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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 04.03.2015

Thüringen-MonitorKeine Entwarnung beim Rechtsextremismus

Von Henry Bernhard

Die Teilnehmer einer Gegendemonstration stehen am 24.01.2015 in Erfurt (Thüringen). Anlass ist eine geplante Kundgebung des Pegida-Ablegers Pegada (Patriotische Europäer gegen die Amerikanisierung des Abendlandes) auf dem Erfurter Domplatz. (dpa / Michael Reichel)
Teilnehmer einer Kundgebung gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus im thüringischen Erfurt. (dpa / Michael Reichel)

Seit 15 Jahren misst Heinrich Best die politischen Einstellungen der Thüringer: im jährlichen Thüringen-Monitor. Elemente rechtsextremer Ideologien finden sich in fast allen sozialen und politischen Bereichen, lautet eine Erkenntnis des Soziologen.

"Nazis raus! ..."

Eine Demonstration vor dem Erfurter Bahnhof – ENDGAME nennt sie sich – "Engagierte Demokraten gegen die Amerikanisierung des Abendlandes". Sie schwenken russische Fahnen, palästinensische, deutsche. Die linke und grüne Gegendemo ruft "Nazis raus!", und die so Angerufenen antworten ebenfalls mit "Nazis raus!".

Eine absurde Situation, die die grüne Landtagsabgeordnete Astrid Rothe-Beinlich kommentiert:

"Ich meine, wir sind hier mit Maschinengewehrsalven begrüßt worden, die durch die Lautsprecher hallten; das sollte wohl die Haltung gegen Amerika zum Ausdruck bringen. Dann folgten Goebbels-ähnliche Reden, dann wieder 'Dona nobis pacem!' – das stiftet schon viel Verwirrung."

Heterogene Protest-Mischung

O-Ton Demo-Megafon: "Merkt ihr nicht, wie ihr euch instrumentalisieren lasst? Ihr rennt hier auf die Straße, ohne zu wissen, wogegen überhaupt! Ihr habt ja keine Ahnung, wer wir sind, was wir machen. Eigentlich müsstet ihr mit uns laufen, verdammt noch mal!"

Auch der Politikwissenschaftler Alexander Thumfart ist etwas ratlos ob der Zusammensetzung der Demonstration:

"Wer sich hier versammelt, ist völlig unüberschaubar. Es sind wirklich Neonazis dabei, ein ganzer Block an Neonazis; irgendwelche Leute, die offensichtlich vom großrussischen Reich träumen. Dann sind aber auch Palästinenser dabei, die sagen, 'Stopp dem Krieg in Palästina oder im Gaza-Streifen!'; Borderliner offensichtlich, die schon ein bißchen durchgeknallt sind, mit Verlaub. Aber es ist tatsächlich unübersichtlich. Man kann gar nicht sagen, was die Leute hier motiviert und was sie zusammenhält. So heterogen ist diese Demonstration."

Der Thüringen-Monitor wir jährlich erstellt

Weniger ratlos ist Heinrich Best. Der Soziologieprofessor von der Universität Jena erstellt seit 15 Jahren den Thüringen-Monitor, eine jährliche Studie über die politischen Einstellungen der Thüringer:

"Also, für uns kommt das nicht so überraschend, weil wir auch festgestellt haben, dass eben die politischen Koordinatensysteme in den Köpfen der Befragten sich sehr deutlich von dem unterscheiden, was wir in der Rechtsextremismus-Definition identifiziert haben als Rechtsextremismus. Das heißt: Befragte, die wir als rechtsextrem identifizieren, die sehen sich selbst überwiegend in der Mitte oder sogar auf dem linken Flügel. Und da kann es also durchaus sein, dass man sich dann auf diese Weise wechselseitig beharkt."

So hat der Thüringen-Monitor 2015 ergeben, dass 10 Prozent der Thüringer rechtsextreme Einstellungen haben – das ist der niedrigste Wert seit Beginn der Messungen. Vor zehn Jahren waren es noch mehr als doppelt so viele. Aber:

Heinrich Best: "Entwarnung kann nicht gegeben werden."

Der Soziologe weist nachdrücklich darauf hin, dass es sich beim Rechtsextremismus nicht um ein einhegbares und damit zielgenau bekämpfbares Phänomen handelt:

Gruppenbezogene Ressentiments weit verbreitet

Heinrich Best: "Tatsächlich finden sich jedoch Elemente rechtsextremer Ideologien ebenso wie gruppenbezogene Ressentiments in fast allen sozialen und politischen Quartieren."

Ein paar Beispiele: Die Hälfte der Thüringer hält Deutschland durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß für überfremdet. Ebenso viele werten Langzeitarbeitslose ab. Mehr als ein Drittel glaubt, dass Ausländer nur kämen, um den Sozialstaat auszunutzen. Fast jeder Dritte unterscheidet wertvolles und unwertes Leben. Jeder Sechste sieht auch gute Seiten im NS. Jeder Siebte hält eine Diktatur für die bessere Staatsform.

Einige dieser Werte lägen über dem deutschen Durchschnitt, aber nicht alle. Ressentiments, politische Vorlieben und Abneigungen gingen im Osten Kombinationen miteinander ein, die die Bewertungsmaßstäbe der Soziologen durcheinander bringen.

Heinrich Best: "Wir haben also festgestellt, dass Rechtsextremismus stark mit dem Gefühl verknüpft ist, als Ostdeutsche depraviert zu sein, mit einer positiven Bewertung der DDR und auch stark verknüpft sind mit dem Wunsch nach Rückkehr zur sozialistischen Ordnung."

Die Hälfte der Thüringer lehnt Muslime ab

Dies, so Best, sei die spezifisch ostdeutsche Ausprägung des Rechtsextremismus und der Ressentiments, aus der sich auch Pegida & Co. speisen. Der Thüringen-Monitor wurde zwar bereits im letzten Jahr erstellt, also vor Pegida, das Phänomen schimmerte jedoch schon durch die Zahlen. Auch dafür, dass die Hälfte der Thüringer Muslime ablehnt, sieht Best eine spezifisch ostdeutsche Erklärung mit zwei verschiedenen Motivationen: Einerseits die rechte Quelle der Fremdenfeindlichkeit, der Überhöhung des Eigenen, des Deutschen; andererseits aber der fundamental religionskritische und manchmal auch –feindliche Angriff auf den Islam von Links. Der Umgang mit Fremdheit und Andersartigkeit, aber auch mit Freiheit ist vielen im Osten noch immer fremd – ob rechts oder links.

"Klar, die DDR, aber auch die Wende und die Friedliche Revolution – alles das ist in den politischen Genen Ostdeutschlands vorhanden und drückt sich da aus. Wir dürfen nicht vergessen, dass es in Ostdeutschland nicht nur Pegida gibt, sondern es gibt auch massive Gegendemonstrationen, und es gibt auch einen breiten gesellschaftlichen Konsens, der in eine andere Richtung geht. Und insofern kann man sagen: Vielleicht fehlt 1968, aber dafür hat der Osten dann eben anderes."

Mehr zum Thema:

"Wir sind das Volk" - Vom Ruf nach Freiheit zur Hassparole(Deutschlandradio Kultur, Politisches Feuilleton, 16.02.2015)

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