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"The Tree of Life"

Philosophisches Filmepos von Terrence Malick

Von Hans-Ulrich Pönack

Terrence Malick, der am 30. November 1943 in Ottawa/Illinois geborene Drehbuch-Autor, Regisseur und Filmproduzent, ist der wohl geheimnisvollste Filmemacher überhaupt. Absolut scheu. Unnahbar. Unerreichbar.

Seit seinem grandiosen Debütfilm "Badlands - Zerschossene Träume" von 1973 hat er nur insgesamt vier weitere Filme geschaffen: "In der Glut des Südens", 1978 ("Oscar" für Kameramann Néstor Almendros; "Bester Regisseur" in Cannes); "Der schmale Grat", 1998 (siebenfach "Oscar" nominiert; "Goldener Berlinale-Bär"); "The New World", 2005.

In seinem fünften Werk, das kürzlich bei den Filmfestspielen von Cannes mit dem Hauptpreis bedacht wurde, geht der inzwischen über 65-jährige an die Sinnfragen und die Sinnsuche menschlichen Lebens, menschlicher Existenz und menschlichen Seins: im Kosmos Erde und überhaupt. Unser Planet "von oben".

Gleich zu Anfang erwartet uns ein Zitat aus dem Alten Testament: "Wo warst du, als ich die Erde gründete? Sag an, wenn du Bescheid weißt". Es folgt ein mysteriöses, flackerndes, gewaltiges Rot-Sonnen-Licht, danach begeben wir uns in das Texas der 1950er-Jahre, in eine dortige Kleinstadt.

Sozusagen vom Urknall ins überschaubare Mini-Reservoir einer disziplinierten amerikanischen Family. Die aber wird nicht linear, sondern anekdotenhaft, in erzählerischen Gestern-Heute Gedankenmustern, vorgestellt. Bisweilen befinden wir uns auch in der heutigen Zeit, wo Sean Penn als erwachsener Sohn Jack mit gequältem Pokerface und im Designer-Anzug als trauriger Erwachsener durch eine Wüstenlandschaft tapert und offensichtlich immer noch an den unauslöschlichen Folgen einer harten Brutalo-Pädagogik seines Erzeugers (Brad Pitt) leidet. Und am frühen Tod des jüngsten geliebten Bruders.

Das Ganze kommt mit einer merkwürdig abgehackten Symbolsprache daher, beziehungsweise durch rätselhaft gehauchte Texte "von oben" - aus dem Off. Eine fundamentalistische Religionsstimmung breitet sich aus. In der Atmosphäre zwischen harscher Bibelstunde und diktatorischem Kirchenton. Wobei mehr auf die Vergangenheit geblickt wird, in der der unnachgiebige Daddy seine unvollkommenen Jungs autoritär malträtiert. Besonders den Älteren, Jack, um ihn "zu stählen", um ihn auf das ungerechte, harte, gemeine erwachsene Alltagsleben vorzubereiten. Während die Mutter (Jessica Chastain) traurig schuldvoll zusieht und nicht eingreift. Fröhlichkeit kommt nur auf, wenn der Alte mal einige Zeit von Zuhause weg ist.

"The Tree of Life" ist ein Schnipsel-Film. Kann so oder auch so gedeutet werden. Gibt sich weltumfassend sinnsuchend. Von der Schöpfung bis zum Jetzt. Was war? Was ist? Was hat Bedeutung? Liebe? Warum Gott? Wo? Wieso so? Wer sind wir? Nichts weiter als armselige Gestalten? In seinem Universum? Oder sind wir halt so festgepolt? Für immer und ewig? Falsch? Bekloppt? Gemein? Lächerlich? Eigentlich überflüssig? Und überhaupt. Ist das alles gewollt? Von ihm, den wir Gott nennen? Oder was? Der Mensch als pure Traurigkeit. Und ziemlich doof. Elendig. Armselig. Innerhalb eines so sagenhaften "guten" Kosmos. "Schaut auf diese Erde". Oder so.

Sind diese Fragefäden beliebig, achselzuckend-banal, philosophisch dick - das volle theoretische Schmerz-Programm, so bombastisch zeigt sich das Visuelle. Wolken, Himmel, Sterne. Landschaften. Allgewaltig. Schön. Kamera: Emmanuel Lubezki. Sehr atmosphärisch, bisweilen vorübergehend.

Musikalisch wird der Bilderstrom wuchtig kommentiert von Alexandre Desplat. Mit betörenden Sphärenklängen. Dafür bleibt die Sprache, wenn sie denn überhaupt stattfindet, verwirrend. Uneinheitlich. Mysteriös. Sich in – zumeist biblischen – Andeutungen und Lippenbekenntnissen ergehend. Spirituell ergiebig wie total langweilend, verkauft als bedeutungsschwangere Poesie mit nur begrenzter Magie. Meistens aufdringlich, belästigend, läppisch. Marke: Unser Leben als Tod im Wartestand. Aha! Der Mensch ist schuldig. Voll und ganz. Punkt. Oder: Erst wenn wir uns entscheiden zwischen Natur und Gnade, heißt es einmal aus dem Off gedämpft, können wir hoffen. Auch auf bessere Filme.

USA 2011, Regie: Terrence Malick, Darsteller: Brad Pitt, Sean Penn, Jessica Chastain, Fiona Shaw, McCracken, Laramie Eppler, Tye Sheridan, Joanna Going, Jackson Hurst, Crystal Mantecon, Kimberly Whalen, Zach Irsik, Will Wallace, 138 Minuten

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