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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.09.2006

Thymós statt Thanatos

Peter Sloterdijk: "Zorn und Zeit"

Rezensiert von Marius Meller

Peter Sloterdijk (AP Archiv)
Peter Sloterdijk (AP Archiv)

Der Philosoph und Kulturwissenschaftler Peter Sloterdijk analysiert in seinem neuen Buch "Zorn und Zeit" die Geschichte der westlichen Kultur unter dem Aspekt des zerstörerischen Triebs. Seine zentrale These: der Zorn ist die eigentliche Triebfeder der Geschichte.

Peter Sloterdijk liebt die großen Kontrafakturen. Die Titel seiner Bücher sind den berühmtesten Werken seiner Zunft entgegen- und an ihnen weitergedacht. "Anmaßung!", rufen seine Verächter. "Endlich einer, der auf Augenhöhe mit den Großen Denkarbeit leistet und sich nicht im Detailsumpf der akademischen Philosophie suhlt", meinen seine Verteidiger. Mit der "Kritik der zynischen Vernunft" (1983) wurde er berühmt. Sein Vortrag "Regeln für den Menschenpark" (1999) über Humanismus und Gentechnik löste einen Skandal aus. Sein neustes Buch nennt er "Zorn und Zeit" – und schlägt damit Heidegger ein geniales Schnippchen, der mit seinem frühen Großwerk "Sein und Zeit" eine säkulare Theologie nach Nietzsche stiften wollte.

"Zorn und Zeit" analysiert die Geschichte der westlichen Kultur unter dem Aspekt des zerstörerischen Triebs. Mit einer Beschwörung des Zorns hebt bekanntlich die westliche Überlieferung an: Homers Ilias handelt von den tragischen Folgen des Zorns des Achilles. Sloterdijk beginnt mit einer Meditation über die ersten Zeilen dieses Grundbuchs unserer Zivilisation. Die Racheziele der Zornigen sind es, die nach Sloterdijk Zeit schaffen, sie schaffen Geschichte, indem aus den Zorngefühlen der Erniedrigten Zorninstitutionen geschaffen werden, die den Zorn kollektivieren und geschichtlich organisieren. Nicht der "Vorlauf auf den Tod" schafft Zeitlichkeit wie bei Heidegger, sondern der Wettlauf der Zornigen.

Ein theoretischer Coup Sloterdijks ist die Korrektur der psychoanalytischen Lehre von Eros und Thanatos: Den Todestrieb dekonstruiert er als spätes, zweifelhaftes "Zusatzkonstrukt" zum Eros. Er kritisiert, dass die Psychoanalyse das psychische Spannungsfeld des Menschen ebenso halbherzig wie einseitig erotologisch beschrieb, den Menschen als "Hampelmann der Liebe" erscheinen ließ. Dem Eros setzt er nun gleichberechtigt den "Thymós", an die Seite – thymós heißt das Organ, das die Griechen für die zornige Aufwallung verantwortlich machten.

Sloterdijk beschreibt aufgrund dieser Konstellation nun die großen "Zorninstitutionen" der westlichen Geschichte. Dabei mag es manch einem als anstößig erscheinen, dass er die monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam in eine Reihe mit den Zorn-Ideologien der Aufklärung stellt (dem Freiheitskult der Französischen Revolution, der zur Dauerbenutzung der Guillotine führte, und dem Eroberungsfuror Napoleons), sowie den Zorn-Systemen des 20. "Jahrhunderts der Extreme". Aber Sloterdijk setzt hier nicht nur brillant Nietzsches "Ressentiment"-Kritik fort, also die (psychologische) Kritik einer krankhaft-gekränkten Geisteshaltung, aus der die metaphysischen und post-metaphysischen Ideologien hervorgingen - aus beleidigtem, chronisch gewordenen "Hass gegen das Leben" oder eben gegen konstruierte Feinde. Darüber hinaus analysiert er subtil die (politisch) organisierten und geschichtlich "scharfgemachten Zornverwaltungen", also die konkret historischen Erscheinungsformen des Zorns: Kommunismus und Nationalsozialismus – die jeweils ihre Feinde als Klasse oder Rasse definierten.

Bei genauer Lektüre würdigt Sloterdijk durchaus den biblischen Gerechtigkeitsgedanken wie das jesuanische Liebesgebot. Aber die Droharsenale des Monotheismus, die prophetische Apokalyptik, das apostolische Höllenstrafsystem sind zunächst Gegenstände von Sloterdijks Fundamentalkritik, ebenso wie die Links- und Rechts-Faschismen des 20. Jahrhunderts.

Dabei verwendet Sloterdijk die Allegorie des Bank- und Sparkassenwesens in den Dingen des Zorns, das er in der mittelalterlichen "Erfindung des Purgatoriums" präfiguriert sieht: das "Zornbankwesen" bestimmt die Geschichtlichkeit des Abendlands für über ein Jahrtausend.

Sloterdijks frohe Botschaft ist das "Ende der Geschichte", das Zeitalter des Posthistoire, in dem wir seit dem Bankrott der großen Zornorganisationen aufatmen. Was wir jetzt erleben müssen, die Wiederaufladung des monotheistischen Islam mit "Zorneinlagen" und "Zornobligationen" von schlechten Verlieren der Geschichte, ist ein provinzielles Possennachspiel von Zorngeschichte – eine mediale Farce. Dabei denkt Sloterdijk die Thesen des amerikanischen Philosophen Francis Fukuyama konsequent weiter, der sich seinerseits bereits wieder von seinem berühmt gewordenen Buch "The End of History" distanziert hat. Nach Sloterdijks Geschichtsbegriff ist Geschichte der Prozess der Globalisierung. Was heute stattfindet, sind Nachhutgefechte und Revierkämpfe einer entstehenden Weltgesellschaft von koexistierenden Räumen. Man mag Sloterdijk in diesem Punkt für gleichermaßen überprovokant wie leutselig halten. Aber seine These hat immerhin den unschätzbaren Vorteil, dass sie ausgesprochen deeskalierend wirkt in einer allzu bereitwillig sich selbst hysterisierenden globalen Medienwelt.

"Große Politik" geschehe heute ausschließlich noch "im Modus von Balanceübungen". Die geschichtliche Zeit war die "Lernzeit für Zivilisierungen". Worauf zu hoffen ist, ist "ein Set von interkulturell verbindlichen Disziplinen" – eine "Weltkultur", die endlich ihren Namen verdient.

Peter Sloterdijk: Zorn und Zeit. Politisch-psychologischer Versuch
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2006
356 Seiten, 22,80 Euro

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