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Religionen / Archiv | Beitrag vom 24.11.2012

Tanz vor dem Altar

Der Lebens- und Trauertänzer Felix Grützner

Von Eva Wolk

Balletttänzer wagen inzwischen auch Auftritte in der Kirche. (picture alliance / dpa / Ulrich Perrey)
Balletttänzer wagen inzwischen auch Auftritte in der Kirche. (picture alliance / dpa / Ulrich Perrey)

Tanz kann Ausdruck von Gefühlen sein - Wut, Freude, Angst oder Trauer. Auch in der Kirche gibt es dafür Raum: In der Gemeinde St. Maria Lyskirchen in Köln gehört Tanz seit über zehn Jahren zum Gottesdienst dazu. Die Choreografien stammen von dem Balletttänzer Felix Grützner.

Während die Gemeinde St. Maria Lyskirchen in Köln dem Saxophon von Johannes Lemke und der Orgel des Kirchenmusikers Ulrich Cordes lauscht, kommt leise und beinahe unbemerkt Felix Grützner hinter einer Säule hervor. Ganz schlicht und erdfarben gekleidet, beginnt er in die Mitte des Kirchenraums mit ruhigen, fließenden Bewegungen seinen sanften und zugleich kraftvollen Tanz. Schon seit 2001 begleitet Grützner verschiedene Gottesdienste in der katholischen Kirche St. Maria auf diese Art. Pfarrer Matthias Schnegg:

"In anderen Kulturen ist der Tanz eine sehr viel selbstverständlichere Ausdrucksform. Bei uns nicht so sehr, und trotzdem ist sie eine berechtigte Ausdrucksform. Man kann vieles kognitiv wahrnehmen, sortieren, übersetzen, man hat andere Möglichkeiten der kreativen Gestaltungskraft und der Tanz ist eben eine Möglichkeit, mit der Spielfähigkeit des Körpers etwas auszudrücken, was man sonst nicht nach draußen tragen kann. Ganz wichtig ist, dass es nicht ein Gag ist, dass man was macht, damit die Leute sagen, 'ach, da war mal wieder was los' oder so. Sondern es geht erst dann, wenn ich den Eindruck habe, es ist das Selbstverständlichste der Welt, dass das jetzt da drin vorkommt. Und ich kann nur sagen, es ist eine Selbstverständlichkeit. Wenn es etwas wäre wie 'ne Attraktion, auf die man Leute hinweist und einlädt, kommt, da wird getanzt und so weiter, dann hat es für mich nicht den Platz in der Liturgie."

Der ausgebildete Balletttänzer Felix Grützner sieht das ganz genauso. Aber die Idee, im Gottesdienst zu tanzen, kam ursprünglich gar nicht von ihm selbst. Der Pfarrer seiner Heimatgemeinde im Süden von Düsseldorf hatte 1960 beim Eucharistischen Kongress in München indische Tänzerinnen gesehen und war davon wohl nachhaltig beeindruckt.

Felix Grützner: "Ich bin, wie man so schön sagt, rheinisch-katholisch sozialisiert worden, war Messdiener. Und der Pfarrer wusste davon, dass ich Ballett mache und hat mich dann immer wieder angesprochen: Felix, willst du nicht mal was in der Kirche machen? Das war für mich erst mal was, was gar nicht so zusammen ging, ganz andere Welten eigentlich: Gottesdienst, Liturgie auf der einen Seite, Ballettunterricht mit Aufführungen auf der anderen."

Erst mit Anfang 20 hat Felix Grützner dann zusammen mit Gleichaltrigen einen Pfingstgottesdienst tänzerisch begleitet. Heute passt für ihn sein Beitrag zum Gottesdienst, weil er auch seinen Tanz als eine Form von Dienst sieht.

"Das heißt, dass ich in dem Kontext, in dem ich tanze, wenn es der Gottesdienst ist, ich selber mich zurücknehme und in den Dienst der Sache stelle oder des Größeren, das eigentlich stattfindet. Und deshalb trete ich mit meiner Person zurück. Das äußert sich auch darin, dass ich eine bestimmte Kleidung trage, äußert sich auch darin, dass ich - nicht immer, aber oft - dann auch etwas geschminkt bin, also wirklich nicht mehr ich selber bin, sondern zurückgehe mit meiner Persönlichkeit, um Platz zu schaffen für etwas, was dann passieren kann."

