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Fazit / Archiv | Beitrag vom 12.07.2005

"Terror kann Bestandteil von Krieg sein"

Ethnologe fordert neue Strategie im Umgang mit Terroristen

Moderation: Eckhard Roelcke

Osama bin Laden in Khost, Afghanistan, 1998 (AP)
Osama bin Laden in Khost, Afghanistan, 1998 (AP)

Der Ethnologe Thomas Hauschild hat die Anschläge der El Kaida als "Krieg" bezeichnet. Das Netzwerk gelte es militärisch zu bekämpfen. Er nannte El Kaida eine "weltweit agierende Jugendbewegung". Da sie für viele enttäuschte muslimische Jugendliche attraktiv sei, gelte es, den Dialog zu suchen, damit sie nicht zu deren Söldnern würden.

Roelcke: Herr Hauschild, als Ethnologe haben Sie einen anderen Blick, ein anderes Erkenntnisinteresse als ein Politiker oder ein Psychologe, einen anderen Blick auch auf aktuelle Ereignisse und Strömungen. Wir wollen über den Terror sprechen, der die westliche Welt bedroht. Zeitungen haben den Terroranschlag in London als "Angriff" bezeichnet. Angriff, das ist ein militärischer Ausdruck. Ist denn "Krieg" die richtige Bezeichnung für das, was zwischen El Kaida und der westlichen Welt zurzeit stattfindet?

Hauschild: Ja, ich bin froh, dass da ein Tabu gefallen ist, dass man das so erkennen kann. Das ist ein Angriff. Das ist ein Krieg. Wir stehen in einem langfristigen Krieg, der uns formell ganz offen erklärt worden ist, der von einer symbolischen Figur Osama Bin Laden angetrieben und vielleicht auch heute nur noch symbolisch vertreten wird - wer weiß, was mit ihm los ist?

Aber es ist ein Krieg, und es ist eine diffuse, vernetzte Macht, die hier langfristig Krieg gegen uns führt, und wir nehmen diesen Krieg eigentlich nur wahr, wenn wieder mal westliche Länder mit Anschlägen betroffen sind. Wir nehmen gar nicht wahr, dass derselbe Krieg die ganze Zeit im Irak läuft, und ich glaube, dass auch die Wende im Irakkrieg in den letzten Tagen direkt zu den Anschlägen in London geführt hat.

Roelcke: Welche Wende im Irakkrieg meinen Sie?

Hauschild: Ich meine, die Wende, dass El Sarkawi, der Anführer der El Kaida oder jedenfalls die Figur, die man dafür halten muss, in den letzten Tagen auch sehr vielen anderen oppositionellen Kräften im Irak den Krieg erklärt hat und angefangen hat, Anschläge gegen schiitische Geistliche zu organisieren. Das heißt, El Kaida ist es nicht gelungen, da eine große antiamerikanische Befreiungsfront zusammenzustellen. Sie sind isoliert worden.

Ich sehe da jetzt große Chancen auch für einen weiteren friedlichen Verlauf. Entgegen allen Erwartungen, die man so in Westeuropa, in Frankreich, Deutschland hatte, sehe ich jetzt ganz positive Anzeichen im Irak, und parallel fällt sozusagen diesem Netzwerk, wenn man das als ein großes Gehirn betrachtet, ein, ach ja, da gab es noch einen ganz anderen Kriegsschauplatz, wo waren wir da stehen geblieben? Wir waren bei Spanien stehen geblieben, als nächstes war England dran. Ich habe das vor einem Jahr vorhergesagt.

Roelcke: Sind denn Terroristen militärische Feinde, um das noch mal ganz allgemein zu sagen?

Hauschild: Sie werden zu militärischen Feinden. Das sind junge Menschen, die sehr aufgeregt sind und die in ganz schwierigen Situationen leben, geistige und materielle. Meistens sind sie in eine große Verwirrung geraten über die Weltpolitik, und zu Recht. Die Weltpolitik schlägt sehr gegen sie aus in vielerlei Hinsicht. Durch alle möglichen Erfahrungen und durch ein gezielt und sehr hart arbeitendes Netzwerk, dass diese jungen Menschen gerne in Mörder verwandeln möchte, werden sie dann langsam transformiert in Krieger, und dann muss man sie auch als Soldaten betrachten.

