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Nachspiel | Beitrag vom 17.01.2016

Tango in BerlinEin trauriger Gedanke, den man tanzen kann

Von Caroline Kuban

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Berlin tanzt Tango, an vielen Orten - in der Stadt hat sich eine große Szene etabliert.  (picture alliance / dpa / EPA/CEZARO DE LUCA )
Berlin tanzt Tango, an vielen Orten - in der Stadt hat sich eine große Szene etabliert. (picture alliance / dpa / EPA/CEZARO DE LUCA )

Berlin hat nach Buenos Aires die zweitgrößte Tangogemeinde der Welt. Längst findet jeden Abend irgendwo in der Hauptstadt eine Tangoveranstaltung, eine sogenannte Milonga, statt.

"Es ist sehr interessant, wie der Tango in Berlin erlebt wird. Man erlebt ihn im Dunkeln oder Halbdunkeln eines Saales. In der Stille hört man die Melodie des Tango, auf der Suche nach einem Tanzpartner, um die existentielle Einsamkeit der Person auszufüllen, die sich einem nähert. Das ist natürlich verständlich. Aber man lebt auch fern des wahren Wesens, welches das Deutschsein ausmacht, auf der Suche nach anderen Erlebnissen, anderem Leid."

Der "Tango-Raum" im Bezirk Prenzlauer Berg, eine von vielen Tanzschulen, die sich dem Tango verschrieben haben. Ein direkt an der Straße gelegener, nüchterner, etwa 20 Quadratmeter großer, ehemaliger Geschäftsraum, mit verspiegelter Wand und Parkettfußboden. Jeden Montag Mittag trainieren hier zwei Stunden lang Carola und Mike.

Carola: "Ich bin aus Versehen zum Tango gekommen, und zwar hab ich mal eines schönen Abends in Clärchens Ballhaus herumgesessen, da war gerade Tango und hab denn bis in den Morgen getanzt und habe dann gedacht, das sollte ich wiederholen und hab versucht, meinen Mann zu überzeugen, dass der mit mir tanzt, das hat nicht geklappt und er sagte irgendwann recht verzweifelt, such dir doch jemand anderen. Das hab ich denn getan und so sitzen wir hier und tanzen schon seit gut vier Jahren."

Und das intensiv. Neben dem Solo-Training montags besuchen sie verschiedene Tango-Kurse und nehmen gelegentlich Einzelstunden. Je nachdem, wie es familiär passt, sagt Carola, denn sie hat zwei kleine Kinder im Alter von sechs und neun Jahren. Immer freitags geht's zur Milonga, dem Tango-Ball, im sogenannten "Haus der Sinne". Ein zeitintensives Hobby.

Was genau bedeutet ihr der Tango?

"Ich hab mal ein Wort gelesen, das ist schon ein paar Jahre her und da stand in einem Artikel: Tango wäre etwas Außeralltägliches und das fand ich ganz schön, und ich finde es ist außeralltäglich, weil man die Musik hat, weil wenn man tanzt, man in dem Moment sein muss, dabei darüber nachzudenken, was war, was kommt, was man grad so auf dem Schirm hat, das klappt nicht, das wird dem Tanz nicht gerecht und auch dem Moment nicht und deswegen muss man schon da sein und das gefällt mir sehr."

Dazu kommt ihr Interesse an der Sprache. Carola unterrichtet Wirtschaft, Politik und Spanisch in der Erwachsenenbildung:

"Das passiert mir schon auch beim Tanzen, und auch so beim Musikhören, dass ich ganz viel in den Texten bin und zuhöre, und mich die dann auch bewegen, Tango ist ja oft sehr melancholisch, aber es ist gar nicht nur das. Es ist einfach auch ganz schön, mit dieser Sprache weiter verbandelt zu sein."

Carolas Tanzpartner Mike hat da eine andere Motivation. Seit sechs Jahren tanzt der Ingenieur:

"In erster Linie hab ich Tango angefangen, weil mich das so fasziniert hat, das ganze Drumherum... und die Ambitionen sind bei mir eigentlich nur: Spaß haben, einen schönen Abend genießen, sich natürlich auch bewegen... Tango ist für mich so ein bisschen Spiegel meines Tages, ich sehe mich, wie es gelaufen ist und wie es sich anfühlt, den Tag Revue passieren zu lassen, aber auch dann dieses wieder abschalten."

