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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 25.12.2015

ThessalonikiAufstieg und Niedergang einer jüdischen Metropole

Von Igal Avidan

Das Wahrzeichen der Stadt Thessaloniki in Griechenland, der weiße Turm. (dpa / picture alliance / Federico Gambarini)
Das Wahrzeichen der Stadt Thessaloniki in Griechenland, der weiße Turm. (dpa / picture alliance / Federico Gambarini)

Wie kaum eine andere europäische Metropole war Thessaloniki seit alters her jüdisch geprägt. Doch die nationalistischen Griechen und später die Deutschen löschten die Zeichen der jüdischen Präsenz aus. Erst seit kurzem entdeckt die Stadt ihr Erbe neu.

Wenn Jacky Benmayor über die Vergangenheit seiner Geburtsstadt Thessaloniki spricht, glänzen seine Augen. Der 68-jährige griechische Jude schreibt gerade ein Buch über diese prachtvolle Geschichte der einst jüdischen Hafenstadt.

"Bis die Griechen die Stadt 1912 befreiten oder eroberten, stellten die Juden knapp die Hälfte der Bevölkerung und dominierten die Wirtschaft. Der Markt und der Hafen schlossen daher am Vorabend des Schabbat. Kurz danach sah man gut angezogene Männer und Kinder, die in eine der 32 Synagogen und zahlreiche Religionsschulen und Betstuben eilten. Die meisten Juden gingen aber lieber an der Strandpromenade spazieren."

Wie kam es dazu, dass Thessaloniki die einzige westeuropäische Metropole mit einer dominanten jüdischen Bevölkerung wurde?

Als im Jahre 1492 über 100.000 Juden aus Spanien vertrieben wurden, fanden die meisten von ihnen Zuflucht in den drei osmanischen Hafenstädten Thessaloniki, Konstantinopel, das heutige Istanbul, und Izmir, sagt der israelische Forscher zur Geschichte der Juden auf dem Balkan, Eliezer Papo. Aber nur in Thessaloniki wurden die Juden zur größten Volksgruppe.

"Sowohl die osmanischen Behörden als auch die flüchtenden Juden bevorzugten Thessaloniki. Denn die Osmanen hatten die Stadt erst 1430 erobert. Während der Belagerung der Stadt flohen die meisten christlichen Einwohner oder sie wurden in der Schlacht getötet. Die Hafenstadt war komplett zerstört und bot daher den spanischen Juden viele Möglichkeiten. Der Sultan wollte Thessaloniki wiederaufbauen, denn er brauchte einen funktionierenden Hafen an diesem strategisch wichtigen Ort. Diesen Aufbau leisteten die sephardischen Juden. Die meisten von ihnen gingen zwar nach Istanbul, aber diese Metropole schluckte ihre Juden sozusagen, während sie in der damaligen Kleinstadt Thessaloniki zur dominanten Gruppe wurden."

Dort genossen sie viele Privilegien wie eigene rabbinische Gerichte und Fürsorgeheime, ein eigenes Krankenhaus und Waisenhaus sowie jüdische Schulen mit den Unterrichtssprachen Französisch und Ladino oder Judeo-Spanisch, die Sprache ihrer Vorfahren; nur wenige Juden lernten Griechisch.

Ab 1912 ging es mit der Gemeinde abwärts

Als die griechische Armee Thessaloniki 1912 eroberte, begann der Niedergang der 70.000 Juden zählenden Gemeinde, die zu den unterlegenen Osmanen gehalten hatte. Daher bemühten sie sich bei den Alliierten um die Gründung einer "jüdischen Republik" in der Hafenstadt – jedoch vergeblich.

Am 18. August 1917 zerstörte ein Flächenbrand einen Großteil der Holzhäuser der Altstadt, wo sich das historische jüdische Viertel befand. Die meisten Synagogen brannten ab, ebenso die jüdischen Schulen, Bibliotheken, Vereine und Gemeindebüros. Historiker Eliezer Papo:

"80 Prozent des jüdischen Wohnviertels brannte nieder. Die griechische Führung beschloss, neue Wohnquartiere für die obdachlosen Juden zu bauen. Jedoch nicht im gleichen Stadtteil, wo sie ein 'Klein Paris' für wohlhabende Bürger errichteten, sondern am Stadtrand."