Roelcke: Wenn wir so über den Terror sprechen, wenn man Terror als Krieg bezeichnet, muss man dann Terror neu definieren? Sie definieren Terror neu?

Hauschild: Ich würde das neu definieren. Es gibt zum Beispiel auch terroristische Aspekte im "normalen Krieg". Also das, was Nazis und Partisanen in Südosteuropa im Zweiten Weltkrieg gemacht haben - und auf der Seite der Partisanen war das völlig legitim -, war Terror, und da liegen auch Erfahrungen zu Grunde, die jetzt unter anderem wieder in diese El-Kaida-Aktivitäten einfließen.

Terror kann Bestandteil von Krieg sein. Terror würde ich eben abgrenzen als eine Anschlagsstrategie, eine Einzelstrategie, auch eine Strategie, bei der Unschuldige ständig bewusst mit einbezogen werden, nur um den Feind zu schwächen und einzuschüchtern. Jetzt ist hier eine Terrorstrategie da, die sich jederzeit zum Krieg steigern kann, die sich im Irak eine Zeit lang jetzt auch zum Krieg gesteigert hat, und gerade das scheint abzunehmen, und dann geht es am anderen Ende wieder los.

Roelcke: Wenn man im Krieg ist, muss man seinen Feind kennen. Wie kann man denn die fundamentalistische Ideologie, die El Kaida zugrunde liegt, diese Irrationalität dann rational erklären? Ist es möglich?

Hauschild: Selbstverständlich kann man das rational erklären. Stellen Sie sich mal vor, Sie sind 20 Jahre alt, leben in einem Land, in dem 60 Prozent Jugendarbeitslosigkeit herrscht, das völlig ausgepowert ist von der internationalen Ökonomie, und sehen überhaupt keine Zukunftschancen. Dann denken Sie darüber nach, dass Sie gerne in die Vergangenheit zurückkehren würden, als es noch besser lief und als das Land noch agrarisch war. Dann können sich solche Ideen ganz schnell festfressen.

Abgesehen davon, Fundamentalismus gibt es auf der ganzen Welt. Schauen Sie sich mal Verlautbarungen der Kirchen in Deutschland an, da ist auch ein leichter fundamentalistischer Zug immer spürbar. Religionen können gar nicht ohne ein Fundament dieser Art existieren. Die Frage ist, wann wird der Rückgriff auf das Fundament, das völlig gesund und vernünftig ist für bestimmte Lebenssituationen, zum Terrorismus?

Dazu bedarf es viel weitergehender Erfahrung eines gezielten, mit Geld und allen Tricks des Terrors agierenden Netzwerkes von Leuten, die wir unbedingt auf die Dauer jetzt erwischen sollten. Wenn das nicht geschieht, dann werden die sich weiter Landstriche auf der Welt aussuchen, die gerade nicht sehr genau betrachtet werden, werden da wieder ihre Lager aufbauen, werden wieder Nachwuchs großziehen und vielleicht auch mal mit ganz anderen Waffentechnologien ankommen als das, was wir bisher hatten.

Roelcke: Wenn wir uns mal auf El Kaida konzentrieren, auf welche Quellen kann man sich denn stützen, wenn man versucht, sich dem Gedankenumfeld El Kaidas zu nähern?

Hauschild: Man kann sich auf ein paar sehr gute Quellen stützen. Zum Beispiel hat der deutsche Religionswissenschaftler Kippenberg sogar die handschriftlich überlieferte Anweisung für den Anschlag auf die Twin Towers in Manhattan übersetzt und sehr genau analysiert. Ich würde in der Analyse allerdings ein bisschen weitergehen als Herr Kippenberg. In diesen Anweisungen sieht man zum Beispiel, dass der Anschlag als Ritual geplant worden ist. Es ist von vorne bis hinten durchkomponiert, der Gang über den Flughafen, der Einstieg ins Flugzeug, die grausamen, wie Ritualmorde beschriebenen Morde an der Besatzung, und dann schließlich der Schritt ins Nichts.

