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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 10.04.2015

Tambora in IndonesienVulkanausbruch mit globalen Folgen

Von Regina Kusch

Vulkanausbruch auf Sumatra (imago stock&people)
Vulkanausbruch des Krakatau auf der indonesischen Insel Sumatra (undatiertes Foto) (imago stock&people)

Der indonesische Vulkan Tambora auf Sumbawa, einer Nachbarinsel von Bali, ist immer noch aktiv. Vor 200 Jahren spie er eine Woche lang Feuer, Gestein und Magma. Die Folge war eine globale Klimakatastrophe: Nordamerika vereiste und in Europa setzte der Sommer aus.

"Zwischen neun und zehn Uhr abends begann es Asche zu regnen und heftige Wirbelwinde trugen Menschen, Häuser, Vieh in die Höhe empor, rissen die größten Bäume aus und schleuderten sie ins Meer. Lavaströme, die aus dem Krater des Tambora kamen, flossen in die See, die von einer 60-zentimeter-dicken Schicht treibender Vulkanasche bedeckt war. Durch die Asche wurde es tagsüber so dunkel, wie man es zuvor nicht einmal in tiefster Nacht erlebt hatte."

Thomas Stamford Raffles, Gouverneur der Insel Java, glaubte zunächst, es handele sich um Kanonendonner feindlicher Truppen, als am 10. April 1815 auf der Insel Sumbawa, östlich von Bali, der Vulkan Tambora ausbrach. Bis ins 2.600 Kilometer entfernte Sumatra waren die Explosionen zu hören. Von dem über 4.000 Meter hohen Berg wurde die gesamte Spitze weggesprengt, etwa ein Viertel seiner ursprünglichen Höhe. Die Dörfer Sumbawas wurden von Magmaströmen begraben.

"Man weiß also, dass da von 12.000 Menschen 26 nur überlebt haben. Insgesamt schätzt man eine Anzahl von 70 bis 100.000 Toten in der Region."

Der Paläoklimatologe Achim Brauer vom Deutschen Geoforschungszentrum in Potsdam hat sich mit den Folgen des Ausbruchs, der fast eine Woche dauerte und als einer der größten der Menschheitsgeschichte gilt, beschäftigt.

"Achtzehnhundertunderfroren" nannte man diese Zeit

"Man hat auch rekonstruiert, dass es große Mengen an Schwefel gewesen sind, die freigesetzt worden sind, das spielt für die Klimawirksamkeit eine große Rolle."

Durch Luftströmungen wurden Asche und Schwefelteilchen, die bis zu 50 Kilometer in die Stratosphäre geschleudert worden waren, rund um den Globus verteilt und schirmten die Sonneneinstrahlung ab. Das darauffolgende Jahr ging als "Das Jahr ohne Sommer" in die Geschichte ein.

"Das sind aber eigentlich, wenn man genau sich das anschaut, zwei bis drei Jahre gewesen, wobei 1816 das extremste war. Besonders starke Auswirkungen hat es eigentlich in Europa gehabt, da ist es so gewesen, dass das Jahr 1816 zu den kältesten Jahren gehört hat, der letzten 600 Jahre. Und das andere war, dass es extrem feucht gewesen ist. Die Sommer waren komplett verregnet, es gab Schneefälle in den Mittelgebirgen, auf den Almen in den Schweizer Alpen, die etwas über 1.500 Meter liegen, da gab es kein Futter fürs Vieh, weil da Schnee lag den ganzen Sommer über."

"Achtzehnhundertunderfroren" nannte man diese Zeit in Deutschland. Kaum war nach der Schlacht von Waterloo endlich Frieden eingekehrt, ruinierten Kälte und Nässe die Ernten. Das von den Napoleonischen Kriegen geschwächte Mitteleuropa wurde von schweren Hungersnöten heimgesucht. Die Brotpreise verdreifachten sich, die Sterblichkeitsrate stieg und überall kam es zu Aufständen und Auswanderungswellen.

"Die schöne Sonne war verglüht; die Sterne
Verdunkelt kreisten in dem ew'gen Raum,
Weglos und ohne Strahl; blind zog die Erde
In mondesleerer Luft. Der Morgen kam
Und ging und kam, und brachte keinen Tag.
Um offne Feuer … drängten sich die Menschen,
Nur einmal noch ins Antlitz sich zu schauen."

"Frankenstein" und "Vampyr" wurden 1816 erschaffen

Lord Byron schrieb das Gedicht "Finsternis" 1816 am Genfer See, als er und seine Schriftstellerfreunde ihren Sommerurlaub fast nur im Haus verbringen konnten und zum Zeitvertreib Gruselgeschichten erfanden. Mary Shelly schrieb dort ihren "Frankenstein" und John Polidori, Byrons Leibarzt und Reisebegleiter, erschuf den "Vampyr", der später Bram Stoker zu "Dracula" inspirierte. Diese Werke gehören zu den wenigen angenehmen Folgen, die das "Jahr ohne Sommer" hervorbrachte, ebenso wie die Gemälde William Turners von außergewöhnlich roten Sonnenuntergängen, hervorgerufen, wie man heute weiß, durch Asche in der Atmosphäre.

Heute wird der Tambora, der immer noch aktiv ist, von Wissenschaftlern beobachtet. Sie arbeiten an Frühwarnsystemen.   

"Das ist sehr wichtig, auch wenn man über Evakuierungspläne nachdenkt. Und was wir vom Geoforschungszentrum versuchen, solche extremen Ausbrüche vielleicht ein bisschen eher vorhersagen zu können, und dass man eben immer auch im Kopf hat, dass es Ereignisse gibt, die stärker dimensioniert sind als das, was wir uns vielleicht momentan vorstellen, aufgrund von dem, was wir historisch wissen."

In den vergangenen Jahren kam es vermehrt zu kleineren Erdbeben in der Region und Experten rechnen bald mit einem erneuten Ausbruch. Der Tambora hat sich zwar seit den 60er-Jahren ruhig verhalten, wird aber von den Einheimischen immer noch als der tödlichste Vulkan der Welt bezeichnet. 

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