Beim Tango muss die Chemie stimmen. Bei Mike und Carola war das nie ein Problem:

"Nach dem ersten Lied war für mich klar: Die Energie stimmt, die Art, die Musik zu hören war relativ gleich, es war halt immer so, dass wir sofort wussten: jetzt tanzen wir getragen, jetzt tanzen wir ruhig, jetzt tanzen wir innig, jetzt tanzen wir groß, ohne vorher sich ‚ne SMS zu schicken, und da war für mich irgendwie klar: wir probieren das miteinander."

Die Umarmung ist der Anfang

Argentinischer Tango ist mit dem europäischen Tango nicht zu vergleichen. Während es bei der europäischen Variante darauf ankommt, Schritte und Figuren in bestimmten Abfolgen einzustudieren und eine Choreographie einzuhalten, lebt der Argentinische Tango von der Improvisation.

"Du brauchst die Grundschritte, du brauchst natürlich eine Idee, wenn ich ne Ocho tanzen will oder etwas Bestimmtes geführt werde ist es von Vorteil, wenn ich ne Idee habe, welche Figur ist gemeint. Aber es gibt überhaupt keine logische Abfolge, mit welchem Schritt beginnen wir, mit welchem Schritt enden wir, was kommt mitten drin, ich kann ein ganzes Lied einfach nur gehen, ich kann die ganze Zeit wilde Figuren tanzen, und das macht, glaub ich, den Tango auch so spannend: die Verbindung zu finden und diesen Moment zu finden, wo du beieinander bist und diese Musik dazu hörst und die umsetzt."

Am Anfang steht die Umarmung. Nicht zu fest, nicht zu leicht soll sie sein und muss deshalb geübt werden – in Deutschland jedenfalls. Argentinier haben sie vermutlich im Blut. Der Europäer, geneigt, sich beim Tanzen dem Wiegeschritt hinzugeben, lernt: Beim Tango bleibt der Körper weitgehend aufrecht und gerade. Das dient der Eleganz.

"Wir gehen jetzt erstmal in so eine ganz klassische halboffene Tanzhaltung, meine Dame steht auf rechts, also ist das linke frei, und die Basse ist ein Schritt nach hinten, einen nach rechts, nein nach links, dann einfach aneinander vorbei weitergehen, zwei, drei, einen Schritt jetzt nach links, schließt, macht einen Lastwechsel und jetzt könnte man das im Kreis tanzen."

Carola: "Und das ist total hübsch, weil man damit tatsächlich erstmal sich bewegen kann. Und ne Ocho ist spanisch und heißt "acht". Die gibt es vorwärts und rückwärts und wir machen mal irgendeine..."

Mike: "Der Name kommt daher, dass die Frau wie eine liegende Acht läuft. Das sind die ersten Basics. Allein die Variationen von den zwei Figuren, man kann die sehr langsam, sehr getragen, man kann gewisse Parts in diesen Figuren verdoppeln von der Geschwindigkeit her, man hat so viele Möglichkeiten damit zu spielen, und man muss sie ja nicht immer in derselben Reihenfolge machen. Ich glaube, das reicht schon aus, um gut Spaß zu haben und zu tanzen."

"Deutsche verstehen die Texte nicht"

Nur wenige Kilometer entfernt sitzt Jorge Aravena in seiner Berliner Wohnung an der Gitarre und singt melancholische Tangolieder. Seit 1983 lebt der gebürtige Argentinier, Schriftsteller, Sänger und Liedermacher in Berlin. Zunächst am Lateinamerika-Institut als Dozent tätig, arbeitete Aravena später auch als Tango-Lehrer. Mit seiner Band "Sur Tango Argentino" feierte der 73-Jährige Erfolge in der stetig wachsenden Berliner Szene. Tango ist seine große Leidenschaft.

Kein Wunder, dass vor diesem Hintergrund Jorge Aravena die Tänzer in Deutschland mit eher kritischen Augen sieht. Es fehlten die Sprachkenntnisse und damit eine wichtige Dimension.

