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Thema / Archiv | Beitrag vom 19.05.2008

Thomas Borsch: Wir brauchen ein globales Monitoring-System über biologische Vielfalt

Biologe setzt auf nachhaltige Naturnutzung

Moderation: Kathrin Heise

Auch Buchen sind bedroht. (WSL)
Auch Buchen sind bedroht. (WSL)

Der Biologe Thomas Borsch hat in Zusammenhang mit der UN-Konferenz zum Artenschutz darauf hingewiesen, dass auch in Deutschland 40 Prozent der Arten auf der Roten Liste stehen. Diese müsse man als "Vorwarnliste" begreifen und als deutlichen Hinweis, dass mehr geschehen müsse. Wichtig sei der Schutz naturnaher Lebensräume. Zugleich forderte er ein weltweites Frühwarnsystem für den Artenschutz.

Katrin Heise: Luchs, Rotmilan und Buche verdienen den gleichen Schutz wie Nashorn, Tiger und Ebenholz. Das mahnte vor einigen Tagen der Naturschutzbund Deutschland und wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass Deutschland in Sachen Artenschutz ein Entwicklungsland sei. Das klingt nicht gut. Ich begrüße nun den Professor für Biologie und Direktor des Botanischen Gartens der Freien Universität, außerdem Mitorganisator der wissenschaftlichen Vorkonferenz PRECOP zur heutigen UN-Naturschutzkonferenz. Schönen guten Tag, Thomas Borsch!

Thomas Borsch: Ja, guten Morgen!

Heise: Ist Deutschland tatsächlich ein Artenschutz-Entwicklungsland?

Borsch: Ja, ich würde das vielleicht nicht ganz so extrem sehen, Entwicklungsland. Was allerdings der Tatsache entspricht, dass auch hierzulande etwa 40 Prozent der Arten auf der sogenannten roten Liste der gefährdeten Arten stehen, was aber heißt, die sind noch nicht ausgestorben. Aber es ist sozusagen die Vorwarnliste, das heißt, hier muss einfach mehr getan werden.

Heise: Ist das ein Grund zur Beunruhigung, natürlich, die Vorwarnliste. Was wird denn da getan, um eben vom Aussterben Bedrohte von dieser Liste da runterzubekommen? Geht das gar überhaupt?

Borsch: Ja, das geht schon. Man kann einerseits Schutzmaßnahmen, es gibt zwei Methoden letztlich, einmal in den Lebensräumen, da ist es ganz wichtig, dass Schutzgebiete ausgewiesen werden, wo die Arten auch entsprechend gemanagt werden, das heißt, wo die Natur nachhaltig genutzt und die Vielfalt erhalten wird. Da müssen wir sicher in Deutschland noch mehr tun. Auf der anderen Seite gibt es auch die Möglichkeiten, in Erhaltungskulturen, zum Beispiel in botanischen Gärten, ganz extrem gefährdete Arten zu vermehren und dann nach wissenschaftlichen Kriterien wieder auszusiedeln. Auch das wird getan. Und da gibt es auch gute Erfolge.

Heise: Der NABU, der Naturschutzbund, fordert mehr Mut zur Wildnis. Ist das richtig?

Borsch: Ja, das ist sicher richtig. Wildnis ist natürlich ein guter Begriff. Wir müssen aber auch bedenken, Deutschland oder Mitteleuropa insgesamt ist seit eigentlich der Zeit der Römer in ganz enger Ko-Evolution mit der menschlichen Kultur entstanden. Das heißt, wir haben eine Kulturlandschaft vor uns und das heißt im Prinzip auch, dass wir sehr, sehr genau überlegen müssen. Vielfalt kann zum Beispiel auch in extensiv genützten Wiesen sein, die sehr, sehr artenreich sind. Das ist nicht immer nur ganz ohne den Menschen.

Heise: Tut Deutschland, Sie haben gesagt, eigentlich nicht genug, wo muss man denn ansetzen?

Borsch: Na ja, es gibt zwei Dinge, einerseits, das haben auch die Ergebnisse eigentlich der PRECOP gezeigt, bei der sich ja 300 Wissenschaftler aus 40 Ländern getroffen haben.

