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Lesart / Archiv | Beitrag vom 23.01.2016

Ta-Nehisi Coates: "Zwischen mir und der Welt"Bestechende Analyse des Rassismus

Von Tanja Dückers

Eric Garners Mutter zwischen Demonstranten vor dem State Supreme Courthouse. (dpa/picture-alliance/Justin Lane)
Demonstranten protestieren in den USA gegen Polizeiübergriffe auf Schwarze (dpa/picture-alliance/Justin Lane)

Der US-Autor Ta-Nehisi Coates hat ein Buch über Rassismus in den USA geschrieben – in Form eines Briefs an seinen 15-jährigen Sohn. Der Ton, die Dringlichkeit seines Anliegen aber auch seine Analyse der strukturellen Gewalt gegen Schwarze in den Vereinigten Staaten sind bestechend.

Ta-Nehisi Coates ist einer der interessantesten amerikanischen Intellektuellen derzeit. Mit seinem vor anderthalb Jahren erschienenen Essay "Plädoyer für Reparationen" trat der 1975 geborene Journalist und Buchautor für eine Aufarbeitung der Sklaverei in den USA an. Seine Forderung nach Entschädigungszahlungen an schwarze US-Bürger polarisierte die öffentliche Meinung. Unbestritten ist jedoch, dass die Folgen der Sklaverei noch heute ökonomisch nachweisbar sind.

"(...) der Vermögenswert weißer Haushalte ist etwa zwanzigmal so hoch wie der schwarzer Haushalte (...). Die Einkommenslücke, die zwischen schwarzen und weißen Haushalten klafft, ist heute noch genauso groß wie 1970. An diesen Zahlen ändert auch nicht, dass es jetzt keine erniedrigenden 'Nur für Weiße'-Schilder mehr gibt."

Politisches Engagement liegt Coates im Blut: Sein Vater gehörte der Black Panther Party an und gründete die Black Classic Press.

Nun ist Ta-Nehisi Coates selbst Vater. Sein neues Buch "Between the world and me" (zu Deutsch: "Zwischen mir und der Welt") ist als Brief an Coates' vierzehnjährigen Sohn verfasst und verzahnt die persönliche Geschichte der Familie Coates mit der kollektiven Geschichte schwarzer Amerikaner.

Aufklärungsarbeit der besonderen Art

Ausgangspunkt für "Zwischen mir und der Welt" war für Coates die anhaltende Gewalt, die von weißen Polizisten an Schwarzen verübt wird. Der Leser merkt: Coates hat schlicht Angst um seinen Sohn im Teenager-Alter. Sein Brief in Buchform ist ein Stück mentalitätsgeschichtliche Aufklärungsarbeit der besonderen Art. Dabei rückt Coates den für Jugendliche so wichtig werdenden eigenen Körper ins Zentrum seiner Betrachtungen, allerdings nicht unter erotischer Prämisse, sondern unter dem Aspekt der Gefahr für Leib und Leben:

"Ich schreibe dir jetzt in deinem fünfzehnten Lebensjahr. Ich schreibe dir jetzt, denn dies ist das Jahr, in dem du gesehen hast, wie Eric Garner erwürgt wurde, weil er Zigaretten verkaufte, im dem du erlebt hast, dass Renisha McBride erschossen wurde, weil sie Hilfe holen wollte, und dass John Crawford erschossen wurde, weil er durch ein Kaufhaus schlenderte. Du hast gesehen, wie Männer in Uniform im Vorbeifahren Tamir Rice ermordeten, den zwölfjährigen Jungen, den sie ihrem Eid gemäß hätten beschützen sollen. (...)."

Und Coates resümiert:

"Und spätestens jetzt weißt du, dass die Polizeireviere deines Landes mit der Befugnis ausgestattet sind, deinen Körper zu zerstören (...). Wenn du ohne Genehmigung Zigaretten verkaufst, kann dein Körper zerstört werden. Wenn du dich gegen Menschen auflehnst, die deinen Körper einfangen wollen, kann er zerstört werden (...). Die Zerstörer werden selten zur Rechenschaft gezogen."

Movens für Coates' Brief an seinen Sohn waren auch eigene Angst-Erfahrungen mit der Polizei.

Die Polizei kommt davon

"Kurz vor deiner Geburt wurde ich von der Polizei in PG County angehalten (...).  Ich wusste, dass die Polizei von PG County Elmer Clay Newman getötet und anschließend behauptet hatte, er habe seinen Kopf gegen die Wand einer Gefängniszelle gerammt. Und ich wusste, dass sie Gary Hopkins erschossen und dann behauptet hatten, er habe nach der Waffe eines Polizisten gegriffen (...). In Berichten hatte ich gelesen, wie diese Polizisten Mechaniker gewürgt, Bauarbeiter angeschossen, Verdächtige durch die Glastür von Shopping-Malls geschleudert hatten. Und ich wusste, dass sie dies regelmäßig taten, wie angetrieben von einer unsichtbaren kosmischen Uhr. Ich wusste, dass sie auf fahrende Autos schossen, auf Unbewaffnete schossen, Männern in den Rücken schossen und anschließend behaupteten, sie selbst hätten unter Beschuss gestanden. Die Fälle wurden untersucht, die Schützen wurden entlastet und kehrten umgehend auf die Straße zurück, wo sie, entsprechend bestärkt, weiterschossen."

