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Fazit / Archiv | Beitrag vom 10.10.2013

Textil in der Kunst

Stoff als Idee in der Moderne - eine Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg

Von Volkhard App

Das Kunstwerk "Venere degli Stracci" des Künsters Michelangelo Pistoletto (picture alliance / dpa / Christoph Schmidt)
Das Kunstwerk "Venere degli Stracci" des Künsters Michelangelo Pistoletto (picture alliance / dpa / Christoph Schmidt)

Stoffe als Material oder als Abbildung in der modernen Kunst stehen im Mittelpunkt einer Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg. Rund 200 Werke werden gezeigt: unter anderem Gemälde von Gustav Klimt, Vincent van Gogh oder Jackson Pollock. Ein ehrgeiziges und aufwendiges Projekt.

Ein besserer Auftakt zum Thema "Kunst & Textil" ist kaum denkbar als das von Gustav Klimt zu Beginn des 20. Jahrhunderts gemalte Bildnis einer Dame in einem kostbarem Kleid, das Sinnlichkeit verkörpert, sich über die Fläche erstreckt und mit dem Hintergrund verschmilzt. Man glaubt, den Stoff zu spüren, der hier zum Bild geworden ist. Oder will das Bild hier zum Stoff werden? Nicht weniger eindrucksvoll, wie Henri Matisse sich auf seinen Gemälden der dekorativen Muster von Gewändern und Teppichen bediente. Gastkuratorin Marie-Amélie zu Salm-Salm:

"Bei Matisse haben wir gesehen, wie wichtig Stoffe für ihn sind. Er hat sich zeitlebens mit Stoffen umgeben, hat sie auch gesammelt und auf den Flohmärkten Kleider gekauft, mit denen er seine Modelle eingekleidet hat. Bei ihm könnte die Formel gelten: Der Stoff wird Bild - weil er seinen Bildraum aus diesen unterschiedlichen Stoffen und Tapisserien zusammenbaut. Bei Vuillard und Bonnard hingegen mit ihrer weitmaschigen Malweise und diesem Tupfen erinnert doch die Textur der Gemälde an etwas Stoffliches. Und da könnte man die andere Formel anwenden: Das Bild wird Stoff."

Stoffe als Anregung und Motiv, aber auch als unmittelbares künstlerisches Material. So waren Textilien Geburtsstätten der Abstraktion. Die von geometrischen Formen geprägten Stickereien einiger Künstlerinnen unterstreichen es. Sie gaben malenden Kollegen wichtige Impulse. Museumsdirektor Markus Brüderlin:

"Das ist eine gegenseitige Befruchtung von Malerei und textilem Handwerk. Wenn man zum Beispiel sieht, dass Sophie Taeuber-Arp schon 1916 solche Gittermuster gewoben hat, entwickelt ganz aus der Weberei heraus, und Mondrian noch in der Sackgasse des Kubismus gesteckt hat, ist das doch eine sehr interessante - sagen wir mal: Parallelität."

Die Kluft zwischen Kunst und Kunsthandwerk erweist sich da als obsolet. In Wolfsburg hält man sich zugute, mit diesem ehrgeizigen und aufwendigen Projekt einem Versäumnis in der Kunstbetrachtung entgegenzutreten, denn die Rolle des Textils wurde bislang zu wenig beachtet:

"Ja, man hat es unterbewertet, weil das Textil immer als Frauenkunst abgetan wurde. Ich glaube, es ist jetzt an der Zeit, dass man mit diesem Klischee aufräumt."

Spektrum reicht vom Messgewand is zum Filzanzug von Joseph Beuys

Mondrian, Man Ray, Pollock, Sigmar Polke: Es ist in Wolfsburg eine Versammlung großer Namen. Der rote Faden in dieser Ausstellung ist die moderne Kunstgeschichte, doch wird diese Chronologie durch historische Artefakte immer wieder unterbrochen, durch Sprünge über Jahrhunderte hinweg, sodass in der großen Ausstellungshalle, die durch Wände und Vorhänge unterteilt und bespielbar gemacht worden ist, eine Vielfalt von Werken gezeigt werden kann - das Spektrum reicht vom Messgewand aus dem 15. Jahrhundert bis zum Filzanzug von Joseph Beuys, von einem altägyptischen Mumiennetz bis zu Gobelins nach Motiven Gerhard Richters; von Wollknäueln, mit denen sich van Gogh der farblichen Wirkung versicherte, bis zu Rosemarie Trockels gestrickten, teils farbstarken Arbeiten.

"Spiderwomen" heißt diese von feministischer Kunst geprägte Abteilung, in die als Sinnbild auch eine mächtige Metallspinne von Louise Bourgeois gestellt worden ist. Joseph Beuys muss sich hingegen mit einem Kabinett bescheiden, für den Kontext dieser Schau aber ist er unerlässlich:

"Bei ihm geht es natürlich um Materialspiritualität: Er hat das Material spirituell aufgeladen, symbolische Bedeutungen abgeleitet, da ist er ganz zentral."

In einem abschließenden Raum lässt Peter Kogler seine digitalen Muster auf die Wände projizieren: Röhren, die Gitter bilden, sich zunehmend verformen und dann immer wieder andere Gestalt annehmen: Mancherorts hat man solche Projektionen Koglers schon gesehen, wie gut passen sie zu "Kunst & Textil"? Kogler:

"Der Computer und die digitale Information haben eine Nähe zum Textilen. Denn es geht im Wesentlichen um horizontale und vertikale Gliederung."

Man darf sich von dieser enzyklopädischen Ausstellung überwältigt und im Augenblick durch die Fülle der Arbeiten und ihre manchmal assoziative Verknüpfung auch ein wenig überfordert fühlen. Doch ist die Qualität der Werke derart groß, dass man, statt - passend zum Thema - eine weiße Fahne hochzuhalten, lieber einen weiteren Rundgang unternimmt.

Mit dieser ehrgeizigen Schau bewegt sich das Kunstmuseum auf der Höhe der Zeit. Denn gegenwärtige Künstlerinnen und Künstler beschäftigen sich offenbar verstärkt mit Textilien, und verschiedene Ausstellungshallen widmen sich dem Stoff als Thema. Markus Brüderlin:

"Es hat sicherlich zu tun mit der zunehmenden Virtualisierung, Immaterialisierung unserer Lebenswelt durch die Computertechnologie. Wir sitzen nur noch vor Bildschirmen, haben vielleicht eine Maus noch in der Hand, aber sonst ist doch alles sehr stark auf den Kopf konzentriert. Und diese Künstler entdecken halt die Hand wieder und erkennen, dass die Hand zum Kopf gehört. Richard Sennett hat gesagt: Bei der Trennung von Kopf und Hand verliert der Kopf."

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