Allerseelen ist der Tag, an dem der Verstorbenen gedacht wird. Felix Grützner sieht sich aber weniger als Trauertänzer, sondern eher als Lebenstänzer:

"Dieser Begriff des Lebenstänzers, der ist entstanden daraus, dass ich eben im Kontext von Tod und Trauer und Schmerz getanzt habe und mir dann klar wurde: Ich mache keinen Totentanz. Das heißt, mein Schwerpunkt liegt nicht darauf, im Leid zu bleiben und nur diese leidvolle, schmerzvolle Seite zu zeigen, sondern es geht immer auch etwas darüber hinaus in der Bewegung. Und für mich ist persönlich die Erinnerung an die Verstorbenen schon eine Wiederbegegnung und etwas Lebendiges, weil die Erinnerungen, die sind da und die bleiben da. In der Bewegung, im Tanz ist es eigentlich immer so, dass beides seinen Raum hat: der Schmerz und die Trauer, gleichzeitig das Erkennen und auch Spüren, dass Leben weitergeht - also mit diesem Verlust - und vielleicht auch eine Ahnung, dass auch Leben weitergeht, wenn man nicht mehr hier auf der Erde ist."

Der Tanz dauert nur wenige Minuten, und Felix Grützner reiht sich danach ein bei den Gläubigen und nimmt als einer von ihnen am Gottesdienst teil. Am Ende wird er ein zweites Mal tanzen.

"Ich glaube, ich versuche durch meine Bewegungen die Möglichkeit zu bieten, dass jeder Einzelne mit in eine innere Bewegung geht. Dass sind oft sehr gestische Bewegungen, die ich mache: Ein Kind im Arm wiegen zum Beispiel. Damit verbindet jeder Gefühle, Erinnerungen, Stimmungen. Und von da ausgehend kann sich jeder dann mit in die Bewegung hinein begeben. Das ist aber sehr offen, Körpersprache ist sehr offen, und nachher ist es oft so, dass Leute ganz andere Dinge sehen, als ich vielleicht gedacht habe. Also für mich ist es natürlich auch immer ein Wagnis und ein Einlassen auf diese Stimmungen, auf diese Gefühle, gleichzeitig auch 'ne gewisse Kontrolle. Es ist so eine Gratwanderung, und für mich auch immer, wenn wir jetzt wieder in den Gottesdienst schauen, sich selbst zurücknehmen und den Raum lassen, für das was da ist in diesem Moment. Also nicht dass mein persönliches, individuelles Bekenntnis im Vordergrund steht, denn das wäre peinlich und nicht erwünscht, von mir aus."

Mittlerweile ist die ausdrucksstarke Choreografie von Felix Grützner auch bei anderen kirchlichen Feiern wie Hochzeiten und sogar Begräbnissen gefragt.

"Tanz bei Begräbnisfeiern ist in unserem Kulturkreis etwas sehr Ungewöhnliches, sehr Fremdes. Bei uns sind die Trauerfeiern ja sehr ruhig, sehr still eher. Mein Tanz ist eigentlich auch ein ruhiger, langsamer, stiller Tanz, aber für mich eben eine Möglichkeit, einen Raum zu öffnen für Emotionen und für Gefühle. Damit also dieser Moment des Abschieds, der beim Begräbnis eben wirklich sehr konkret ja ist angesichts des Sargs oder der Urne, dass man da nochmal ganz bewusst auch in diese Gefühle und Emotionen hineingeht, aber in einem gefassten Rahmen, den mein Tanz anbietet."

Der Gottesdienst geht seinen Gang, auch der zweite Tanz von Felix Grützner ist vorüber. Für die Gemeinde mittlerweile ein vertrauter Teil der Allerseelen-Liturgie - und dennoch besonders.

"Ich finde es wunderbar. Man kommt auf andere Gedanken. Man spürt, was der Tänzer ausdrücken will. Das gefällt mir sehr gut."

"Er hat es so eindringlich gemacht. Das ist so persönlich, das ist so intim - ich war erschrocken über meine Erschrockenheit! Aber ich denke, im Prinzip würde ich es wirklich begrüßen, wenn das einfach öfter geschieht, ob in diese Form oder als meditativen Tanz, so wie ich es schon selber gemacht habe."

"Also ich fand das ganz bewegend, weil ich denke, unsere Körpersprache ist verarmt, und alleine durch das Zuschauen erreiche ich eine tiefere Ebene, um ins Nachdenken und ins Gebet zu kommen."

"Schafft für mich eine zusätzliche Ebene. Ich würde es nicht in jedem Gottesdienst haben wollen, aber gerade so das Tastende und auf einem ganz anderen Kanal funktionierende Ausdrucksweise finde ich sehr spannend und wichtig."

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