Cover - Ta-Nehisi Coates: "Zwischen mir und der Welt" (Hanser Verlag)Cover - Ta-Nehisi Coates: "Zwischen mir und der Welt" (Hanser Verlag)Doch Ta-Nehisi Coates hatte Glück. Sein Führerschein wurde überprüft und ihm wortlos wiedergegeben. Aber er, der angesehene New Yorker Intellektuelle, hatte die Erfahrung absoluter Ohnmacht gegenüber der Polizei gemacht.

"Diese Polizisten hatten meinen Körper, sie konnten damit machen, was sie wollten, und sollte ich noch in der Lage sein zu schildern, was sie damit angestellt hatten, würde die Beschwerde nichts bringen."

Vor der Willkürlichkeit von Festnahmen und Gewaltanwendungen warnt er seinen Sohn – und seine Leser – ausdrücklich. Bestechend ist aber nicht nur der persönliche Ton und die Dringlichkeit von Coates' Anliegen, sondern auch seine Analyse der strukturellen Gewalt in den Vereinigten Staaten. Wenn in vielen amerikanischen Städten schwarze Teenager von Polizisten erschossen werden, ist das nicht nur ein Problem individueller Verfehlungen. Denn Rassismus ist integraler Bestandteil des amerikanischen way of living.

Rassistische Gewalt wird bestenfalls bedauert, nicht aber reflektiert

"Amerikaner glauben an Rasse als fest umrissenes, naturgegebenes Merkmal unserer Welt",

so Ta-Nehisi Coates. Für Amerikaner sei daher beispielsweise die Vertreibung der amerikanischen Ureinwohner auf dem Trail of Tears ähnlich zu beklagen wie ein Erdbeben, ein Tornado oder jedes andere Phänomen, das des Menschen Werk übersteigt. Gewalt wird bestenfalls bedauert, nicht aber reflektiert und ursächlich verstanden. Dabei, so Coates, sind "Rassen" nichts anderes als Fiktionen:

"Die neuen Menschen waren etwas Anderes bevor sie weiß wurden – Katholiken, Korsen, Waliser, Mennoniten, Juden – (...)"

Doch, so Coates, brachte die neue Erfindung der Rassen Vorteile, einen Machtgewinn mit sich:

"Die Definition eines 'Volkes' hatte nie etwas mit Abstammung und Physiognomie zu tun, sondern immer mit Hierarchie. Unterschiede von Haut und Haar sind alt. Der Gedanke an die Überlegenheit von Haut und Haar, der Gedanke, diese Faktoren könnten eine Gesellschaft angemessen strukturieren und würden auf tiefere, unauslöschliche Eigenschaften hinweisen – das ist der neue Gedanke gewesen im Herzen dieser neuen Menschen, die rettungslos in dem tragischen Irrglauben genährt wurden, weiß zu sein."

In US-Gefängnissen sitzen hauptsächlich Schwarze

Zwischen mir und der Welt stehen nicht nur Irrglauben, Fiktionen und andere erdachte Trennlinien, sondern oft ganz konkret Gitter. So beleuchtet Coates in einem Kapitel das ausufernde Straf- und Gefängnissystem in den USA. Jeder 100. US-Bürger, ein Prozent der Bevölkerung, sitzt im Gefängnis, das ist trauriger Weltrekord. In den Gefängnissen vegetieren jedoch hauptsächlich Schwarze. Coates genaue Analyse der letzten fünfzig Jahre des US-Justizsystems, welches die Kategorie "Rasse" über jedes andere "Indiz" stellt, macht besonders betroffen.

"Pflichtlektüre!", sagte die Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin von 1993, Toni Morrison, über "Between the World and me" und verglich Ta-Nehisi Coates mit James Baldwin. Auf der Bestsellerliste der New York Times erreichte Coates Kampfschrift den 1. Platz.

Coates Buch ist auch für Europäer höchst lesenswert. Denn Rassismus ist keineswegs ausschließlich eine amerikanische Angelegenheit. Die sich mittlerweile beinah täglich ereignenden Brandanschläge in Deutschland gegen Flüchtlingsunterkünfte sprechen eine deutliche Sprache. In der deutschen Ausgabe ist übrigens auch Coates' Essay "Plädoyer für Reparationen" enthalten.

Ta-Nehisi Coates: Zwischen mir und der Welt
Übersetzt von Miriam Mandelkow
Hanser Verlag,  Berlin 2015
240 Seiten, 19,90 Euro

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