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Fazit / Archiv | Beitrag vom 06.08.2012

Syrien im Spiegel der Kunst

Ausstellung "KunstStoff Syrien" in Berlin

Von Barbara Wiegand

Die Kunstwerke in "Kunststoff Syrien" haben eine ungeheure Intensität und Ausdruckskraft.  (Stock.XCHNG / Martin Walls)
Die Kunstwerke in "Kunststoff Syrien" haben eine ungeheure Intensität und Ausdruckskraft. (Stock.XCHNG / Martin Walls)

Einblicke in ein zerrissenes Land bieten Gemälde, Fotos und Videos in "Kunststoff Syrien" in der Berliner Forum Factory. Zu sehen ist dort zum Beispiel ein Musikvideo der Gruppe Syrischer Bär. Es ist eine bitter-sarkastische Abrechnung mit Assad als mordendem Trottel.

Tiefschwarz hebt sich die Silhouette eines Mannes vor einem blutroten Hintergrund ab. Bäuchlings zu Boden gestreckt, versucht er gerade, sich wieder aufzurichten - wenn zeitgenössische Kunst der Spiegel ihrer Zeit ist, so ist diese Fotoarbeit von Jaber al Azmeh darüber hinaus ein Sinnbild der Situation in Syrien. Ein drastisch plakatives Symbol für das Sterben dort, aber auch das Aufbegehren. Denn der Widerstand gegen die alten Mächte hat nicht nur Tod und Verzweiflung gebracht, sondern auch Kräfte freigesetzt. Das gilt auch für die Kunstszene. Unter dem Druck des Assad-Regimes wie gelähmt, brachte sie überwiegend Konformes, Unverfängliches hervor. Uninteressante Kopien etablierter westlicher Kunstpositionen oder folkloristisch Ornamentales. Jetzt dagegen ist diese Kunst spannend geworden, meint Ahmed Ramadan, der Mitinitiator des Projektes:

"Früher war die Kunst meist eher akademisch, auch wenn viele Künstler natürlich versuchten, etwas Neues zu machen. Kunst war eher etwas für elitäre Zirkel, für Galerien und Komitees. Jetzt ist die Kunst auf der Straße angekommen. Es gibt Graffiti, Songs, Plakate. Es gibt einfach alles. Die Revolution hat so vieles verändert – es ist wie ein Sturm, ja verrückt und spannend."

Diese Vielfalt will Ramadan zeigen. Angefangen mit den via Facebook und anderen Internetplattformen in alle Welt transportierten Botschaften, die politische Protestgruppen mit den Mitteln der Kunst formulieren, über klassische Fotografie, abstrakte Malerei bis hin zu Multimedia Objekten.

Zu sehen ist etwa ein Musikvideo der Gruppe Syrischer Bär, eine bitter-sarkastische Abrechnung mit Baschar al Assad – als mordendem Trottel. Oder Fotos, die Jugendliche aus Homs von ihrer Stadt machten und dann ins Netz stellten - Momentaufnahmen aus Ruinen, traurig, auch mal heiter ironisch. Zum Beispiel wenn zwischen allem Schutt eine unversehrte Donald Duck Figur thront ... Es sind Fotos, die jenseits alltäglicher Medienbilder persönliche Perspektiven öffnen, subjektive Eindrücke vermitteln.

Genauso, wie die abstrakten, düster poetischen Gemälde von Ahmed Ramadan. Darin versucht er die Angst, die Beklemmung auszudrücken, die ihn überkam, als er eine Nacht in einem syrischen Gefängnis verbringen musste. Danach kam er zwar frei, musste aber seine Heimat verlassen, ging nach Berlin und übernimmt in der Ausstellung nun eine Art Brückenfunktion: Zwischen den in Syrien und den schon länger im Exil lebenden Künstlern. Etwa Mohammed Al Roumi, der bis zum Ausbruch des Bürgerkrieges zwischen Paris und Damaskus pendelte. Dort entstanden auch die Schwarz-Weiß-Porträts von Tagelöhnern, Handwerkern, Straßenverkäufern, inmitten verfallender Häuser, die aussehen, als hätte der Krieg schon begonnen.

"Ja, das sieht so aus, aber die Fotos sind 2010 entstanden, vor dem Ausbruch der Unruhen. Wissen Sie, heute bombardiert das Regime die Städte, vor allem die Viertel, in denen die ärmeren Leute leben. Vorher haben sie das anders gemacht, sie haben sie anders zerstört, indem sie die ärmeren Viertel einfach haben verfallen lassen. Es war ihre Art, die Stadt reich und schön aussehen zu lassen."

Intim und sehr menschlich wirken diese Städteporträts – ganz im Gegensatz zu den archaischen Arbeiten von Ali Kaaf, in denen er die bedrückende Atmosphäre des Assad Regimes darstellt, so wie er sie erlebte, bevor er zum Studium nach Berlin ging. Er brannte Löcher in schwarz pigmentiertes Papier und fräste so Lichtpunkte in ein dichtes Dunkel

"In meinen Arbeiten spielt die Situation in Syrien schon immer eine wichtige Rolle. Also Macht und Suche nach Freiheit und Raum. Nicht illustrativ oder plakativ. Trotzdem man hat das Gefühl, oder ich hoffe man hat das Gefühl, dass die Arbeiten auch meine Erfahrung reflektieren, wo ich auch in diesem Land mit der Unterdrückung schon jahrelang gelebt habe."

Dieses Syrien, wie es war, aber vor allem auch, wie es ist, das wollen die Künstler in dieser Ausstellung zeigen. Dabei beeindrucken sie vielleicht nicht mit originären Ideen, aber mit einer ungeheuren Intensität und Ausdruckskraft - egal ob es sich um Malerei, Fotografie oder Videokunst handelt. Und ganz wie der Titel der Schau es verspricht, liefert "Kunststoff Syrien" Ein- und Ausblicke in dieses Land, in das lähmende Trauma einer brutalen Diktatur und in die Bewegung, die jetzt dort entstanden ist. Voller Hoffnung - allen Ängsten zum Trotz. Nochmals Ali Kaaf:

"Viele sagen mir manchmal, ja und, wer kommt nachher, die Islamisten, wie wird es weitergehen? Und manchmal habe ich keine Antwort dafür und ich frage mich selbst auch. Mich, meine Familie, meine Freunde, die dort leben. Trotzdem – wenn die Islamisten in Wahl kommen, wie in Ägypten, dann sagen wir auch, die sollen kommen und sicher bald wieder gehen und andere Leute kommen. Das ist Demokratie."

Links bei dradio.de:

"Uns eint eine gemeinsame Position gegen das Regime" <br> Der Künstler Ahmed Ramadan über die Berliner Ausstellung "Kunststoff Syrien"

Obama: "Die Welt schaut zu" - <br> US-Präsident warnt Syrien vor Chemiewaffeneinsatz

Planung für die Flüchtlinge aus Syrien - <br> Innenminister diskutieren Konsequenzen der Lage in Syrien

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