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Lesart / Archiv | Beitrag vom 18.11.2014

Ted van LieshoutDen Missbrauch literarisch verarbeitet

Jugendautor schreibt aus eigener Erfahrung

Moderation: Frank Meyer

Der Schriftsteller Ted van Lieshout, aufgenommen auf der 66. Frankfurter Buchmesse (dpa / picture alliance / Uwe Zuchhi)
Ted van Lieshout schrieb über Missbrauch. (dpa / picture alliance / Uwe Zuchhi)

Der niederländische Schriftsteller Ted van Lieshout nähert sich in seinem Jugendbuch "Sehr kleine Liebe" einem Tabu. Er erzählt aus der Sicht eines Kindes von pädophiler Erfahrung und beruft sich auf sein eigenes Erleben in seiner Kindheit.

Er sei ein einsamer Junge gewesen, der von Mitschülern in der Schule gemobbt wurde, erzählte van Lieshout im Deutschlandradio Kultur. "Ich war schon ein bisschen verliebt", sagte der Autor über den Mann, der dem zwölfjährigen Jungen damals Aufmerksamkeit schenkte und in seinem Werben um ihn immer einen Schritt weiterging.

"Richtige Liebe kann man es nicht nennen", erklärte der Schriftsteller. "Die Gefühle, die ich für ihn hatte, waren eher so eine Art Belohnung für die Aufmerksamkeit, die er mir schenkte."

Er habe damals als Kind nicht gewusst, was eine pädophile Beziehung eigentlich ist. "Weil er so nett zu mir war, dachte ich, okay. Ich muss auch nett zu ihm sein." Aber er habe nicht verstanden, dass der Mann dies mit einer Absicht verfolgte.

Wunsch nach Nuancen in der Debatte

Nach Erscheinen des Buches in den Niederlanden habe er Briefe von Pädophilen bekommen, die sein Buch dahingehend missverstanden hätten, weil sie dachten, er meine es positiv. "Das war nun ganz und gar nicht meine Ansicht", sagte Lieshout.

Es sei ihm allerdings darum gegangen zu zeigen, dass nicht jedes Kind an einer pädophilen Erfahrung zerbrechen müsse. "Bei mir war es ein bisschen anders und diese Nuance wollte ich rüberbringen, dass es auch anders laufen kann." Er sei nicht vergewaltigt, sondern verführt worden.

Karikatur aus dem Buch "Sehr kleine Liebe" von Ted van Lieshaout (Susanna Rieder Verlag)Karikatur aus dem Buch "Sehr kleine Liebe" von Ted van Lieshout (Susanna Rieder Verlag)

 

"Ich wusste damals sehr wohl über mich, dass ich schwul bin. Das dachte ich von ihm auch", sagte Lieshout. Deshalb habe er gedacht, dass es darum ginge.

Unterschied zwischen Pädophilen und Pädosexuellen betont

In den Niederlanden sei das Buch sehr positiv aufgenommen worden, sagte der Autor. Es sei für ihn aber schwierig gewesen, dass viele Medien ihn plötzlich als Experten einluden. Die heutige Debatte sei sehr überhitzt. Dabei gelte es zwischen Pädophilen und Pädosexuellen zu unterscheiden.

"Pädophile haben Gefühle für Kinder, Pädosexuelle machen auch etwas damit", sagte der Schriftsteller. Da die meisten Pädophilen ihre Gefühle unterdrückten, sei dieser Unterschied wichtig. Es gehe ihm auch darum, auch in dieser Personengruppe den Menschen zu sehen.

Bitte um Vergebung

Auch der Mann von damals habe sich nach Erscheinen des Buches in einem Brief an ihn gewandt und um Vergebung gebeten. "Ich ging davon aus, dass dieser Mann ja meine Schriftstellerkarriere verfolgen konnte und danach auch vermuten konnte, dass er irgendwann mal dran wäre", sagte Lieshout.

Dennoch habe der Brief ihn überrascht, und er habe ihm vergeben. Diese Beziehung sei für ihn völlig abgeschlossen.

Ted van Lieshout: Sehr kleine Liebe, Rieder Verlag, 13,95 Euro.

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