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Fazit / Archiv | Beitrag vom 11.03.2014

Theater-GameLoop der Abweisung

Interaktiver Abend im FFT Düsseldorf

Von Christine Enkeler

Schauspieler Lasse Marburg lehnt an einem Kontrollpunkt, hinter dem Schauspieler Philip Steimel steht, beide schauen links an der Kamera vorbei. Über ihnen zeigt eine analoge Uhr 5.52 Uhr an. (dpa / Horst Ossinger)
Lasse Marburg (l.) und Philip Steimel bei der Generalprobe von "Right of Passage" (dpa / Horst Ossinger)

Die Berliner Gruppe machina eX arbeitet seit 2012 gemeinsam mit der Game-Szene an interaktiven Erzählweisen und aktuellen Stoffen. In Düsseldorf haben sie jetzt das Theater-Game "Right of Passage" als eine neuartige Form von Live-Performance auf die Bühne gebracht.

Ein Flüchtlingscamp im Gohptal, im Grenzgebiet zur Lörischen Republik: Das ist der Schauplatz eines Computerspiel-Theaterstücks von machina eX. Wer hier eintritt, spielt mit, in dieser fiktiven Welt: Er wird zum "Flüchtling". Aufgabe: Überschreite die Grenze zur Lörischen Republik. Wir bekommen einen Pass, der uns erste Hinweise auf unsere Identität gibt. Im Wartesaal der Behörde kann man einen ersten Blick auf seitenweise Informationen werfen: über die Lörische Republik und ihre Nachbarstaaten, in denen zum Teil Krieg und Verfolgung herrschen:

In Ros-U werden die Angehörigen der S-hinhuasu-Religion verfolgt. Ich bin S-inhuasu, sehe ich im Pass, komme aber aus Pykholm. Ich versuche, die Grenze zu überschreiten, aber ich brauche erst Dokumente: Geburtsurkunde, Arbeitsbefähigung, einen Nachweis über Verfolgung und ein Gesundheitszertifikat. Vor mir liegt eine Art Schnitzeljagd, aber die Gruppe machina eX hat auch so etwas wie ein politisches oder systemisches Planspiel entworfen, das sie den "Serious Games" zurechnet - kein pures Unterhaltungsspiel, aber eines, das unbedingt Unterhaltungselemente enthält.

Performer hängen plötzlich immer wieder im Text

Machina eX sind neun junge Menschen aus kulturwissenschaftlichen Studiengängen der Uni Hildesheim, in den 80ern geboren, die basteln, performen und skripten und so seit 2010 Computerspiele und Theater einander annähern. In "Right of Passage" stellen sie ihren Zuschauer-Mitspielern Rätselaufgaben wie das Knacken von Codes; oder sie arbeiten mit Elektronik: In einfachen Geschicklichkeitsaufgaben treten wir gegen die Technik an (für die Arbeitsbefähigung). In geskripteten Szenen kommen Aufgaben hinzu: Dabei "hängen" die Performer plötzlich immer wieder im Text. Wir können ihnen helfen, wenn wir weiterfragen und weitersuchen: Telefonnummern, Medikamente, wichtige Dinge für Riten.

Wir dürfen das Unterste nach oben kehren. Wir müssen mit den Performern sprechen: Wie komme ich an meinen Nachweis über Verfolgung? Wir lernen, die Guten von den Bösen zu unterscheiden, und damit, wem wir helfen möchten; und wenn wir zusätzliche Informationen finden, ein Tagebuch zum Beispiel, merken wir, dass auch die Bösen zwei Seiten haben können. Im Süden der Lörischen Republik liegt das Korminische Kombinat, ein einflussreicher Staatenbund. Auch die Lörische Republik will beitreten, aber das Kombinat hat beschlossen, bis 2025 nur noch einen Staat aufzunehmen. Das Kombinat macht Druck auf die Republik, ihre Einwanderungspolitik zu regulieren. Durch diesen Druck wird unser Flüchtlingslager am Ende geschlossen und auch alle Verfolgten stehen vor verschlossenen Türen. Aber Menschenwürde schreibt das Kombinat ganz groß. Was für ein Widerspruch - oder?

Ich habe es nicht geschafft, Asyl zu beantragen. Laut allen Informationen im verlassenen Büro der Hilfsorganisation hätte ich aber offenbar Asyl bekommen. Denn durchaus bin ich verfolgt - und zwar politisch. Das lese ich in einem Auszug aus meiner Personalakte: Ich bin Gruppenführer der pykholmischen Widerstandsgruppe "Friedliches Pykholm". 2010 habe ich bei gewaltvollen Demonstrationen mitgearbeitet und die Hiseör-Entführungen mit organisiert. Seit Beginn des Bürgerkrieges 2012 gelte ich offiziell als Volksverhetzer. Hintergrund der Auseinandersetzungen sind Ölquellen im Meer, die Pykholm für sich beansprucht, obwohl der Anspruch gar nicht so klar ist. Die Widerstandsgruppe "Friedliches Pykholm" will ein Friedensabkommen mit den Nachbarstaaten - und setzt sich dafür mit terroristischen Maßnahmen ein.

Noch ein Widerspruch - oder Teil der Auflösung?

Ich habe es auch deswegen nicht geschafft, Asyl zu beantragen, weil ich meine Botschaft hätte anrufen müssen, um meine Geburtsurkunde zu bekommen. Noch während ich meinen Asylantrag ausfülle, frage ich mich, ob die Pykholmer Diplomaten wohl jemandem eine Geburtsurkunde zur Ausreise nachschicken, den sie verfolgen. Und wie lange das dauern mag. Aber wir Pykholmer Widerstandskämpfer, die wir uns inzwischen im Lager gefunden haben, bekommen sowieso keinen Kontakt zur Botschaft: Das Telefon funktioniert nicht. Offenbar ist das eine tatsächliche technische Panne an diesem Theaterabend - aber so weit weg von der Wirklichkeit und ihrer Absurdität ist nicht einmal das.

Machina eX hat Requisite und Kulisse liebevoll gestaltet, die scherenschnittartigen Einzelelemente sehr variabel und kunstvoll miteinander verwoben und durch dieses Netz von Handlungs- und Dramaturgiemöglichkeiten zu einer echten Herausforderung gemacht. "Right of Passage" ist ein bis zu drei Stunden lang spannend bleibendes Spiel, das bei aller Fiktion sicher nicht im luftleeren Raum hängt.

Zur Homepage: FFT Düsseldorf  

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