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Religionen / Archiv | Beitrag vom 08.06.2013

Tanz und Tod

Eine ungewöhnliche Ausstellung im Kasseler Museum für Sepulkralkultur

Von Adolf Stock

Tanzender Tod, Joachim Hennen, um 1680, Elfenbein, 14 cm (Museum Schnütgen)
Tanzender Tod, Joachim Hennen, um 1680, Elfenbein, 14 cm (Museum Schnütgen)

Das Kasseler Museum für Sepulkralkultur widmet sich allen Dingen rund um Grab und Trauer. Dort gibt es jetzt eine Ausstellung, die der Verbindung von Tod und Tanz nachspürt. Denn schon immer haben Menschen versucht, durch rhythmische Bewegungen Verbindung zum Göttlichen zu suchen.

Als die Pest in der Mitte des 14. Jahrhunderts Europa heimsuchte, starben Schätzungen zufolge über 20 Millionen Menschen den "Schwarzen Tod". Das war rund ein Drittel der Bevölkerung des Kontinents. In dieser Zeit entstanden viele Totentanzgrafiken, die das Museum für Sepulkralkultur in Kassel gesammelt hat.

Sie offenbaren ein mittelalterliches Weltbild, das, auch wegen der Pesterfahrung, eines voller Schrecken und Angst war. Die Pest war für die damaligen Christen auch die Strafe für ausschweifenden Lebenswandel.

"Das zeigt sich vor allem in den spätmittelalterlichen Totentänzen, da zeigt sich auch immer etwas Anzügliches, und dieses Anzügliche wird mit der Sünde in Verbindung gebracht. Wir haben hier Skulpturen vom Zitzenhausener Totentanz, wenn man sich diese Skulpturen betrachtet, da ist der Tod nicht nur schrecklich, sondern er greift sich die Menschen."

Der Kunstpädagoge Gerold Eppler hat im Museum für Sepulkralkultur zum Thema "Tanz und Tod" eine ungewöhnliche Ausstellung kuratiert. Sie erzählt auch von den Ambivalenzen, von sexuellem Begehren und von Schuld und Strafe.

"Da wird eine Jungfrau, die in einen Spiegel blickt, vom Tod weggerissen, und bei der Äbtissin macht sich der Tod, ein Hautskelett mit aufgebrochener Bauchdecke, am Gewand zu schaffen und möchte sehen, was sich unter diesem Gewand verbirgt. Diese Anzüglichkeit, die spielt auch eine Rolle und zeigt, dass das Christentum und vor allem die Kirche so dem Tanz gegenüber sehr skeptisch eingestellt war. Es ist immer wieder das Motiv der Sünde, das auftaucht, und es gibt ja zahlreiche Tanzverbote, bis in die heutige Zeit."

Die mittelalterlichen Totentänze waren pädagogisch gemeint. Die Menschen sollten verstehen lernen, dass man das Seelenheil im Diesseits auch leicht verspielen kann.

"Diese traditionellen Totentänze, auf die wollten wir uns aber bewusst nicht beschränken. Die hat man im Museum für Sepulkralkultur schon oft gesehen, und wir haben einfach nach anderen Bezügen in der Alltagskultur gesucht. Und da sind wir fündig geworden."

Ein reicher Schatz wurde zusammengetragen. Kunstwerke, Fotografien, Filme und Video-Clips erzählen die unendliche Geschichte von Tanz und Tod.

In vielen Teilen der Welt gehört der Tanz zur religiösen Praxis, denn er soll zwischen realer und unsichtbarer Welt vermitteln. Die Ausstellung zeigt figurale Särge aus Ghana. Sie habe die Form von Hühnern oder sind einem Flugzeug nachgebildet, und ein Film macht klar, dass Musik, Tanz und Gesang bei Beerdigungen eine wichtige Rolle spielen. Und auf dem amerikanischen Kontinent feiern die Mexikaner im Spätherbst den "Día de los Muertos", den "Tag der Toten". Ein rituelles Totengedenken, das seit 2003 auf der UNESCO-Liste der Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit steht.

"Am 'Día de los Muertos‘ wird in Mexiko getanzt, da werden mit Totentanzkostümen Tänze aufgeführt. Und dann fiel uns auf, dass bei der 'Fashion Week‘ 2012 Lena Hoschek, eine österreichische Modedesignerin, ihre Laufstegschönheiten mit Sweet Skalp, also mit Schminkmasken auftreten ließ, und da hat man auf einmal mitten im Leben einen Totentanz, der durch die Medien weltweit übertragen wurde."

Die Modenschau wird auf eine große Leinwand projiziert, und es gibt einen Laufsteg für Jugendliche, die dort ihr schönstes Kleid oder ihr gruftigstes Outfit vorführen können.

In Kassel werden auch Butoh-Tänze gezeigt, ein Ausdruckstanz, der sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg in Japan entwickelt hat. Kuratorin Jutta Lange:

"Ich kann jetzt einfach mal dazu sagen, dass wir ein großes Glück haben, dass wir Tadashi Endo kennengelernt haben, ein Butoh-Tänzer aus dem Film von Doris Dörre 'Kirschblüten‘, wo er eine Butoh-Szene hatte. Und er wird einen ganzen Raum hier im Museum vertreten und wird einen Film von sich zeigen, ein bisschen zu der Geschichte des Butoh, wie ist er dazu gekommen, in welchen Bezügen steht der Butoh-Tanz auch zu dem europäischen Ausdruckstanz?"

Gerold Eppler: "Das Interessante beim Butoh ist, dass man das Gefühl hat, man erlebt das Sterben oder den Übergang in eine andere Welt, und zwar wirklich am eigenen Körper. Die Tänzer tanzen fast bis zur Selbstaufgabe. Es ist ein ungeheurer Ausdruck in diesen tänzerischen Bewegungen, in den Haltungen und in der Gestik."

Bewegung als gesellschaftliches Leitmotiv

In der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts wurde Bewegung ein gesellschaftliches Leitmotiv. So wie heute alle von Beschleunigung reden, war damals Bewegung ein Topos, der den Zeitnerv traf. Die emanzipierte Jugend, expressive Künstler und später die Nazis - alle wollten Teil oder Wortführer einer Bewegung sein.

Damals begann für den Tanz eine große Zeit. Die Jugend tanzte nackt - im Lichtkleid - auf grünen Wiesen. Man turnte im Rhönrad, und Mädchen schwangen Holzkeulen im Takt. Die Amerikanerin Isadora Duncan, sie kam barfuß in griechisch-römischen Gewändern auf die Bühne. Eine modern denkende Frau, die mit klassischem Ballett nichts mehr anfangen konnte.

Damals wollten junge Mädchen unbedingt Tänzerin werden, Frauen erstritten sich einen Platz in einer von Männern geprägten Gesellschaft, und sie lernten, existenzielle Gefühle auszudrücken.

Gerold Eppler:"Man kann diese Gefühle, also seine eigene Befindlichkeit, nach außen tragen. Über die Haltung, über die Tanzbewegung und über die Mimik, da vermitteln sich diese Gefühle."

Das kann heilsam und tröstend sein, sagt Gerold Eppler. Die Ausstellung schlägt jetzt den Bogen von Anna Pawlowa bis hin zu Pina Bausch. Auch Choreografen wie Kurt Joos mit seinem Ballett "Der grüne Tisch" und Zeitgenosse Christian Spuck sind mit von der Partie.

Gerold Eppler:"Meine Kollegin entdeckte einen Beitrag von Angela Hiß, in der eine Frau in einer Galerie mit roten Wänden Männer empfängt, mit ihnen Tango tanzt und sie wieder verabschiedet. Tango ist ja ein Ausdruck von Traurigkeit, von Weltschmerz, und dieses Empfinden drückt sich auch in der Trauerkleidung aus: Die Frau, die die Männer empfängt, geht eigenständig und selbstbewusst mit ihrer Trauer um, etwas, was in früheren Jahrhunderten verboten war."

In Viersen am Niederrhein gibt es schon Tangokurse für Trauernde. Die Ausstellung in Kassel setzt starke Akzente und ist eher fragmentarisch. Manches fehlt, etwa die motorisch agilen Gospelsänger aus Amerika oder der Tanz der Derwische, die nach strengem Ritual ihre ekstatischen Kreise drehen, und das trashige Halloween fehlt, wo Tanz und Tod zum Klamauk mutieren. Aber es ist ja auch schön, wenn eine Ausstellung so interessant und anregend ist, dass man sie gern vervollständigen möchte.

Musik: "Ich tanze mit dir in den Himmel hinein."

Der Tanz mit dem Tod markiert das diesseitige Ende. Doch bevor der letzte Tanz beginnt, kann sich in Kassel jeder die Frage stellen, ob die Verbindung von Tanz und Tod ihn existenziell berührt oder ob er Körper und Geist doch lieber trennen will. Führen uns Tanz und Ekstase näher zu Gott oder setzen uns böse Dämonen die Narrenkappe auf?


Links:
Museum für Sepulkralkultur in Kassel

Religionen

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