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"Taktische Unverständlichkeit"

Wahlprogramme der Parteien in Niedersachsen machen Laien ratlos

Frank Brettschneider im Gespräch mit André Hatting

Vielleicht reichen ja auch nur Schlagworte: Auszüge aus dem Parteiprogramm der Piraten.
Vielleicht reichen ja auch nur Schlagworte: Auszüge aus dem Parteiprogramm der Piraten. (picture alliance / dpa / Ingo Wagner)

Bezogen auf die Wahlprogramme der Parteien befinden sich Niedersachsens Wähler im "unverständlichsten Landtagswahlkampf, den wir je untersucht haben", sagt der Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider. "Die Sprache trägt hier zu der Distanz zwischen Parteien und Bevölkerung bei", konstatiert er.

André Hatting: "Post-Oil City", "Screenwork" und "Gender Pay Gap" – Sie haben keine Ahnung, wovon ich rede? – Ich auch nicht. Aber genau das sind Themen, mit denen die Grünen gerade in Niedersachsens Wahlkampf punkten wollen. Die Programme der anderen Parteien sind leider auch nicht viel verständlicher. Seit 2009 untersuchen Kommunikationswissenschaftler der Universität Stuttgart-Hohenheim unter der Leitung von Professor Frank Brettschneider Wahlkämpfe. Und das Fazit der Forscher zum aktuellen in Niedersachsen: Es ist der bislang unverständlichste. – Guten Morgen, Herr Brettschneider!

Frank Brettschneider: Guten Morgen!

Hatting: Die Grünen irritieren mit eher ungebräuchlichen Anglizismen. Ist das alles, oder gibt es da noch mehr Probleme?

Brettschneider: Nein, da gibt es noch erheblich mehr Probleme, auch die Fachbegriffe, die nicht erläutert werden, dann in Deutschland ganz typisch Wortzusammensetzungen, ein Beispiel: "Teilleistungsstörungen" oder "Pilotkonditionierungsanlage". Wissen Sie, was damit gemeint ist?

Und dann gibt es viel zu lange Sätze, teilweise über 60 Wörter. Da wissen Sie am Ende des Satzes nicht mehr, wie er angefangen hat. Also es gibt viele Probleme, die dazu führen, dass Menschen, wenn sie diese Programme lesen, auf Hürden stoßen und sich schwer tun zu verstehen, nicht inhaltlich, sondern sprachlich, was die Parteien eigentlich für ihr Land vorschlagen.

Hatting: Wer hat denn das unverständlichste Programm der Parteien?

Brettschneider: Das formal unverständlichste Programm haben diesmal die Grünen vorgelegt, aber auch die Erstplatzierten, die Linkspartei, sind nicht wesentlich besser. Wir haben diesmal nicht nur den unverständlichsten Landtagswahlkampf, den wir je untersucht haben, sondern auch den, bei dem Spitzenreiter und Letzter sehr, sehr dicht beieinander liegen. Man kann auch sagen, keines der Programme in ihren Langfassungen ist wirklich verständlich. Fairerweise muss man sagen, die Kurzfassungen sind deutlich besser.

Hatting: Jetzt haben Sie Die Linke schon angesprochen, die im Bereich des Unverständlichen immer noch das verständlichste Programm haben. Aber Sie haben nicht nur die Verständlichkeit untersucht, sondern auch andere Kriterien, zum Beispiel Dogmatismus, und da schneiden die Linken nicht so gut ab.

Brettschneider: Nein. Wenn es um den Dogmatismus geht, also um die Starrheit der Formulierungen, um das rigide Formulieren, dann ist die Linkspartei die dogmatischste Partei. Das macht sich fest an der Verwendung von Begriffen wie "absolut", "total", "ausschließlich", "müssen", "alle", "niemand". Diese Begriffe werden gezählt, ein Verfahren, das ein Kollege Ertel entwickelt hat, und dann wird geschaut, wie groß ist dieser Anteil am gesamten Text, und dann kann man Rückschlüsse ziehen auf die Grundhaltung, auf das Verhalten dieser Partei, wie dies in der Sprache dann zum Ausdruck kommt.

Hatting: Herr Brettschneider, ich hatte es schon gesagt: Sie untersuchen seit mehreren Jahren Parteiprogramme. Können Sie einen Trend zur Unverständlichkeit erkennen?

Brettschneider: Nein, aber leider auch keinen zur Verständlichkeit, sondern das schwankt von Wahl zu Wahl. So richtig gut hatten wir eigentlich Programme bei noch keiner einzigen Wahl, am besten noch in Nordrhein-Westfalen im letzten Jahr. Da haben sich die Parteien bemüht, nicht nur kurz zu formulieren, sondern auch verständlich zu formulieren – lag vielleicht auch daran, dass sie wenig Vorbereitungszeit hatten und sich dann auf das Wesentliche in ihren Formulierungen konzentriert haben.

Es gibt einen Trend: Die Unterschiede innerhalb der Programme zwischen solchen Teilen wie Einleitung und Schluss und den fachbezogenen Teilen, die werden größer. Die Einleitung und die Schlussteile werden von Experten für Kommunikation geschrieben, die sind einfach, kurze Sätze, keine Schachtelsätze, während die Fachteile immer komplizierter werden.

Hatting: Haben Sie eine Erklärung dafür? Wollen die Parteien gar nicht mehr verstanden werden?

Brettschneider: Das spielt auch eine Rolle. Das nennen wir "taktische Unverständlichkeit". Immer dann, wenn es um unpopuläre Maßnahmen geht, dann werden die verpackt in Bandwurmsätzen, in Schachtelsätzen, und man findet dann auch ganz viele Wortungetüme, also lange Begriffe, die niemand wirklich kennt. Da wollen die Parteien nicht verstanden werden.

Dann gibt es aber in den Fachteilen der Programme ein ganz anderes Phänomen. Die werden geschrieben von Experten für dieses Thema, und diese Experten können sich selten vorstellen, dass in der Welt da draußen Menschen sind, die sich nicht jeden Tag mit Energiepolitik beschäftigen, oder mit Steuerfragen. Das heißt, sie übersetzen ihre Expertensprache nicht ausreichend in Laiensprache. Das wäre aber notwendig, damit sie verstanden und dann auch gewählt werden.

Hatting: Da regen sich alle über Politikverdrossenheit auf, aber bei so einem hermetischen Kauderwelsch, dürfen sich die Politiker da wundern, dass immer weniger Menschen wählen gehen?

Brettschneider: Nein. Die Sprache trägt hier zu der Distanz zwischen Parteien und Bevölkerung bei. Die Parteien haben eigentlich ein gutes Kommunikationsinstrument in der Hand, darzulegen, was sie für ein Land wollen, welche Maßnahmen sie dafür ergreifen wollen und wie die Umsetzung dieser Maßnahmen erfolgen soll.

Das wäre in den Programmen gut darlegbar und wie gesagt, in den Kurzfassungen gelingt das auch recht gut. In den Langfassungen nicht. Die sind offenbar doch eher aus so einer Innenperspektive geschrieben. Man verständigt sich in der Partei darüber, wo man eigentlich gerade steht, und denkt nicht an die eigentlichen Abnehmer, nämlich die Wählerinnen und Wähler, und das verstärkt dann diese Distanz und kann auch zu Politikverdrossenheit führen.

Hatting: Frank Brettschneider, Professor für Kommunikationswissenschaften an der Universität Hohenheim, über den unverständlichen Wahlkampf in Niedersachsen. Danke für das Gespräch, Herr Brettschneider.

Brettschneider: Sehr gerne!

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