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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 31.03.2007

Tanzen, Tanzen!

Von Wolf Wondratschek

Debütantinnen und Debütanten auf dem Wiener Opernball 2006 (AP)
Debütantinnen und Debütanten auf dem Wiener Opernball 2006 (AP)

Am Anfang war der Rhythmus. War der dort angekommen, wo er hinwollte, in die Beine, hatte es der Mensch satt, zu sitzen und, wie routiniert oder gelangweilt auch immer, über das Leben oder das, was ihm ähnlich sein könnte, nachzugrübeln - ganz einfach, weil er jetzt tanzte.

Er vergaß Freund und Feind, Frau und Kind - und bestenfalls sogar sich selbst. Vielleicht wusste er nicht mehr, was er tat, außer dass er sich bewegte, aber wie das geschah, war vollkommen. Alles stimmte. Alle Teile seines Körpers reagierten harmonisch. Ich nahm immer an, dass so glückliche Menschen aussehen.

In den Augen älterer Damen habe ich einen Glanz ganz unvergleichlicher Innigkeit gesehen, sobald sie sich all der Tänze, der Rumbas, Foxtrotts und, das vor allem, der Wiener Walzer erinnerten, die sie mit dem einen oder anderen Verehrer in ihrer Jugend aufs Parkett gelegt haben. "Was für ein Tänzer er war!" schwärmen sie, was unüberhörbar die Enttäuschung einschließt, dass sich der, den sie geheiratet haben, nicht in allen Lebenslagen als elegantes Double eines Verführers bewährt hat.

Tänzer sind Schwebewesen, ob sie nun beruflich der Großform des klassisch-historischen Balletts huldigen oder nur, quasi im Selbstversuch, eine affektive Ladung loswerden wollen. Ein Rockfan ist glücklich, wenn er herumsteht, sein Bier hat und in der Lautstärke seiner Musik jene Kraft anerkennt, der er mit nicht viel mehr als dem ‘Wippen der Stiefelspitze Respekt zollt. Es gibt Menschen, die nur tanzen, wenn sie getrunken haben. Andere tanzen in Gedanken. Picasso tanzte, bevor er an die Staffelei trat, immer einen kleinen Fandango.

Wer tanzt, will Freiheit. Bewegungsfreiheit. Er will sich nicht nur bewegen, er will lieben und geliebt werden. In jedem Fall träumt er davon. Auch davon, der Tanz möge nie mehr aufhören. In den Himmel tanzen, einerseits, die Schwerkraft besiegen (und das beginnende Rheuma gleich mit), sich andererseits aus der Haut tanzen, sich in sich drehenden Balancen in Luft auflösen, sich in Trance tanzen, Tanz als Taufe für ein gefährliches Leben. Ja, sich drehen und vergessen, diese unerklärliche Traurigkeit vergessen, die keinen Grund braucht, aber der Liebenden Schicksal zu sein scheint.

Wer tanzt, braucht nicht zu reden, schon gar nicht den üblichen Unsinn, mit dem Männer Frauen zu verführen versuchen. Diese nehmen ohnehin an, dass es sich bei guten Tänzern um gute Liebhaber handelt. Wie gefährlich deshalb, sich ganz dem Tanz hinzugeben, weil er die Macht des Tänzers einschließt. Aber ohne selbstvergessene Hingabe an die Bewegung geht eben nicht viel. Wer Angst hat, wird stolpern.

Tanzen, das ist Beschwörung von Göttern und Geistern, und es ist, ganz irdisch, die Begegnung der Geschlechter, ihr bewegtes, bewegendes, wortloses Gespräch, ihr fanatisches unblutiges Duell, die Konfrontation zweier Prinzipien: des weiblichen, dem der Melodie, und des männlichen, dem Rhythmus. So stehen sie sich gegenüber, dem Tanz ausgeliefert wie zwei, die kämpfen - und beweisen wollen, mit welch unterschiedlichen Begabungen sie einander ebenbürtig sind.

Tanzen als Ausdruck der Lebensfreude? Sicher. Es gibt Anlässe genug, das Tanzbein zu schwingen. Aber Tanzen ist auch das Gegenteil, Alleinsein, Ausdruck tiefster Melancholie und Verlorenheit. Als wüssten die Tänzer, dass sie nur im Tanz zu jener Selbstvergessenheit fähig sind, die der Seele wohl tut. Tanz als Schrei nach Erlösung, ein Liebes- und Verzweiflungsschrei in einem. Wir wollen die Angst, die Ängstlichkeit abschütteln, die bewegungslos in uns zu Hause ist. Und dabei, wenn wir tanzen, ein wenig auch die Welt zum Tanzen bringen. Es braucht nicht viel, nicht einmal Musik. Einer, der in seine Hände klatscht, genügt. Er wird unsere Leidenschaft wecken. Sie, die Leidenschaft, steht am Beginn jener Vollkommenheit, die uns das Leben (und, ach, wie wir wissen, die Liebe auch) so oft vorenthält.


Wolf Wondratschek wurde 1943 in Rudolstadt/Thüringen geboren und wuchs in Karlsruhe auf. Er studierte in Heidelberg, Göttingen und Frankfurt/Main Literaturwissenschaft, Philosophie und Soziologie. Nebenbei arbeitete er als Redakteur bei der Literaturzeitschrift "Text + Kritik". Bekannt wurde Wondratschek durch seine knappe Prosa und Satzcollagen. Er avancierte nach Kritikermeinung zum ‘einzigen deutschsprachigen Rockpoeten mit Breitenwirkung’. Seine Gedicht-Bände erzielten überdurchschnittliche Auflagen. Veröffentlichungen u. a.: "Früher begann der Tag mit einer Schusswunde" (1969), "Die Einsamkeit der Männer" (1983), "Einer von der Straße" (1992, Roman), "Das Mädchen und der Messerwerfer" (1997), "Die Kelly-Briefe" (1998, Roman), "Die große Beleidigung" (2001, Erzählungen) und "Mozarts Friseur" (2002, Roman). Wondratschek wurde u. a. mit dem ‘Leonce-und-Lena-Preis’ ausgezeichnet.

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