Durch die Aufnahme abertausender griechischer Flüchtlinge aus Kleinasien wurden die Juden ab 1923 eine unbeliebte Minderheit, die unter der "Hellenisierung" der neuen Herrscher litt. Um die griechischen Händler zu bevorzugen, wurde der Sonntag als offizieller Ruhetag eingeführt, sodass traditionelle jüdische Händler ihre Geschäfte zwei Tage in der Woche schließen mussten. Von den Behörden geduldete antisemitische Gruppen brannten 1931 bei einem Pogrom das ganze jüdische Quartier Campbell nieder. Die wenigen ruhigen Jahre endeten am 9. April 1941 mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht.

Klaus Kastner ist Experte für die deutsche Besatzung in Griechenland:

"Zunächst hat es sogar geheißen, dass im deutschen Besatzungsgebiet die 'Nürnberger Rassengesetze' nicht angewandt werden, also eigentlich die Juden können leben. Und für die Juden bedeutete das, dass sie am Anfang sich doch in Sicherheit wiegten."

Sie sahen sich aber bald getäuscht. Am 11. Juni 1942 mussten alle 9000 in Saloniki lebenden jüdischen Männer auf der Platia Eleftheria, dem Freiheitsplatz, erscheinen. Sie wurden für die Zwangsarbeit registriert und öffentlich gedemütigt: Die griechischen Wächter trieben sie mit Peitschenschlägen zu gymnastischen Übungen an.

Um die Männer von der harten Arbeit beim Straßenbau zu befreien, kaufte sie die jüdische Gemeinde frei. Weil sie die enorme Summe jedoch nicht aufbringen konnte, musste sie ihren Friedhof mit rund 400.000 Gräbern abgeben, die von der Stadtverwaltung zerstört wurden.

Deportiert nach Auschwitz und Bergen-Belsen

Auf Initiative von Adolf Eichmann wurden 1943 die rund 50.000 Juden von Saloniki nach Auschwitz und Bergen-Belsen deportiert. Einer von ihnen war der spätere legendäre Berliner Kantor Estrongo Nachama, Jahrgang 1918, wie sein Sohn Andreas Nachama erzählt:

"Seine Situation war die, er war Soldat in der griechischen Armee, er hat gegen die Italiener gekämpft und sie waren eigentlich erfolgreich. Dann wurde er nach Hause geschickt. Und dann im März 1943, kurz vor Pessach, deportiert worden, nach Auschwitz."

Estrongo Nachama war einer der wenigen Überlebenden aus Thessaloniki. Nach dem Todesmarsch aus dem KZ Sachsenhausen blieb er in West-Berlin. Als er Griechenland 1959 besuchte, wurde er wegen Fahnenflucht verhaftet: Er habe sich nämlich 1947 dem griechischen Bürgerkrieg entzogen, hieß es. Als der betagte Estrongo Nachama 1994 seine Heimatstadt noch einmal besuchen und daher seinen griechischen Pass verlängern wollte, lehnte das die Außenstelle der griechischen Botschaft in Berlin ab:

"Und dann haben die ihm gesagt, nein, du kriegst keinen griechischen Pass mehr, denn du bist ein Deserteur! Dann habe ich – damals war Diepgen regierender Bürgermeister – mit Diepgen telefoniert. Er sagte, er hatte schon das Bundesverdienstkreuz und das ist kein Problem, wir werden ihm einen deutschen Pass geben. Da müssen wir einen Antrag auf Einbürgerung stellen, das kriegt er sofort, er lebt doch hier seit Jahrzehnten und so."

Und so wurde er Deutscher?

"So wurde er NICHT Deutscher. Denn er hat gesagt: 'Ich, deutscher Staatsbürger? Ich bin kein deutscher Staatsbürger, ich bin Grieche! Ich will keinen deutschen Pass!'"

Erst dank der Intervention des griechisch-orthodoxen Metropoliten Augustinus, der einst Estrongo Nachamas Zechbruder in der West-Berliner "Taverna" gewesen war, erhielt der Shoah-Überlebende, der mit griechischer Hilfe beinahe vernichtet wurde, endlich seinen griechischen Pass zurück – und damit ein Stück Heimat.

Und erst in den letzten Jahren beginnt man in Thessaloniki – unter dem Druck der 1500 Juden und mit deutscher Hilfe - an die prächtige und den heutigen Bewohnern völlig unbekannte jüdische Geschichte der Stadt zu erinnern.

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