"Deutsche Tänzer können den Tango gar nicht richtig erleben, da sie die Bedeutung der Texte nicht verstehen. Dadurch, dass sie den Inhalt nicht verstehen, wissen sie nicht, was die Melodie durch die emotionale Fülle eines Wortes ausdrückt. Die Komponisten erstellen die Melodie manchmal auf Basis des Textes, der emotionalen Fülle der Worte. Einen Tango zu tanzen, ohne den Text zu verstehen, den genauen Inhalt, ist wie auf Wellen zu reiten, ohne nass zu werden, ohne sich einzulassen."

Pointiert kommt das in einer seiner Eigenkompositionen über Berliner Tangotänzerinnen zur Sprache. "Las Tangueras de Berlin".

"Frauen, die in Seide gekleidet tanzen, die Männer umarmen und ihre Verachtung zeigen, mit steifen Körper und verletzten Herzen, und Augen, die blicken ohne zu sehen. Frauen, die im Tango ihre verlorenen Kindheit suchen, Zärtlichkeiten des Heimes, Trauer, Verlassenheit und enttäuschte Lieben, es sind Kinder, die nie jemand liebte. In welchem Augenblick ließ sie das Leben ohne jegliche Hoffnung, Waisen ohne Schutz, verloren in der Welt, ohne Licht und Leidenschaft. Die Schönheit ihres Körpers verschenken sie ohne Gefühl. Die Musik ist fern vom Rhythmus ihrer Füße."

Berlin gilt als Tangohauptstadt Europas. Nirgendwo gibt es so viele Milongas genannte Tanzabende und Kurse wie hier. Außer natürlich in Buenos Aires, der argentinischen Mutterstadt des Tanzes. Aus Europa stammende Einwanderer hatten hier, am Rio de la Plata, im 19. Jahrhundert den Tango zu einer Kunstform und einem Lebensgefühl entwickelt. Ihre melancholischen Geschichten von Armut und Sehnsucht nach einem besseren Leben passen auch zur Einwandererstadt Berlin. Als Initiator der deutschen Tango Argentino Bewegung seit den 80er Jahren gilt Juan Dietrich Lange, ein uruguayisch-deutscher Tanzlehrer und Tänzer.

1982 begann er in Berlin seine Arbeit. Zuvor hatte er beim Berliner Horizonte Festival der Weltkulturen mitgemacht. Mit der Ausbildung von Tangolehrern sorgt Lange seit 1985 für Multiplikatoren des Tango in beinahe allen deutschen Großstädten.

Auch wenn die Berliner Szene seit 33 Jahren wächst, gibt es keine charakteristische deutsche Weiterentwicklung des Tango, bedauert Jorge Aravena:

"Es gab keinen künstlerischen Fortschritt auf dem Gebiet des Tangos. Die Deutschen haben nie einen eigenen Tango geschaffen. Es gibt einige Bücher, meistens Romane oder Filme zum Thema Tango. Aber man kann nicht beobachten, dass der Tango in kultureller, geistiger Hinsicht in Berlin produktiv geworden wäre. Man nimmt den Tango eher als Anlass, zum Amüsement als zu persönlicher Entwicklung. Der Tangotanz war nützlich, am meisten aber wohl für die Tangolehrer."

Das Prinzip Führen und Folgen

In einer ehemaligen Fabriketage im Bezirk Wedding findet man einen der beliebtesten Veranstaltungsorte der Berliner Szene. Das Tango-Loft. Nach einem Gang durch das nüchterne Treppenhaus betritt man den 600 Quadratmeter großen Raum und wähnt sich in einem Salon in Buenos Aires. An den Wänden stehen alte, verschnörkelte Samtsofas und Sessel. Auf den kleinen Tischen davor: Kerzenleuchter, an denen heruntergetropftes Wachs auf lange durchtanzte Nächte hindeutet. Schwarz-weiß-Fotografien in schweren Goldrahmen schmücken die Wände, in der Saalmitte ein großer Flügel unter einer orientalischen Hängelampe. Drumherum stehen fünf Paare im Kreis und üben typische Tango-Schritte. Kraftvoll, geschmeidig und nicht zu schnell sollen sie sein. Ein Fortgeschrittenenkurs bei Lilia Keller und Jens-Christian Ravn.

