Seit 05:07 Uhr Studio 9
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 05:07 Uhr Studio 9
 
 

Fazit / Archiv | Beitrag vom 16.08.2014

SzigetDas andere Ungarn

Liberales Musikfestival auf einer Insel in Budapest

Von Jörg Taszman

Posaunist der italienischen Band Carretti Musicali beim 22. Sziget Festival in Budapest 2014 (dpa / picture alliance / Janos Marjai)
Posaunist der italienischen Band Carretti Musicali beim 22. Sziget Festival in Budapest 2014 (dpa / picture alliance / Janos Marjai)

"Island of Freedom" nennt sich das Budapester Sziget-Festival. Mit über 400.000 Besuchern aus aller Welt erlebt es einen Boom. Im Land von Premierminister Viktor Orbán ist Sziget auch eine liberale, weltoffene Insel geworden.

"Island of Freedom" nennt sich das Budapester Sziget-Festival. Mit über 400.000 Besuchern aus aller Welt erlebt es einen Boom. Im Land von Viktor Orbán ist Sziget auch eine liberale, weltoffene Insel geworden.

Feiern und Tanzen war angesagt mit der ungarischen Band Besh O Drom die Traditionen der Folk- und Roma-Musik mit modernen Musikeinflüssen kombiniert. Besh O Drom spielte auf der World Village Bühne, die in diesem Jahr neu konzipiert wurde. Denn einige traditionelle Bühnen wie das legendäre Romazelt gibt es nicht mehr. Das geschah jedoch nicht auf politischen Druck erklärt die Programmleiterin von Sziget Fruzsina Szép, die u.a in Deutschland, Frankreich und Ungarn aufgewachsen ist:

"Ich selber finde es sehr schade, dass wir dieses Jahr kein Roma-Zelt mehr haben, weil es war eines unserer symbolischsten Venues. Es war nicht meine Entscheidung, sondern die Entscheidung von unseren Inhabern, dem Board. Das Programmbudget wurde im Winter gekürzt. Wir mussten Bühnen zusammen bringen und die beste Idee war es dann, das Roma-Zelt, die African Latin Stage und das Hungaricum Village in eine große Bühne umzugestalten. Das ist jetzt unsere World Village, was eigentlich auch sehr schön ist und sehr symbolhaft ... hier haben wir pro Tag sechs Künstler und die letzten beiden Slots sind nur Roma-Künstler. Gott sei Dank ist die Kultur präsent und ich möchte auch nicht, dass diese Kultur jemals vom Sziget verschwindet."

Zur musikalischen Vielfalt gehörte auch der Auftritt der Fantastischen Vier auf der großen Rock und Pop Bühne. In einer witzigen Mischung aus Deutsch und Englisch heizte man dem begeisterungsfähigen Publikum ein.

Auch wenn in diesem Jahr die ganz großen Namen im Line-Up fehlten, so ist Sziget dennoch so populär wie nie. Die 44.000 Wochentickets waren bereits eine Woche vorher ausverkauft, bei einigen Konzerten wie den angesagten Macklemore and Ryan Lewis kamen 50.000 Zuschauer und es wurde sehr, sehr eng. Und da wo früher Feuerzeuge geschwenkt wurden, regiert nun schon seit Jahren neben dem Handy auch das Flagge zeigen Neben den vielen Fahnen aus ganz Europa, sah man verstärkt israelische Flaggen. So traf ich auf drei junge Frauen, die kurz vor dem Armeedienst noch einmal abschalten wollen. Das Sziget Feeling gefiel den jungen Isrealinnen, aber in der Stadt fanden sie einige Ungarn, wie einen betrügenden Taxifahrer nicht sonderlich gastfreundlich.