Ich glaube, dass das ein Ritual ist, der im Gegensatz zu Ritualen in traditionellen Kulturen, auch zu lebensgeschichtlichen Ritualen bei uns, einfach ins Nichts führt, eine Initiation ins Nichts, eine Art nihilistische Religion, die sich an den Fundamentalismus drangehängt hat und - so habe ich manchmal den Eindruck - droht, ihn zu zerstören und den ganzen Islam zum Einsturz zu bringen.

Roelcke: Stichwort Ritual, Stichwort Initiation, ist das Ganze eine Art Jugendbewegung, was da stattfindet?

Hauschild: Das ist eine weltweit agierende Jugendbewegung, deren Drahtzieher meistens gar nicht mehr so jung sind und mit größter Raffinesse vorgehen. Die arbeiten zum Beispiel mit Erfahrungen, die bei den Selbstmordanschlägen der Kamikaze in Japan gemacht worden sind. Das ist mittlerweile nachweisbar, dass es eine direkte personelle Vermittlung gibt über nordkoreanische Agenten, die selber Kamikazeflieger vorher waren.

Also es gibt ein Drahtziehernetzwerk, das diese Sache so zuspitzt und transformiert, und eine ganz vernünftige aus im Einzelfall oft völlig sympathischen und gar nicht dummen jungen Menschen zusammengesetzte Jugendbewegung, die sagt: Nein, so können wir nicht weitermachen, mit Jugendarbeitslosigkeit, mit dieser ganzen Katastrophe des sozialen politischen Lebens, vor der wir hier stehen, und dem wollen wir Fundamente entgegensetzen, Werte.

Das ist vollkommen verständlich, und es gibt Fundamentalisten, die vollkommen liberal und auch demokratisch sind, die sich mit Vertretern anderer Religionen unterhalten können, und darauf müssen wir im Westen setzen. Wir müssen den Dialog mit diesen Menschen führen, und wir müssen dabei uns selber auch auf unsere Werte usw. überprüfen lassen. Wir müssen auch mal etwas riskieren, um mit dieser Jugendbewegung in Kontakt und Dialog zu kommen.

Roelcke: Wie kann man den Dialog beginnen?

Hauschild: Mir fällt zum Beispiel auf, dass auf deutsprachigen fundamentalistischen Webseiten, die in Deutschland frei zugänglich sind, massiv gegen die Evolutionstheorie polemisiert wird und gegen die ganze Entwicklungstheorie der Menschheit. Das ist eine Polemik, die in Deutschland irgendwann im 19. Jahrhundert aufgehört hat, die wird da massiv geführt. Ich habe noch nicht erlebt, dass ein Evolutionsbiologe gesagt hat, mit diesen Leuten möchte ich mal reden. Das heißt, wir lassen uns da auch ins Bockshorn jagen durch diese scheinbar völlig fremdkulturelle, fremdsprachliche Oberfläche. Selbst wenn sie dann auf Deutsch präsentiert wird, tritt da niemand in Dialog und fängt an, sich mit diesen Leuten zu streiten. Da können aus wissenschaftlicher völlig absurde Dinge über die Entwicklung der Menschheit behauptet werden.

Ich habe das ausprobiert. Ich habe eine Zeit lang in Wien mit Reformmuslimen und fundamentalistischen jungen Muslimen, die im deutschsprachigen Bereich großgeworden sind, Dialog gehabt. Das wird dann sehr interessant. Die fragen, aber wenn ihr entwicklungsgeschichtlich den Menschen denkt, wo sind da die Werte? Und da steht man plötzlich auf dem Schlauch. Ich glaube, dieses Erlebnis müssen wir uns gefallen lassen, da müssen wir uns darauf einlassen.

Roelcke: Am Anfang hatten Sie gesagt, dieser Kampf gegen den Terror wird als Krieg gesehen. Jetzt sagen Sie, man muss mit den Terroristen in einen Dialog kommen, auch wiederum ein Tabubruch, der jetzt fällig ist? Man muss die Kommunikation, das Gespräch suchen?

Hauschild: Das ist ganz klar. Die Krieger, die, die zu Söldnern, Kriegern oder verrückten Kriegern in dieser Sache geworden sind, muss man bekriegen, und die ganzen Übrigen, die Söldner oder sonst was werden könnten, mit denen muss man Dialog führen. So werden Kriege gewonnen, das war schon immer so.

Roelcke: Vielen Dank für das Gespräch.

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