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Interview / Archiv | Beitrag vom 12.11.2015

Tagung in MannheimScheitern - na und?

Regina Schober im Gespräch mit Nana Brink

Eien Frau versteckt sich hinter einem Schreibtisch im Büro. (Imago / Westend61)
Mal wieder gescheitert? Kein Grund, sich gleich zu verstecken! (Imago / Westend61)

Wir scheitern andauernd – an uns, den eigenen Ansprüchen oder denen der anderen. Das Scheitern gehört zum Leben, und dennoch hat es keinen Platz in der Leistungsgesellschaft. Warum das so ist und wie wir dem Diktat des Erfolgs entkommen können, weiß die Philosophin Regina Schober.

"The Failed Individual" heißt eine Tagung im Mannheimer Schloss, bei der sich derzeit Wissenschaftler verschiedenster Disziplinen über das Scheitern Gedanken machen. Die Philosophin Regina Schober hat die Veranstaltung mit vorbereitet. Seit Beginn des Neoliberalismus könne man einen "erhöhten Produktivitätsdruck" auf den Einzelnen beobachten, sagte sie im Deutschlandradio Kultur. Das Individuum werde immer stärker in die Verantwortung genommen, "aus seinem Leben ein erfolgreiches Leben zu machen". Zugleich sei der Einzelne aber durch das Wegbrechen sozialer Strukturen immer mehr auf sich allein gestellt. Das Individuum sei inzwischen ein "Projekt, das ständig optimiert werden muss", sagte die Philosophin.


 

 

Das Gespräch im Wortlaut:

Nana Brink:  Scheitern – das Wort klingt wie ein Hammerschlag. Wer will schon gerne scheitern? Kein Mensch, natürlich. Aber wir scheitern natürlich dauernd, entweder an unseren eigenen Ansprüchen oder an denen der Gesellschaft oder an denen, von denen wir glauben, dass die Gesellschaft es uns abverlangt.

Vielleicht haben wir deshalb uns so bemüht, unser Dasein zu optimieren. Man wird ja in letzter Zeit häufig mit solchen Sachen wie Smart Watches konfrontiert, die die Fitness optimieren sollen, oder mit Coachings, die das Selbstbewusstsein stärken.

Ab heute beschäftigen sich im Mannheimer Schloss viele Wissenschaftler mit "The Failed Individual", also dem gescheiterten Individuum. Bis Samstag diskutieren sie über das, was nicht passieren darf, aber immer wieder passiert, nämlich das Scheitern. Regina Schober ist Philosophin und Anglizistin und Mitorganisatorin der Tagung "The Failed Individual". Guten Morgen, Frau Schober!

Regina Schober: Guten Morgen!

Brink: Ich habe mir natürlich überlegt, wie wir unser Gespräch beginnen, und eigentlich wollte ich damit anfangen, was ich auch tue, mit der Frage, woran sind Sie denn heute schon gescheitert? Und dann habe ich mir gedacht, das ist eigentlich eine völlig unmögliche Frage ...

Schober: Ja, der Tag ist natürlich noch kurz. Aber natürlich bin auch ich heute schon gescheitert, und zwar bin ich kaum in die Universität reingekommen, weil ich so früh morgens eigentlich noch nie hier bin und nicht wusste, dass die Türen erst um sieben Uhr aufmachen. Dann stand ich hier eine ganze Weile ganz aufgeregt und dachte, vielleicht verpasse ich das Interview. Also die Uni scheint doch andere Zeittaktungen zu haben als das Radio. Das war jetzt meine persönliche Erfahrung des Scheiterns heute.

Brink: Warum ist Scheitern so unmöglich geworden in unserer Gesellschaft? Man hat doch eigentlich dieses Sprichwort noch im Kopf: "Aus Fehlern wird man klug."

