für Sie?

"Ich hab damit ja keine Probleme. Probleme hätte derjenige oder alle diejenigen, die ihre Tiere vermenschlichen."

Stimmt es, dass kein Tier die Anlage lebend verlässt?

"Das ist genauso ein normaler Ablauf, wie wenn die Leute irgendwann sterben und von uns gehen, ja, man könnte das dramatisieren, könnte man, das ist aber ein ganz natürlicher Lauf der Dinge. Die Leute, die dagegen sind, die sollen doch einfach ihre Kinder oder sich selbst dafür zur Verfügung stellen."

"Noch nicht einmal der Bürgermeister kommt da rein!"

In der Gemeinde Neu-Wulmstorf, zu der Mienenbüttel gehört, kursiert im Zusammenhang mit dem LPT ein geflügeltes Wort:  "Noch nicht einmal der Bürgermeister kommt da rein!" Vor drei Jahren hat Bürgermeister Wolf-Egbert Rosenzweig - SPD - das erste Mal vorgesprochen. Nicht, weil er Versuchstiere befreien wollte - das hatten radikale Tierschützer Anfang der 1980er-Jahre mehrere Male besorgt. Der Bürgermeister wollte Kontakt aufnehmen zu einem alteingesessenen lokalen Unternehmen:

"Die Firma LPT reagierte sehr allergisch, das war sehr ungewöhnlich, man betonte, dass man kein Interesse daran hat, mich zu treffen, das steigerte sich dann auch ein bisschen in den Medien, weil Zeitungen das Thema aufgriffen, und dann hat die Firma doch sehr massiv in den Zeitungen reagiert und hat dann mit Juristen gedroht. Weitere Versuche, an die Geschäftsführung heranzukommen und sich mit denen mal auszutauschen und zu fragen: Was ist da eigentlich?, sind ebenso gescheitert, und nun steh ich da und bin so schlau wie zuvor."

Begründung für die Ablehnung: Da das LPT ein Hamburger Unternehmen ist und Rosenzweig Bürgermeister einer niedersächsischen Gemeinde, geht ihn das Innenleben der Tierversuchsanstalt nichts an.

Wöchentlicher Anruf in der LPT-Zentrale. Keine Rückmeldung der Führungsetage in Sachen Interview.

Nutzen von Tierversuche ist umstritten

Vom Frühjahr 2013 an dürfen in der EU keine Kosmetikprodukte mehr verkauft werden, die mit Hilfe von Tierversuchen hergestellt wurden. Ein kleiner Erfolg der Tierschützer, meint Corina Gericke von "Ärzte gegen Tierversuche". Klein, weil der Anteil der Tierversuche in der Kosmetikbranche innerhalb der EU nur 0,016 Prozent betragen habe. Insgesamt werden allein in Deutschland jedes Jahr rund 2,9 Millionen Wirbeltiere für Versuchszwecke verwendet. Anstatt tierversuchsfreie Verfahren einzusetzen, wie Computersimulationen oder Tests an Zellkulturen, so Gericke. Der Nutzen dieser Tierversuche gilt als umstritten: Untersuchungen der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde haben ergeben, dass 92 Prozent der potenziellen Medikamente, die sich im Tierversuch als wirksam und sicher erwiesen, beim Menschen keine oder eine unerwünschte Wirkung zeigen. Nicht nur Labore wie das LPT, sondern auch die wissenschaftliche Grundlagenforschung blockiere ein Umdenken, so Corina Gericke.

"Es spielt natürlich vor allen Dingen Geld eine große Rolle. Also das LPT zum Beispiel verdient ja gutes Geld mit den Tierversuchen. Die haben überhaupt kein Interesse an irgendwelchen anderen Methoden. An den Universitäten und Max-Planck-Instituten und anderen Forschungsinstituten geht es auch ums Geld, aber auf eine andere Weise. Da geht es vor allem erst mal um die Veröffentlichung von Publikationen, von Artikeln in Fachzeitschriften. Und wenn man eine besonders lange Liste von solchen Fachzeitschriftartikeln vorweisen kann, dann kann man halt leicht Forschungsgelder eintreiben. Und mit diesen Forschungsgeldern macht man dann neue Tierversuche, das ist also ein selbst erhaltendes System. Und das zu durchbrechen ist unglaublich schwierig."

Drei Mienenbüttler Damen beim Hundespaziergang. Das Versuchslabor und die Tierversuche in der Nachbarschaft sind für sie Normalität.

Mitgefühl ja, aber …

"Wir sind hier schon immer."

"Ja."

"Wir haben schon immer das gehabt ..."

"Ja."

"Also ich empfinde das nicht so."

"Ich auch nicht."

"Wie empfinden Sie es nicht?"

"Dass ich das so schrecklich finde. Das stört uns eigentlich nicht. Gut, wenn man da direkt vorbei geht, das Gebelle, das ist schon etwas unangenehm, ne, weil wir ja selber Tiere haben ..."

Ja, sagt eine, Mitgefühl mit denen im Labor empfinde sie schon. Aber die gehen ja mit den Tieren gut um, meint eine andere Dame.

"Die werden ja nicht irgendwie ... dass sie gequält werden oder was."

"Da waren sogar einige aus'm Ort da beschäftigt, ne."

