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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.10.2005

Synthese aus Ost und West

Jürgen Gottschlich und Dilek Zaptçýoğlu: "Das Kreuz mit den Werten"

Rezensiert von Thomas Jaedicke

Istanbul mit Bosporus-Brücke (AP)
Istanbul mit Bosporus-Brücke (AP)

In der Europäischen Union herrschen massive Vorbehalte gegen einen Beitritt der Türkei. Begründet wird die ablehnende Haltung oft mit dem Hinweis auf den Unterschied zwischen Christentum und Islam. Dass aber Angehörige unterschiedlicher Religionen und Kulturen in Istanbul friedlich miteinander leben, berichten Jürgen Gottschlich und Dilek Dilek Zaptçýoğlu in ihrem Buch "Das Kreuz mit den Werten".

Die Definition des Wertbergriffs ist ein zentraler Punkt der Arbeit des deutsch-türkischen Autorenpaars, das in Istanbul lebt. Gerade hat sich die Europäische Union unter großen inneren Widerständen doch noch dazu bekannt, mit der Türkei die vertraglich zugesicherten Beitrittsverhandlungen zur EU aufzunehmen. Doch Skeptiker melden angesichts immer noch vorkommender Menschenrechtsverletzungen, Zwangsehen und Ehrenmorden weiterhin große Bedenken an, ob die islamische Türkei überhaupt zum christlichen Europa passt. Die Autoren machen jedoch deutlich, dass die Türkei kein muslimisches Land, sondern eine laizistische Republik ist. Sie erzählen Geschichten aus dem alltäglichen Leben, die die oft noch von Vorurteilen bestimmte Sicht auf beiden Seiten des Bosporus verändern könnte.

Gottschlich und Zaptçýoğlu berichten vom Leben in Istanbul, wo die angeblich unvereinbaren Kulturen friedlich zusammenleben. In der Millionenstadt wird eine Mischung aus "Modernität, Nationalität und Konservatismus" gelebt.

Jungen Türken gefalle die Vorstellung, eine wandelnde und geglückte Synthese aus Ost und West zu sein. Die traditionell starke Rolle der Familie auch als soziales Netz verliert hier an Bedeutung. Gut ausgebildete Frauen verdienen als Firmenchefs viel Geld, kleiden sich westlich und amüsieren sich als Singles. In den ärmeren Vorstädten leben weniger gut ausgebildete Familien. Vom Land kommend, finden die Männer keine Arbeit. Die Frauen ernähren ihre Familien mit gut bezahlten Putzjobs in der City, entwickeln Selbstbewusstsein und tragen das Kopftuch oft nur noch aus Pragmatismus, um konservativeren Kreisen keinen Gesprächsstoff zu liefern. Die Autoren weisen darauf hin, dass es so genannte "Ehrenmorde" nur noch in den abgelegenen kurdischen Bergregionen gebe, wo die Menschen kaum Zugang zu Bildung hätten.

Immer weniger junge Türken kommen in der deutschen Gesellschaft an. Nach Ansicht von Gottschlich und Zaptçýoğlu liegt das vor allem an den geringen Nettoeinkommen türkischer Haushalte in Deutschland. Ohne Perspektive und Geld in der Tasche haben sie keine Möglichkeit und sehen auch keinen Sinn darin, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Sie zögen sich in dem Land, in dem sie geboren wurden und das doch nicht ihre Heimat sei, in eine von traditionellen, islamischen Werten geprägte Parallelgesellschaft zurück. Nur ein kleiner Teil der Deutsch-Türken hat den wirtschaftlichen Aufstieg geschafft, der Rest verarmt weiter.

Das Buch schließt sich der Soziologin Martina Sauer an, die in einer Studie einen klaren Zusammenhang zwischen Einkommen und Wertorientierung belegt: Je höher das Einkommen desto mehr überwiegt eine modern liberale Einstellung.

"Das Kreuz mit den Werten" ist eine lesenswerte, hochaktuelle Arbeit über die Schwierigkeiten der europäisch-türkischen Annäherung. Durch die vielen, hauptsächlich in der Türkei geführten Interviews gelingt es den Autoren, ein lebendiges, realitätsnahes Bild vom Leben im Land des EU-Beitrittkandidaten zu entwerfen, das vielen Menschen in Deutschland helfen könnte, Vorurteile abzubauen.

Jürgen Gottschlich und Dilek Zaptçýoğlu: Das Kreuz mit den Werten. Über deutsche und türkische Leitkulturen
Edition Körber-Stiftung
266 Seiten, 14,00 Euro

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