Sieben Kurse pro Woche geben die beiden für Anfänger und Fortgeschrittene, dazu diverse Workshops am Wochenende. Das Interesse ist ungebrochen. Tangotanzen kann jeder lernen, ist Jens-Christian überzeugt. Solange man nur das wichtigste Prinzip beim Tango, das "Führen und Folgen", beherrsche:

"In Standard/Latein haben wir einfach immer Schrittfolgen gelernt, und im Tango hat mein Lehrer mir gesagt: egal, was ihr tanzen wollt, solange ihr das "Führen und Folgen" könnt, dann zählt es als Tango. Das heißt: es liegt nicht so doll an den Figuren, die man tanzt, sondern eher: was kriegen wir gemeinsam hin?"

Dabei muss nicht immer der Herr zwingend führen, also die Impulse geben für den nächsten Schritt, die nächste Figur. Lilia und Jens-Christian tauschen gerne mal, um ein tieferes Verständnis zu bekommen für den anderen Part. Dazu kommt: Tango ist kein standardisierter Tanz, erklärt der gebürtige Däne:

"Es ist nicht so, dass wenn man die Grundbewegung anfängt, muss man es auch weitermachen. Jede Bewegung kann in jedem Moment abgebrochen werden. Das wird alles kommuniziert während es passiert und deswegen ist es nicht so ein Programm, was wir abspulen."

Die Voraussetzungen zum Tangotanzen sind denkbar einfach, sagt Jens-Christian, und daher auch für Menschen jeden Alters gut zu meistern. Die meisten Tänzer sind zwischen Mitte 20 und 60. Manche lernen die Grundlagen in einer Stunde, manche brauchen etwas länger:

"Tango gibt es seit mehr als 100 Jahren. Es war ursprünglich einfach ein Volkstanz. Man nimmt einander in die Arme und schaukelt ein bisschen. Dann hat man das 100 Jahre lang entwickelt und dann ist es sehr facettenreich heute. Es gibt manche Stilarten, wo man ausgebildete Balletttänzerin und Kungfu-Meister und alles Mögliche und am liebsten auch Musiker sein muss, um das schaffen zu können. Das finde ich sehr schön, weil es zeigt die Möglichkeiten des Tangos. Wenn man das nicht mag, kann man auch einfach einander in die Arme nehmen und schaukeln. Ein Argentinier, der in Berlin wohnt und unterrichtet, Carlos Vasceros, hat so schön gesagt: wenn du laufen kannst, kannst du auch Tango tanzen."

Mit 20 fing Jens-Christian in Dänemark an zu tanzen. Seit sechs Jahren arbeitet er als Tanzlehrer in Berlin. Am Tango fasziniert ihn am meisten, dass er so viele Möglichkeiten hat. Man kann ihn ständig weiter entwickeln, und: der Tanz ist universell:

"Ich hab in Dänemark getanzt, in Berlin, in Holland, in Dubai, in Argentinien. Weil wir das Kommunizieren lernen ist es egal, ob man die gleiche Sprache spricht, man kann trotzdem miteinander tanzen. Das ist sehr sehr spannend."

Das kann Jens-Christians Tanzpartnerin Lilia Keller nur bestätigen:

"Wenn man Tango tanzt und du bist fremd in einer Stadt, innerhalb einer Woche lernst du sofort Menschen kennen und du bist nie allein. Du gehst einfach auf eine Tanzveranstaltung und es ist nicht selten, dass man Leute trifft, die man kennt. Sei es in China oder Buenos Aires, man macht sehr schnell Bekanntschaften."

Man lernt, sein Herz zu öffnen

Eigentlich ist Lilia Geophysikerin, Tangotanzen war neben ihrem Studium jahrelang nur der Ausgleich. Nach ihrem Abschluss machte sie dann ihre Leidenschaft für den Tango zum Beruf. Seitdem arbeitet die gebürtige Kasachin als Tanzlehrerin. Für sie bedeutet Tango weitaus mehr als nur Bewegung zur Musik. Man setzt sich mit anderen Dingen auseinander. Jemandem nahe zu kommen, zum Beispiel.

"Das ist im Tango ziemlich extrem. Man ist dem Partner gegenüber sehr nah. Das heißt, man lernt sehr stark, auch sein Herz zu öffnen, und das fällt vielen Menschen sehr schwer. Und im Tango wird es dann irgendwann Routine, und die Menschen sind einfach total offen und haben Freude und dann ist das wirklich eine Auszeit von der Welt. Dann hat man nur noch den Partner, den Tango, und man taucht wirklich in eine andere Welt ein und es ist so entspannend und schön."

