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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.04.2005

Suff, Eifersucht und Geldgier

"Zwölf Ringe" des ukrainischen Schriftstellers Juri Andruchowytsch

Vorgestellt von Martin Sander

Juri Andruchowytsch ist bisher in Deutschland eher als Lyriker und Essayist bekannt. Nun liegt bei uns erstmals ein Roman des brillianten ukrainischen Schriftstellers vor. "Zwölf Ringe" ist ein Buch voll kriminalistischer Spannung und poetischem Sprachwitz.

Als der österreichische Photograph Karl-Joseph Zumbrunnen Anfang der 90er Jahre zum ersten Mal in die Ukraine reist, sucht er die Spuren seines Urgroßvaters. Im 19. Jahrhundert war dieser Urgroßvater Oberförster im habsburgischen Kronland Galizien, das heute im Westen der Ukraine liegt. Immer wieder bricht Zumbrunnen in das westukrainische Karpatenland auf. Dabei wird er nicht nur von Familiennostalgie getrieben, sondern auch von der Lust an exotischen Entdeckungen. Zumbrunnen ist ein Mittdreißiger ohne allzu feste Bindungen.

Der Außenseiter im literarischen Magnetfeld



In Juri Andruchowytschs Roman "Zwölf Ringe" ist dieser eigentlich ein wenig blasse Zeitgenosse eine zentrale Figur - nicht wegen seiner verschrobenen Betrachtungen zu Politik und Menschen im Lande seines Urgroßvaters, dessen Sprache er auch nicht einmal annähernd beherrscht, sondern weil es eben Zumbrunnen ist, der es dem Erzähler gestattet, um ihn herum eine wahrhaft illustre Gesellschaft von ukrainischen Zeitgenossen vorzuführen: den schönredenden, ein wenig senilen Professor, einen versoffenen Autor in der ersten großen Lebenskrise samt untreuer Ehegattin, der Dolmetscherin und zeitweiligen Geliebten Zumbrunnens - darüber hinaus brutale Leibwächter, Möchtegern-Models oder einen seltsamen Videoclip-Produzenten. Sie alle verbringen ein paar Tage auf einem einsamen Karpatengipfel, in einem ehemaligen Observatorium, das in sowjetischen Zeiten als Sporthotel diente und nun von einem der neuen ukrainischen Geldoligarchen zur kitschigen Luxusherberge umgestaltet wurde.

Banalität der Gegenwart - Höhenflüge in die Vergangenheit



Juri Andruchowytsch nutzt diese Konstellation einer Ausflugsgesellschaft zu einer Gratwanderung zwischen den Banalitäten der Gegenwart und den Höhen ukrainisch-galizischer Geistesgeschichte. Es geht um Suff, Anmache, Eifersucht, Geldgier, um das Scheitern am Alltag von Ehe und Karriere, um Depression und Aggression. Doch über dieser Alltagvielfalt schwebt der Geist des vor dem Zweiten Weltkrieg freiwillig aus dem Leben geschiedenen ukrainischen Kultdichters Bohdan-Ihor Antonytsch. Und mit der Geschichte des Gasthauses und früheren Karpatenobservatoriums wird die aufwühlende Vergangenheit dieser Region am Rande Mitteleuropas in Szene gesetzt.

Juri Andruchowytsch: Dichter, Essayist, Erzähler



Andruchowytsch spielt mit seinen Figuren wie auf einem Schachbrett. Es könnte alles auch ganz anders gewesen sein, bedeutet uns der Erzähler nahezu unermüdlich. Am Ende steht immerhin ein handfester Mord aus Habgier. Karl-Joseph Zumbrunnen wird nicht mehr lebend aus dem Karpatenland zurückkehren.

Juri Andruchowytsch wurde in Deutschland zunächst durch eine Auswahl seiner Gedichte und durch den Essayband "Das letzte Territorium" bekannt. Nun liegt erstmals ein Roman von Andruchowytsch auf deutsch vor - in der hervorragenden Übersetzung von Sabine Stöhr. "Zwölf Ringe" ist ein Buch voll kriminalistischer Spannung und poetischem Sprachwitz.

Juri Andruchowytsch: Zwölf Ringe
Roman. Aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr
Suhrkamp Verlag
ca. 305 S.

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