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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.05.2009

Szenen eines Krieges

Arkadi Babtschenko: "Ein guter Ort zum Sterben", Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2009, 124 Seiten

Schlammige Schützengräben, Soldaten, die sich an Kanonenöfen wärmen: so sieht Krieg aus. (AP Archiv)
Schlammige Schützengräben, Soldaten, die sich an Kanonenöfen wärmen: so sieht Krieg aus. (AP Archiv)

Der russische Journalist und Autor Arkadi Babtschenko wagt in seinem Roman "Ein guter Ort zum Sterben" die Diagnose einer Generation von Soldaten im russisch-tschetschenischen Krieg. Er zeichnet ein Bild des Grauens - nach dem die Kämpfer süchtig werden können.

Die Dramatik eines Kriegsgeschehens wird literarisch gern maskiert. Mit beiläufiger Lakonie wie bei Erich Maria Remarque ("Im Westen nichts Neues") oder mit einem ätzenden Sarkasmus wie bei Arkadi Babtschenko. Was schon könnte "Ein guter Ort zum Sterben" sein? Für Artjom, den 25-jährigen Helden dieser Geschichte, ist es Tschetschenien beziehungsweise jener Flecken in der Nähe von Grosny, zu dem der Funker im Zuge einer militärischen Operation gegen die tschetschenischen Rebellen abkommandiert wird.

Selbstverständlich ist der "gute Ort" ein Schauplatz des Grauens. Kälte, Nässe, Übermüdung und Hunger, schlechte Bekleidung, eine verworrene Befehlslage und das daraus resultierende Chaos bilden die Grundfarben für diese Ortsansicht. Babtschenko setzt sie auf eine Weise ein, die höchste Präzision, höchste Unmittelbarkeit, höchste Nähe erzeugt. Das Mit-Erleben dieser Szenen durch den Leser, sei es im schlammigen Schützengraben, auf einem holpernden Panzerwagen oder im Soldatenzelt, wo ein mühsam in Gang gebrachter und qualmender Kanonenofen wenigstens ein wenig Wärme abstrahlt, ist eines der stärksten Elemente dieses Textes.

Hinzu kommt der grelle Ton der Todesnähe, der praktisch immer über der Szenerie liegt. Babtschenko schildert diese Todesnähe nicht über den Lärm großer Schlachten, sondern als atmosphärischen Bestandteil des individuellen Daseins. Denn in diesem Guerrilla-Krieg ist der Tod nicht das Ergebnis eines Massengemetzels oder großangelegter Bombardements, sondern eher das böse Schicksal, das den Einzelnen oder seine nächsten Nachbarn treffen kann. Als Geschoss aus dem Gewehr eines Scharfschützen, als Mine, auf die einer geraten kann, als Granate, die just in diesem Abschnitt des Unterstands niedergegangen ist.

Dieses Konzept eines konsequent individualisierten Krieges durchdringt nicht nur die Schilderungen der äußeren Hergänge. Es wird deutlich vor allem an der Art, wie der Autor die Innenwelt seines Helden beschreibt. Hier werden Abgründe sichtbar, die die eigentliche Dimension dieses Textes ausmachen, denn Artjom ist nicht etwa ein bedauernswerter Wehrpflichtiger, der in diesen Krieg getrieben wurde, sondern ein Freiwilliger, ein sogenannter Vertragssoldat.

Auch Babtschenko wusste, worauf er sich einließ, denn im ersten Tschetschenienkrieg ist ihm – mit 18 Jahren – genau dieses Wehrpflichtigen-Schicksal widerfahren, eine alles andere als glückliche Erfahrung. "Wir können nicht mehr ohne Menschenfleisch." lautet die erschreckende Selbstdiagnose Artjoms, und in ihr kommt das Ausmaß der monströsen Deformationskräfte dieses (und wohl jedes anderen) Krieges zum Ausdruck. Er ist zerstörerisch und in höchstem Maß abstoßend, zugleich aber enthält er ein enormes Suchtpotential immer dann, wenn keine anderen Werte und Bindungen diese Sucht verhindern. In dieser Diagnose, die man als Diagnose einer ganzen Generation liest, liegt die große Provokation dieses Textes.

Besprochen von Gregor Ziolkowski

Arkadi Babtschenko: Ein guter Ort zum Sterben
Aus dem Russischen von Olaf Kühl
Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2009
124 Seiten, 14,90 Euro

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