Inzwischen hat sich die Tanzfläche gefüllt, der nächste Kurs beginnt. Zunächst tanzt man sich ein. Kleidervorschriften gibt es keine. Alles ist vertreten. Von Jeans und T-Shirt bis langer Rock mit Corsage. Wichtig nur: die richtigen Tanzschuhe. Das hat Lilia schon mit 20 erfahren:

"Ich kann mich erinnern, das erste halbe Jahr hatte ich Männerschuhe gehabt, die hatten so ne glatte Sohle, man konnte sehr schön drehen mit den Schuhen, bis ich dann meine ersten Dance-Sneakers gehabt habe, was auch immer noch keine Absatzschuhe waren, also nichts Weibliches, ich hatte bis dahin immer Hosen getragen."

Der Tango hat sie verändert, sagt Lilia:

"Der Tanz an sich ist sehr elegant, und ich hab auch entdeckt, dass ein Kleid auch total meine Bewegung unterstützt, und das ist auch ein ganz anderes Gefühl in so einem Kleid, was dann auch so ein bisschen fliegt, oder durchaus auch ein Mini oder ein Schlitz, das hat dann sehr viel Spaß gemacht irgendwann, auch verschiedene Richtungen, Modestile auszuprobieren. Es ist tatsächlich so, dass ich sehr stark meine Weiblichkeit entdeckt habe durch den Tango und es hat total Spaß gemacht, Frau zu sein."

Sophie nimmt seit vier Monaten Unterricht bei Lilia und Christian. Sie mag lateinamerikanische Tänze. Nach einem Salsa-Kurs entschied sie sich jetzt für den Tango:

"Tango hat so was Pathetisches, so was leicht Melancholisches, was man auch nicht zu ernst nehmen sollte, sonst kann es auch leicht albern werden oder so selbstdarstellerisch, aber wenn man es so leicht nimmt, machts Spaß damit zu spielen, mit dieser Attitüde. Es ist einfach so ein schöner intimer Tanz, ein bisschen traurig, aber auch so zärtlich und stark gleichzeitig. Ganz viel vermischt. Salsa ist halt nur so lustig und Tango hat so viele Facetten."

Der Salon-Stil und der Neo-Tango

Michael Rühl gehört zu den passionierten Berliner Tango-Tänzern der ersten Stunde. In seiner Wohnung in Prenzlauer Berg stapeln sich Kisten und Regale voller Schallplatten, Partituren, Bücher, Zeitschriften, Bilder, Fotos und Plakate. Alles rund um den Tango, von den Anfängen, Ende des 19. Jahrhunderts, bis heute. Eine umfangreiche Sammlung, die er gelegentlich an internationale Festivals ausleiht. Seit seiner Reise nach Südamerika Anfang der 80er-Jahre beschäftigt sich Rühl intensiv mit dem Tango, arbeitet als Discjockey, tanzt selbst und gibt Unterricht. Für ihn kann der Tango auch durchaus sportlich fordernd sein. Vor allem, wenn man sich von den Grundschritten entfernt und beginnt, komplexere Figuren zu tanzen:

"Zum Beispiel Drehungen ab einer gewissen Geschwindigkeit erfordern eine gewisse Beherrschung des Körpers und auch eine gewisse Beweglichkeit, gewisse Agiliät. Ich kann meine Hüfte nicht so schnell drehen, ich kann meine Schritte nicht sicher setzen, ich kann meine Achse nicht halten, wenn ich das nicht ein bisschen übe."

Dazu kommt die Vielfalt der Tangostile, die es gilt zu lernen. Schon im klassischen Tango gibt es unterschiedliche Arten von Tango:

"Gibt also Leute, die tanzen den Milonguero-Style aus dem Zentrum. Das ist so ein leicht schräger Tanz. Dann gibt es also den Salon-Stil überhaupt. Der ist schon mal sehr eng, aber mehr oder weniger tanzt man in seiner Achse zugeneigt, aber nicht ran gelehnt. Dann gibt es Tango Phantasia, da wurden unterschiedliche Sachen reingemischt, man hat also nicht mehr zueinander gewandt getanzt, sondern in dieselbe Richtung gewandt, man ist auch mal auseinandergegangen. Dann den Tango der Vorstadt, den Tango Orillero und nicht zu vergessen, der Neo-Tango. Zwischen 1998 und 2012 war er besonders beliebt in der Szene."