"Ja."

"Und haben denn erzählt, gut, sie kriegen Pillen und Tabletten, aber ..."

"... aber es ist alles sehr sauber da, ne. Und da kommt auch nicht jeder rein."

Das "Schwarze Loch"

Manfred Liebsch kennt das "Schwarze Loch" von innen. Von 1980 bis 1988 hat der Biologe im LPT gearbeitet und dort - wie er betont - sehr gutes Geld verdient.

"Ich denke eigentlich nicht mit Gram an die Arbeit, ich habe die Arbeit gerne gemacht."

Trotzdem konnte Manfred Liebsch seine Arbeit irgendwann nicht mehr machen. Hatte Angst abzustumpfen.

"Das war schon nicht besonders schön zu sehen, dass ein Hund Ihnen vielleicht sogar so viel Vertrauen entgegen bringt, dass er Ihnen eine Pfote reicht, und Sie geben ihm eine Spritze und zwei Minuten später liegt der Hund in Krämpfen in Seitenlage da und verstirbt. Das sind Versuche gewesen, die ich sehr belastend empfand immer, die ich auch schlecht an technische Mitarbeiter abgeben konnte, weil man doch versucht hat, möglichst viel Informationen, wissenschaftliche Information aus diesem kurzen Zeitraum vor dem Tod zu erfassen, also das Vergiftungsbild sauber zu beschreiben, den zeitlichen Ablauf des Vergiftungsbildes, all das hat 'ne große Belastung dargestellt."

Tierversuche sind trotzdem nötig, in einem engen, genau bestimmten Rahmen, meint Manfred Liebsch. Aber sie müssen ohne ihn stattfinden. Das hat er damals auch seinen Kindern zu Liebe so entschieden.

Tiere müssen leiden, um Menschen zu schützen

"Weil die mich in einem Alter, Vorschulalter etwa, oder meine Tochter war glaube ich in der ersten Klasse, anfingen zu befragen, was ich denn so gemacht habe, wenn ich nach Hause kam. Und ich hab ihnen das erzählt, ich hab ihnen auch klar gemacht, dass ich es im einen oder anderen Fall für nötig erachte, dass man einem Tier Leiden zufügt, wenn es den Menschen entsprechend schützt, das war für die in dem Alter nicht so einsehbar."

1988 war das. Zwei Jahre später erforscht Manfred Liebsch beim Bundesgesundheitsamt Alternativmethoden zu Tierversuchen.

"Sehr geehrte Damen und Herren. Nachfrage: Noch gäbe es die Möglichkeit, für unsere Sendung Ihre Sicht zum LPT zu erläutern. Wir würden uns über einen Terminvorschlag für ein Interview freuen. Mit freundlichen Grüßen ..."

Sabine Brauer, Chefin der Bürgerinitiative "Lobby Pro Tier" steht vor dem mit Natodraht bewehrten Zaun der Tierversuchsanlage. Außen. Die Hunde, deren Bellen und Schreien man im Dorf hört, leben in mit Betonmauern voneinander getrennten Außenzwingern. Aus der Entfernung sieht man, wie sie zu der Tierschützerin rüberschauen und an den Gittern hochspringen. Es sind hauptsächlich Beagles, geschätzt 300 Stück. Beagles sind duldsam, robust und gut eignet für Versuche.

"Ich bin mir von Anfang an darüber im Klaren, dass ich diesen Tieren, die hier jetzt gerade leben, nicht helfen kann. Das weiß ich. Ich weiß, dass mein Weg, den Tieren zu helfen, nur über die politischen Wege funktioniert, es müssen Gesetze geändert werden, Tierversuche müssen verboten werden, ansonsten wird es nicht funktionieren. Ich tue was, und seitdem ich das mache, fühle ich mich zumindest nicht mehr ohnmächtig."

Ein kurzes Leben in Freiheit

Lothar Bohrisch, der Sägewerksbesitzer, findet die Arbeit der Bürgerinitiative irgendwie sympathisch. Obwohl: So dramatisch sei die Sache mit den Tierversuchen nun auch wieder nicht. Das müsse eben sein. An die Geschichte mit den beiden Affen, die aus der Versuchsanstalt ausgebüxt waren, erinnert er sich gern. Er hat die beiden Makaken mit Mohrrüben gefüttert. Und dann, nach zwei Wochen, im LPT angerufen.

"Ich hatte dann hier mit den Leuten gesprochen und gesagt: Vermisst Ihr nicht irgendwas? Weil es wurde dann langsam kalt, war so im Herbst, langsam ging's zum Winter über, und wenn die dann nachts draußen sind, hab ich gedacht, ist ja auch nicht gut. Affen sind ja nun nicht gerade so frostbeständig, ne. Die haben dann vorne am Weg ‘ne Futterfalle aufgestellt, und irgendwann sind sie drin. Aber die waren so schlau! Der Doktor sagte dann noch: Ja, einer war drin, und der andere, der draußen war, hat den wieder rausgelassen. Ja, hab ich gedacht, ganz witzige Tiere, ne."

Die beiden Ausbrecher mussten wieder zurück ins "Schwarze Loch" von Mienenbüttel. Sie wurden wieder zu Versuchstieren.

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