Heise: Also diese Vorkonferenz…

Borsch: Die Vorkonferenz. Das ist nicht nur Deutschland, sondern ganz allgemein. Es muss eben verstärkt, natürliche oder naturnahe und vielfältige Lebensräume müssen geschützt werden. Und, ich denke, was in Deutschland auch ganz besonders wichtig ist, dass bei Maßnahmen der Landschaftsgestaltung und dass bei Renaturierungsmaßnahmen mehr wissenschaftliche Grundlagen wirklich berücksichtigt werden und hier vielleicht noch effektiver gearbeitet wird, als das bisher der Fall ist.

Heise: Würden Sie sagen, dass so auch in der Bevölkerung der Schutz von Buche und Luchs genauso wichtig genommen wird, wie von beispielsweise Nashorn und Tiger?

Borsch: Ja, Luchs hat einfach den Vorteil, das ist ein Tier und es hat schöne Augen. Die Menschen sind dadurch immer angesprochen, das ist ganz klar. Wir Botaniker versuchen natürlich, auch Lobbyarbeit zu machen für Pflanzen. Es ist sicher auch Bewusstsein da. Und eins der Ziele der Biodiversitätsstrategie, die die Bundesrepublik Deutschland ja verabschiedet hat, ist diese Sensibilität zu erhöhen. Und da muss sicherlich ganz allgemein auch weitergearbeitet werden.

Heise: Aber insgesamt auch von der Politik hat man oft den Eindruck, wenn man Herrn Minister Gabriel auf den Naturschutz quasi vor der Haustür anspricht, dass er eigentlich immer in die Ferne weist?

Borsch: Ja, es ist beides wichtig. Ich denke, wir müssen natürlich in Deutschland uns anstrengen, Vorbildfunktion zu sein und gerade während der ja kommenden zwei Jahre Präsidentschaft über die Konvention über die biologische Vielfalt ist das sicher ganz, ganz wichtig. Da tut sich auch eine ganze Menge. Es geht in die richtige Richtung.

Auf der anderen Seite, das hat auch eigentlich die PRECOP gezeigt, dass insbesondere in den Gebieten der Erde, in denen Diversität ganz besonders hoch ist, sprich in tropischen Gebieten, dass dort auch die schlimmsten Verluste zu befürchten sind. Das heißt auch, dieser ganze internationale Aspekt ist von extremer Wichtigkeit.

Heise: Artenschwund vor der eigenen Haustür bekämpfen, Gedanken zur internationalen Schutzkonferenz, die ab heute in Bonn tagt. Im "Radiofeuilleton" Thomas Borsch, Professor für Biologie und Direktor des Botanischen Gartens der FU Berlin. Wenn ich die politischen Ziele richtig lese, dann ist eigentlich immer davon die Rede, das Aussterben einzudämmen. Es ist nicht vom Erhalt die Rede. Ist das genug?

Borsch: Ja, Sie müssen bedenken, Aussterben, wir sind in der größten Aussterbekrise eigentlich in der Geschichte dieser Erde, einfach, was die Zeit und die Anzahl der Arten anbetrifft, die pro Zeit verschwinden. Und von daher ist ja Erhalt ein ganz wichtiger Punkt. Das muss aber sozusagen auch beachtet werden, dass die Evolution weitergehen kann. Das heißt, die natürlichen Systeme müssen sich weiterentwickeln können. Auch Arten müssen sich weiterentwickeln können. Und wenn wir im Stichwort Global Change an klimatische Veränderungen denken, dann heißt das, dass natürlich auch Vielfalt benötigt wird, um diesen enormen Herausforderungen, die uns ins Haus stehen, hier gewachsen zu sein.

Heise: Heißt das eigentlich, dass Bonn eine zweite Klimaschutzkonferenz ist?

Borsch: Ja, zweite Klimaschutzkonferenz vielleicht insoweit, als dass auch Konsensus besteht, dass die Klimaziele mit den Biodiversitätszielen verknüpft werden müssen, und das ist ja auch ein ganz, ganz großes Thema auf der neunten COP, die ja in Bonn jetzt heute begonnen hat.

Heise: Wie wird man das aber angehen können, weil da ja genau in diesem Feld, wo Sie auch gesagt haben, gerade die tropischen Länder, gerade auch Entwicklungsländer, die vielleicht besonders große Arten vorzuweisen haben, bei denen ist natürlich der wirtschaftliche Aufschwung auch ein ganz wichtiger.

Borsch: Natürlich.