Mittwochabend 22 Uhr im Roten Salon der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin Mitte. Lüster hängen von der Decke, gediegene Ledersessel stehen am Rand der Tanzfläche, rote Lampen tauchen den Saal in schummriges Licht. Dicht an dicht, die Köpfe eng beieinander, gleiten die Paare im schnellen Rhythmus über das Parkett. Mit dabei ist auch der 36-jährige Marco: helles Hemd, dunkle Jeans, schwarze, glänzende Tanzschuhe. Mehrmals die Woche ist er in Sachen Tango unterwegs:

"Dieses intensive Aufeinanderhören von der ersten Sekunde an, das finde ich so spannend am Tango. Man begegnet sich auf Augenhöhe, und dann findet man sich, und man hört aufeinander. Man fängt so langsam an oder schnell und das macht süchtig. Wenn man merkt, da ist eine Connection, das ist der Unterschied zu anderen Tänzen, finde ich. Bei anderen Tänzen: man hat einen Grundschritt, beim Salsa ist es kurz-kurz-lang, die ganze Zeit. Man hoppelt die ganze Zeit kurz-kurz-lang und dreht sich und dreht sich, und das macht alles super Spaß. Bei Tango ist es: man steht. Man steht...und kann stehen. Und dann macht man vielleicht einen Schritt, und die Verbindung ist da, und man macht gemeinsam diesen Schritt und das macht süchtig." (lacht).

Jeden Abend woanders tanzen

Die Milongas im Roten Salon sind die ältesten und bekanntesten in der Stadt. Michael Rühl, der Initiator, veranstaltet die legendären Tango-Abende zweimal die Woche, und das bereits seit 1993. Gern steht er selbst am DJ-Pult und legt auf. Es gibt ein festes Stammpublikum, sagt Rühl, überwiegend aus Berlin, aber durchaus auch international zusammengesetzt. Ines gehört seit Jahren mit dazu. Das Angebot in Berlin ist einzigartig, sagt die passionierte Tänzerin: Man könnte jeden Abend woanders Tango tanzen, wenn man Lust hat:

"Heute im "El Occasio", im "Franz Club" auf jeden Fall, morgen in der "Villa Kreuzberg" und verschiedenen anderen Orten, Samstag im "Walzer links gestrickt" und im "Tangotanzen macht schön", Freitag im "A13", an 100.000 verschiedenen Orten, ich weiß schon gar nicht mehr wo überall."

Wer es noch intensiver braucht, besucht die Tango-Marathon-Veranstaltungen. Sechsmal im Jahr finden diese zur Zeit in Berlin statt. Ein Tango-Marathon dauert zwei bis drei Tage. 200 bis 250 Tangofans treffen sich an verschiedenen Orten, um vom Nachmittag bis zum nächsten Morgen durchzutanzen. Der nächste, der Trasnochando-Marathon, ist für den März geplant.

Für Michael Rühl hat Tango das Zeug dazu, ein Klassiker zu werden.

"Ich kann mir vorstellen, dass die Leute in 100 Jahren immer noch Tango tanzen, weil es einfach etwas ist, was so universell verwendbar ist. Also diese Emotionen bei der Musik, die Nähe eben zwischen zwei Menschen, dann diese faszinierenden Bewegungen. Die Kombination daraus ist vielleicht das Besondere am Tango."

Beim Tango werde Zwischenmenschlichkeit zugelassen, sagt Jorge Aravena. Gerade das biete die heutige Gesellschaft kaum noch:

"Der Tango ist wie eine Droge, die keine Lösung bringt. Aber indem er einer tänzerischen Bewegung Gewandtheit, Eleganz, Gleichgewicht und Verführung verleiht, macht er die Tänzer zu einem Stereotyp, das sie mit allen anderen Tänzern verbindet. Das ist durchaus positiv. Denn niemand ist allein auf der Suche. Wir sind alle auf der Suche nach etwas, das wir manchmal verkennen."

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