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Surreales Geschehen

George Bizets "Carmen" an der Komischen Oper Berlin

Von Bernhard Doppler

"Carmen" an der Komischen Oper mit Stella Doufexis in der Titelrolle
"Carmen" an der Komischen Oper mit Stella Doufexis in der Titelrolle (Iko Freese)

Sebastian Baumgartens Inszenierung von "Carmen" fehlt atmosphärische Dichte in der Musik und die tragische Konsequenz des Originals. Dafür enthält die trotzdem eindrucksvolle Inszenierung Anlehnungen an Kult- und Splattermovies.

Durchaus freundlich, wenn auch ein wenig verhalten wurde in der Komischen Oper Berlin die Neuinszenierung von Georges Bizets "Carmen" durch Sebastian Baumgarten aufgenommen. Wütende Proteste, wie nach Baumgartens Bayreuth-Debut vor vier Monaten mit "Tannhäuser" gab es jedenfalls nicht.

Dabei wäre der Ärger mancher Opernfreunde durchaus nachvollziehbar, einen kulinarischen Opernabend bietet die Komische Oper nicht, weder werden die unerbittliche tragische Konsequenz des Dramas und die atmosphärische Dichte der Musik deutlich, noch sind große Sängerpersönlichkeiten zu bewundern.

Baumgartens durchaus eindrucksvolle Inszenierung ist vor allem ein Kommentar, der mit der Kenntnis von Kult- und Splatterfilmen und der Bezugnahme auf den psychoanalytische Diskurs kokettiert. Ein großes Filmplakat bestimmt das linke Bühnenportal: Butiful von irvieto mit Xavier Barden und seinen roten Augäpfeln. Die Elendsviertel von Mexiko also.

Der letzte Akt vor der Stierkampfarena ist ein Kinofoyer. Doch kein Neorealismus, sondern surreale Bilder – etwa vor einem Betonbau nach einer Sprengung (Bühne Thilo Reuter) - bestimmen die Arrangements. Gerade der Bezug zum Film lässt das Geschehen immer wieder ins Surreale umkippen. Die Blutspritzer beim Zweikampf Escamillo - Don José: ein Regen roter Konfetti. Während in der Habanera Carmen als Voodoo-Hexe auftritt, erscheint Micaela, die Don José wieder auf den rechten Weg bringen will, wie die Himmelskönigin, wie die Mutter Gottes von Lourdes.

Dass in der Komischen Oper nicht in Originalsprache, sondern in deutscher Übersetzung gesungen und gesprochen wird, wirkt in dieser Inszenierung nicht anachronistisch traditionell, sondern wie ein bewusstes zusätzliches Vergröbern: Die "opéra comique" mit ihren gesprochenen Dialogen wird so auch zur Operette, ja sogar zur schrägen Militärfilmklamotte, insbesondere Jens Larsen als Zuniga ist ein Buffo voller Operettenklischees.

Und doch geht es nicht nur Deutsch zu: Englisch sind zum Teil Kommentare der Figuren, die als Video eingespielt werden. Wir erfahren etwa – so steht es ja auch in Bizets Vorlage, in Prosper Merimes Novelle -, dass Don José schon vor Beginn der Handlung als Mörder gesucht wird und deshalb beim Militär untergetaucht ist. Baumgartens Ästhetik ist jedenfalls von der Videokunst (Jan Speckebach) dramaturgisch bestimmt.

Auch musikalisch ist der Abend aufgeraut. Lange Flamenco-Nummern (Ana Menjibar), also nur das Auftrampeln der Schuhe, durchsetzen die Handlung. Die Dirigent Yordan Kamdzhalov unterstreicht das Schrille schon in der Ouvertüre, aber auch die Banalitäten von Bizets Theatermusik etwa beim Kartenlegen-Terzett. Manchmal werden Geräusche hervorgehoben: In der Schenke brandet zu Beginn des zweiten Akts das Murmeln der Kneipenbesucher laut gegenüber der sehr leisen Hintergrund-Musik auf.

Ein solch banalisierender Zugriff könnte ja durchaus interessant sein, dennoch vermisst man im Orchester und auch bei den Sängern Stella Doufexis als Carmen, Günter Papendell als Escamilo und Ina Kringelborn betörende Sinnlichkeit und durchschlagende musikdramatische Leidenschaft. Einzig Thimoty Richards als Don Jose, erprobt in vielen Schlachten der Regietheaters in der Komischen Oper, wirft sich vor allem gegen Schluss mit Verve in seine Mörder-Rolle.

Informationen der Komischen Oper Berlin

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