Heise: Wie kann man das auf dieser Konferenz in den Griff kriegen?

Borsch: Ja, das ist natürlich der natürlich schwierige, politische Prozess. Aber man muss einfach versuchen, für uns, und das ist vielleicht als Entwicklungsland-Zusammenarbeiter wichtig für die internationale wirtschaftliche Zusammenarbeit, dass man einfach Nachhaltigkeit mit berücksichtigt. Und ich denke, Entwicklung von Technologien, die Energie sparen, die CO2 reduzieren, ist auch Biodiversitätsschutz.

Heise: Was erwarten Sie von dieser Konferenz, die jetzt in Bonn einige Tage tagen wird? Denn Papier ist immer geduldig, die Umsetzung eines europäischen Schutzgebietnetzes wird laut NABU zum Beispiel schon von einigen Bundesländern verschleppt. Das heißt, auch die nationalen Abkommen werden nicht unbedingt immer eingehalten. Was halten Sie von internationalen?

Borsch: Ja, ich denke, was für uns ganz wichtig ist, das ist vielleicht jetzt gar nicht so formal, was Abkommen betrifft, weil das ist einfach sehr schwer abzusehen, was die Politik dort auf der Tagung wirklich erarbeitet. Was aber ganz wichtig ist, und das merken wir jetzt schon, die COP in Deutschland ist für uns ein enormer frischer Wind in Sachen Biodiversität. Das ist in aller Munde. Und ich denke, das tut einfach der Diskussion hier ganz, ganz gut. Und man merkt das einfach, dass die Sache allein durch diese große Aufmerksamkeit in der Gesellschaft, die die CBD gebracht hat und die COP letztlich in Bonn bringt, zurzeit vorangebracht wird.

Heise: Die CBD?

Borsch: Die CBD heißt die Konvention über biologische Diversität. Das ist diese internationale UN-Konvention, die ja 1992 in Rio de Janeiro verabschiedet wurde.

Heise: Schwierig ist es bei dem ganzen Thema ja, dass wenn man davon ausgeht, dass vielleicht 100 Millionen Arten auf der Erde existieren, wovon nur 1,8 Millionen Arten im Jahr tatsächlich bekannt und beschrieben sind, uns ist gar nicht klar, in welcher Vielfalt wir eigentlich leben und welche Vielfalt notwendig ist. Wie kann man das tatsächlich in die Köpfe bekommen?

Borsch: Das ist ein ganz großes Problem. Es ist ja nach wie vor enorm viel zu tun, was die Erkenntnisse angeht über Organismen. Das ist ja das Forschungsgebiet der Taxonomie, das heißt der Beschreibung der wissenschaftlichen Beschreibung von Organismen und deren Wiedererkennung. Und das ist auch eine der zentralen Forderungen letztlich der PRECOP an die Politik, dass wir endlich ein globales Monitoring-System benötigen über biologische Vielfalt. Und da sei kurz angemerkt, dass solche Monitoring-Systeme, also Beobachtungs- und Frühwarnsysteme eigentlich für Wetter, Klima und Erdbeben schon längst bestehen.

Heise: Und warum bestehen sie für Tiere und Arten noch nicht?

Borsch: Ja, das ist eine gute Frage. Ich denke, da sollte man einfach aufbrechen und versuchen, so was umzusetzen.

Heise: Haben Sie den Eindruck, dass jetzt die richtige Zeit dafür ist?

Borsch: Ja, ja. Das ist, glaube ich, in aller Munde. Und das ist natürlich immer eine Frage auch der Lobby.

Heise: In aller Munde ist gut, aber ob es auch in den Köpfen tatsächlich ist, und auch in den Finanzbeuteln?

Borsch: Ja, das ist natürlich das Grundproblem. Aber ich denke, die Ausgaben dafür im Verhältnis zu manchen anderen Themen in der Großforschung sind eigentlich gar nicht so sehr hoch. Wenn wir bedenken, dass zum Beispiel in Deutschland einerseits die deutsche Forschungsgemeinschaft, andererseits das Bundesministerium für Bildung und Forschung schon in den letzten Jahren gute und sehr, sehr erfolgreiche Programme angesetzt hat, die ja sehr viel bringen, die auch internationale Erfolge zeigen, dann ist das sicher etwas, wo man eine ganze Menge auch erreichen kann mit eigentlich verhältnismäßigem Aufwand.

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