Das Scheitern gehört zum Leben dazu

Schober: Das Scheitern gehört natürlich zum Leben dazu. Wir alle kennen Erfahrungen des Scheiterns. Und trotzdem hat das Scheitern in unserer Gesellschaft keinen wirklichen Platz. Wir reden nicht drüber. Dass das eigentlich sehr normal ist, ist in unserer Leistungsgesellschaft, in der es im Prinzip immer nur um höher, schneller, weiter geht, zum Tabu geworden. Und wir sehen eben einen relativ starken Erfolgsdruck auf allen Ebene, den wir, glaube ich, alle kennen. Und über das Scheitern redet man nicht, auch wenn man es wirklich täglich erfährt.

Brink: Das ist mir ein bisschen zu abstrakt. Können wir das runterholen in so ein praktisches Leben? Ist Scheitern gleich so was, was Sie heute früh beschrieben haben nach dem Motto, oh Gott, ich verpasse dieses Interview, das ist mein persönliches Scheitern, oder ist Scheitern nicht ein bisschen mehr, man scheitert an Ansprüchen?

Schober: Ja natürlich. Ich denke mal, das war jetzt ein banales Beispiel. Wir alle kennen die Erfahrung zum Beispiel, dass wir unsere Fluten an E-Mails eigentlich gar nicht beantworten können, die jeden Tag in unseren Computer reinströmen. Wir können eigentlich nur scheitern, wir sehen auch ständig bei Facebook und bei Twitter, was andere Menschen so Tolles machen und fragen uns eigentlich die ganze Zeit, warum mache ich das nicht, warum kann ich das nicht.

Und eigentlich haben wir immer dieses Gefühl, dass wir an unseren eigenen oder vielleicht auch an den gesellschaftlichen Ansprüchen scheitern. Gerade, wenn wir in vielen Funktionen gleichzeitig sind, Beruf, Familie, Partner, Freundeskreis, auf allen Ebenen müssen wir eigentlich erfolgreich sein. Aber wir merken eigentlich immer, dass wir diesen Ansprüchen gar nicht gerecht werden können.

Brink: Aber ist das nicht immer schon so gewesen?

Der Druck kommt von Leistungsgesellschaft und Neuen Medien

Schober: Ja, ich denke, das war immer schon so, aber ich denke, dass die Ansprüche sich in der modernen Leistungsgesellschaft noch mal erhöht haben, und natürlich durch die Neuen Medien. Wir sehen jetzt einfach sehr schnell und unmittelbar, was alle anderen Menschen so machen, und haben natürlich auch durch – ich sage jetzt mal das Stichwort Selfie – auch so einen gewissen Druck, auch sich selbst ständig zu  vermarkten als erfolgreicher Mensch und als Mensch, der eigentlich interessante Dinge macht, zu den tollsten Reisezielen fliegt, das tollste Essen isst und eigentlich den ganzen Tag über erfolgreiche Dinge macht. Und selbst, wenn sie nicht erfolgreich sind, wird es immer noch so geframed, dass es letztendlich doch wieder erfolgreich ist.

Brink: Trotzdem immer noch die Frage, ich versuche dem auf den Grund zu kommen, warum diese Atemlosigkeit? Klar, man könnte ja eigentlich auch sagen, ich mache das nicht. Ich stelle das nicht alles rein, und ich entziehe mich diesem Druck.

Schober: Diesen Trend gibt es tatsächlich seit kürzerer Zeit. Aber wir beobachten eben, ich sage jetzt mal so ganz grob, seit Beginn des Neoliberalismus, das kommt natürlich aus den USA, einen erhöhten Produktivitätsdruck für den Einzelnen.

Also auch der Einzelne oder das Individuum wird immer stärker in die Verantwortung genommen, sozusagen aus seinem Leben auch ein erfolgreiches Leben zu machen, und gleichzeitig, durch das Wegbrechen vieler sozialer Strukturen, und das ist eben auch in Europa angekommen, ist der Einzelne immer mehr auf sich selbst gestellt, muss aber gleichzeitig immer länger arbeiten, immer mehr arbeiten für weniger Geld und so weiter.

Ich sage jetzt auch mal das Stichwort Lebenslanges Lernen. Das klingt jetzt erst mal so toll, aber das ist natürlich auch ein Anspruch, eine Erwartung, dass wir eben ständig an uns selbst arbeiten. Der Körper oder das Individuum als Projekt, das ständig optimiert werden muss. Das ist also schon, glaube ich, auch eine gesellschaftliche Ideologie.

