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Lesart | Beitrag vom 04.03.2016

Sven Regener in Augsburg "Brecht war sehr Rock 'n' Roll"

Von Andi Hörmann

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Der Musiker und Schriftsteller Sven Regener vor einer weißen Wand mit roten Streifen (Picture Alliance / dpa / Erwin Elsner)
Sven Regener ist sowohl als Musiker als auch als Schriftsteller erfolgreich. (Picture Alliance / dpa / Erwin Elsner)

Der Beat im Brecht hat es Element of Crime angetan: Beim Brechtfestival in Augsburg zeigt die Band um Sven Regener, dass sie nicht dialektisch wirken will, sondern direkt. Vorher hat uns der Sänger sein Verhältnis zu dem deutschen Dichter erklärt.

"Also die Verbindung von Brecht und Element of Crime ist mir noch nicht so hundertprozentig klar."

"Weil sie auch sehr tiefsinnige, mitunter melancholische Texte haben, das passt gut zu dem, was auch Brecht geschrieben hat."

19 Uhr, Plaudern zum Bier im Foyer, ausverkaufte Konzerthalle. Etwas mehr als 1000 Besucher warten beim Brechtfestival in Augsburg auf den Auftritt von Element of Crime.

Der lyrische Charakter von Element of Crime

"Ich glaube Sven Regener hat mal gesagt, dass Brecht sein Lieblingsdichter wäre."

"Ich finde, dass die Texte von Element of Crime einen durchaus lyrischen Charakter haben."

Und da sitzt er nun: kurz vor dem Konzert, versunken in der Couch im Backstage-Raum.

Sven Regener beim Interview im Rahmen des Augsburger Brechtfestivals (Deutschlandradio / Andi Hörmann)Sven Regener beim Interview im Rahmen des Augsburger Brechtfestivals (Deutschlandradio / Andi Hörmann)

"Ja, ich bin Sven Regener, ich bin der Sänger von Element of Crime."

Der Bestseller-Autor von Herr Lehmann, diesem betrunkenen Kneipenroman zu Zeiten der Wende. Sven Regener, der krakeelende Frontmann von Element of Crime: Seit 20 Jahren hat er mit seiner Band nicht mehr in Augsburg gespielt - nun also auf dem Brechtfestival. Warum eigentlich?

"Weiß ich auch nicht. Hatten die die Idee, hatten wir die Idee? Ich weiß gar nicht. Also ich nicht."

Humor hat Sven Regener in der Sprache

Jedes Wort sitzt, Pose oder gewitzt? Sven Regener könnte auch eine Figur im "dialektischen Theater" von Bertolt Brecht sein: Humor hat er in der Sprache, er will unterhalten, und in seinen Texten analysiert er eh den kleinen Mann, dem die Welt viel zu groß ist.

"Unsere Musik spiegelt das wieder, was mit dem Individuum in der Gesellschaft los ist, unsere Sicht auf diese Dinge. Aber das ist Kunst, das Wesen der Kunst. Wenn man das natürlich als politisch begreifen will, dann sind wir genau so politisch wie alle anderen auch."

Politik und Kunst, wenn diese Mischung also unbedingt sein soll, dann liefert das Element of Crime - ganz wie Brecht, der Bürgerschreck und ungeliebte Sohn der Stadt Augsburg, die den Klassiker inzwischen mit eigenem Festival ehrt.

"Brecht! Denke ich an Brecht, dann denke ich an Brecht. Da bin ich 1:1. Das ist einfach nur so. Dann denke ich nicht an die Mütze oder so. Für die meisten Leute, und da bin ich sicher auch nicht anders, ist Brecht vor allem die Dreigroschenoper, Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny - seine größten Hits. Aber für mich ist Brecht vor allem als Song-Dichter immer interessant gewesen und als Dramatiker eben nur zum Teil. Da bin ich nicht so der Typ für. Aber das hat nichts zu bedeuten. Das ist einfach nur eine reine 'déformation professionnelle', dass man natürlich vor allem mit den Liedern zu tun hat."

Nicht dialektisch - sondern direkt

Die Popband bezieht sich natürlich auf Brechts Songs, seine Lyrik. Das Drama überlässt sie anderen. Der Beat im Brecht hat es Element of Crime angetan. Auf der Bühne will die Band nicht dialektisch wirken, sondern direkt. Und auch Brecht wußte: Der Sound macht die Musik.

"Mit Gossen-Sprache, mit drastischen Wörtern, mit drastischen Beschreibungen. Das ist schon alles sehr faszinierend und macht sehr viel Spaß. Er war ja auch ein sehr großer Song-Texter, der auch mit diesen Trash-Elementen spielt, mit allem was so an Gossen-Musik da ist, an Popmusik seiner Zeit da war. Wie er das auch auf textlicher Ebene so durchmischt und unterpflügt. Das ist schon sehr Rock 'n' Roll-haft. Das ist fast schon näher am Rock 'n' Roll dran als Kurt Weill. Ohne dass das jetzt eine Wertung ist, weil näher am Rock 'n' Roll dran zu sein ist an sich noch nichts Gutes. Es ist einfach nur so."

"'Hast du ihn auf den Hut gehaut, dann wird er vielleicht gut.' Ich meine so was. Das ist stark! Auch die Art, wie er mit Reimen umgeht, oder auch nicht umgeht, wie er seine eigenen Reime verarscht. Das ist schon toll. Er gehört zu den größten Dichtern überhaupt. Das ist gar keine Frage."

Etwas wenig für das Brechtfestival?

Nur drei Stücke von Bertolt Brecht und seinem Komponisten Kurt Weill bringen Element of Crime an diesem Abend auf die Bühne: 'Mackie Messer' und 'Surabaya Johnny' und 'Die Unzulänglichkeit menschlichen Strebens'. Vielleicht etwas wenig für das Brechtfestival. Aber egal, das Augsburger Publikum feiert Element of Crime - trotz oder gerade wegen Brecht.

"Wir arbeiten beide mit der selben Sprache, sowohl Element of Crime wie auch Brecht. Wir arbeiten natürlich auch mit Reimen. Aber es bringt nichts, immer die Dinge miteinander zu verrühren. Manchmal ist es auch ganz gut, die Unterschiede zu sehen."

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