Orbán ignoriert das Festival

Die Weltoffenheit auf der Insel kontrastiert auch mit der Haltung der ungarischen Politik. Viktor Orbán ist bei ausländischen Politikern wie dem Vertreter der norwegischen Botschaft durchaus ein Thema. Avild Moberg Sande äußerte sich am Rande des Festivals auch zum Streit mit Ungarn über die norwegische Unterstützung von regierungskritischen NGO's:

"Ich möchte hier nicht weiter spekulieren, aber wenn es polizeiliche Untersuchungen gegen NGO's geben wird, die mit norwegischen Fördermitteln unterstützt werden, dann sind wir sehr beunruhigt. Das ist ein Angriff auf alle NGO's in Ungarn. So dramatisch ist es einfach."

Avild Moberg Sande kam zusammen mit Botschaftsvertretern aus Frankreich, den Niederlanden und Großbritannien zum Sziget-Festival und sprach bei der schon traditionellen Pressekonferenz von "Transparency International". Die deutsche Botschaft glänzt dort mit Abwesenheit und das offizielle Gauck- und Merkel-Deutschland gilt bei oppositionellen Medien in Ungarn als der größte Unterstützer von Viktor Orbán, weil man eben kaum etwas tut und fast nichts kritisiert. Orbán selbst ignoriert das Sziget-Festival. Er eröffnet lieber Fußballstadien oder meint, mit den EU-Sanktionen gegen Russland habe man sich selber in die Füße geschossen. Kürzlich verkündete er stolz Ungarn sei nun ein illiberaler Staat und wolle mehr in Richtung China, Russland und die Türkei schauen. Ohne ein Festival wie Sziget könnte einem um Ungarn wirklich Angst und Bange werden. Aber noch gibt es Meinungs- und Pressefreiheit. Und es gibt enthusiastische Macher wie Fruzsina Szép, die nicht in den konformen Zynismus vieler kritischer Ungarn verfällt:

"Ich bin ein sehr positiver Mensch. Vielleicht gib es einige Themen, wo ich auch naiv sein kann, aber ich bin so. Und ich hoffe, dass es mehr und mehr Menschen geben wird in diesem Land, die ihre Köpfe nicht in den Sand stecken."

Besonders stolz ist Fruzsina Szép auf die vielen multikulturellen Aktivitäten zum Thema 25 Jahre Mauerfall. So gab es eine Videoinstallation mit Archivaufnahmen der DDR-Flüchtlinge, die 1989 nach Österreich wollten. Musikalisch wurde die Europa-Bühne aufgewertet auf der wie hier die spanische Band „Alis" vor allem Künstler spielen, die in ihren Herkunftsländern schon bekannt sind, aber den internationalen Durchbruch noch vor sich haben. Nicht alle Angebote werden gleich gut aufgenommen. Es gibt auch eine Tendenz der Besucher, verstärkt auf den Mainstream zu setzen. Aber genau die Mischung aus populären und alternativen Angeboten ist die Stärke von Sziget. Das macht auch Hoffnung für die Zukunft des Festivals und  für diese kraftvolle Stimme aus dem liberalen Ungarn.

Kulturpresseschau

Aus den Feuilletons Nicht nur Rechte wünschen sich Heimat
Ein Gartenzwerg steht  in Dresden (Sachen) auf einer Wiese mit vielen Krokussen. (picture alliance / dpa / Sebastian Kahnert )

Die "Welt" druckt unter dem Titel "Es braucht mehr Provinz" einen Auszug aus Heribert Prantls neuem Buch. Denn der "SZ"-Redakteur hat so eine Art "Gebrauchsanweisung für Populisten" geschrieben und zeigt, warum wir den Wunsch nach Heimat respektieren sollten.Mehr

weitere Beiträge

Fazit

ArchitekturRichtungsstreit um Schinkels Bauakademie
Schaufassade, auf der die von Karl Friedrich Schinkel 1832 errichtete Bauakadmie zu sehen ist, aufgenommen 2004 am Berliner Schlossplatz (picture-alliance / ZB / Peer Grimm)

62 Millionen Euro will der Bund für den Wiederaufbau von Schinkels Bauakademie bereitstellen. Doch in welcher Form und mit welcher Nutzung? Architekten wie Matthias Sauerbruch warnen vor zu viel Eile. Erst müsse ein vernünftiges Konzept da sein. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur