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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 17.03.2012

Terror als Methode

Buch der Woche - Jörg Baberowski: "Verbrannte Erde", C. H. Beck, München 2012, 606 Seiten

Jörg Baberowski lässt für Stalins Untaten keine ideologischen Erklärungen zu. (AP)
Jörg Baberowski lässt für Stalins Untaten keine ideologischen Erklärungen zu. (AP)

Dem Feind nichts von Wert in die Hände fallen lassen, wenn man ihn nicht besiegen kann. Eine Kriegstaktik von Stalin, nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion. "Verbrannte Erde" so heißt das Buch des Historikers Jörg Baberowski über Josef Stalin und die von ihm installierte Diktatur.

Zum Beispiel der 12. Dezember 1938. Allein an diesem Tag, so belegt Jörg Baberowski, "entschied sich Stalin für den Tod von 3167 Menschen". Bis 1953 fielen seiner Diktatur Millionen zum Opfer. Um den notorischen Gewaltexzess zu erklären, hat Baberowski 2003 in "Der rote Terror" die These aufgegriffen, Stalinismus und Nationalsozialismus hätten versucht, die Welt nach ihrem Bilde zu homogenisieren, Ambivalenzen zu tilgen und eine neue Ordnung zu erzwingen.

In "Verbrannte Erde" revidiert sich Baberowski und lässt für Stalins Untaten keine ideologischen Erklärungen mehr zu. "Ideen töten nicht", behauptet der Berliner Historiker charakteristisch pointiert. Der Diktator habe foltern und morden lassen, weil es ihm gefiel: "Wir müssen uns Stalin als einen glücklichen Menschen vorstellen, der sich an den Seelqualen seiner Opfer erfreute."

Baberowski leitet die Entstehung der stalinschen Herrschaft aus der Praxis des roten Terrors während der Revolutionen von 1917 und dem Bürgerkrieg ab, als sich Stalin und Konsorten wie Kaganowitsch, Molotow, Ordchonikidse und Kirow ihre bluttriefenden Meriten erwarben. Die Erhebung des Massenmords "zum Grundsatz staatlichen Handelns" folgt für Baberwoski direkt aus der "Kultur des Krieges", der eine Atmosphäre totaler Willkür geschaffen hatte.

Stalin in seiner "Schlichtheit, Entschlossenheit (und) Gewalttätigkeit" nutzte den Ausnahmezustand und die zivilisatorische Rückständigkeit des Landes, um sich nach Lenins Tod zum Souverän zu erheben. Woraufhin der Machterhalt der Hauptzweck seiner Herrschaft wurde und Terror zur effizientesten Methode.

Baberowski hat die seit 1990 neu erschlossenen Quellen gründlich im Blick. Er beschreibt, wie der Zwang zur Denunziation bis in die Provinz ausgriff, erst die Kulaken, dann Partei und Offizierskorps vernichtet wurden, Stalin weder im Zweiten Weltkrieg noch danach vom Gewaltprinzip gegen die eigene Bevölkerung abließ, sich gern von willigen Vollstreckern entgegenarbeiten ließ und stets sadistisch-psychopathisch agierte. Für die Zeit des Großen Terrors um 1937 lässt Baberowski einige Opfer selbst sprechen. Das sachliche Buch wird ergreifend; man ist - bei aller Vorkenntnis - heillos entsetzt.

Die andere Seite der Medaille, dass die Sowjetunion unter Stalin industrialisiert wurde und technologisch teils Anschluss ans Weltniveau fand, interessiert Baberowski - anders als etwa Karl Schlögel in "Terror und Traum. Moskau 1937" - kein bisschen. Doch das ist legitim. Der Fortschritt diente den wenigsten, er war das Feigenblatt für ihre Unterdrückung. Dass schließlich "der Stalinismus" ohne Stalin eine Schimäre ist, zeigte sich 1953:

Er starb mit dem Mörder, der sich "ein Leben ohne Tod und Vernichtung (...) nicht vorstellen" konnte. - "Verbrannte Erde" wird alle irritieren, die Stalins Herrschaft als notwendige Ausgeburt des Kommunismus begreifen. Laut Baberowksi wurde der Terror im Namen kommunistischer Ideen zwar "gerechtfertigt, aber nicht motiviert". Am Anfang war nicht etwa Marx, am Anfang war die Gewalt.

Besprochen von Arno Orzessek

Jörg Baberowski: Verbrannte Erde, Stalins Herrschaft der Gewalt
C. H. Beck, München 2012
606 Seiten, 29,95 Euro

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