Brink: Ja, da kommt ja auch das Kind dazu, da spricht man ja auch schon von, das Kind als Projekt, als Optimierung. Sie sagen, das kommt aus den Vereinigten Staaten, ist jetzt bei uns angekommen. Wie bemerken Sie das, oder wie diskutieren Sie da zum Beispiel auf dem Kongress heute darüber?

Der erfolgreiche Körper ist der produktive Körper

Schober: Wir merken das natürlich auf vielen Ebenen. Ich habe jetzt gerade schon sozusagen die Selbstoptimierung angesprochen. Das geht natürlich auch sehr stark ins Körperliche rein. Der erfolgreiche Körper ist eigentlich ein produktiver Körper, ein Körper, der für den Kapitalismus sozusagen produktiv ist und den man auch verwerten kann und der Gewinn bringt.

Und dann sind natürlich alle Körperformen, die da nicht reinfallen, also zum Beispiel der behinderte Körper oder der eingeschränkte, der alte Körper, ist in diesem Sinne eigentlich ein gescheiterter Körper. Und da geht es jetzt natürlich um die Frage, also das diskutieren wir bei der Konferenz, wie man das Scheitern umdeuten kann, also sozusagen, welche Grundannahmen eigentlich dahinterstecken, dass zum Beispiel ein behinderter Körper ein gescheiterter Körper ist, und wie man das Scheitern eben auch umdefinieren und umdeuten kann. Und da gibt es ganz spannende Ideen und Ansätze, die in letzter Zeit eigentlich aufgekommen sind.

Brink: Können Sie mir eins nennen, ein spannendes? Das wollen wir doch wissen, damit wir nicht an der Erkenntnis scheitern.

Schober: Genau. Zum einen gibt es natürlich die Bewegung, die auch wieder aus den USA kommt und mittlerweile auch hier angekommen ist, der Startup-Unternehmer, die ganz öffentlich über ihr Scheitern sprechen. Scheitern als Chance. Scheitern wird in dem Sinne sozusagen umgedeutet als Strategie für weiteren Erfolg oder für eine zweite Chance. Das ist natürlich auch problematisch, denn ...

Brink: Schon wieder ein Druck.

Scheitern kann Chance sein - aber auch Widerstand

Schober: Das ist wieder ein Druck, genau. Man muss dann auch wieder aufstehen, und man muss dann auch wieder Erfolg haben. Auch das sehen wir kritisch.

Dann gibt es natürlich die Möglichkeit, Scheitern als Widerstand zu verstehen. Wenn ich mich zum Beispiel so ganz bewusst, sagen wir mal, den ökonomischen Konsumzwängen entziehe und zum Selbstversorger werde, indem ich zum Beispiel von Lebensmittelresten aus Supermärkten lebe, dann lebe ich natürlich eine Lebensform, die traditionell als gescheitert gilt, die aber als Widerstand, sozusagen als Abkehr vom Materialismus gedeutet werden kann.

Also, da gibt es ganz viele Facetten des Scheiterns, und die wollen wir im Prinzip auch beleuchten, wir wollen im Prinzip auch zeigen, dass Scheitern eben nicht immer eine existenzielle Bedrohung sein muss, aber dass sie durchaus auch eine sein kann. Es hängt natürlich auch immer davon ab, zum einen, welche Geschichte erzähle ich, also welche Seite schaue ich mir an und wen nehme ich da in die Verantwortung. Nehme ich also die Gesellschaft in die Verantwortung, die Politik, die für viel individuelles Scheitern verantwortlich ist, oder nehme ich den Einzelnen in die Verantwortung. Das wollen wir so ein bisschen ausdifferenzieren.

Brink: Spannende Diskussionen! Die Philosophin Regina Schober organisiert die Tagung "The Failed Individual" – warum wir mit dem Scheitern besser umgehen können und sollen und müssen. Danke, Frau Schober, für dieses Gespräch!

Schober: Vielen Dank!

Brink: Und die Tagung beginnt übrigens heute in Mannheim.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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