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Interview / Archiv | Beitrag vom 12.07.2011

Südhoff: 500 Millionen Dollar zur Linderung der Hungersnot in Somalia nötig

UN-Welternährungsprogramm-Sprecher: Mehr als 40 Prozent der Gelder fehlen

Ralf Südhoff im Gespräch mit Ute Welty

Eine Familie aus Süd-Somalia ist aufgrund der Dürre nach Mogadischu geflüchtet und nimmt nach langer Zeit die erste Mahlzeit zu sich. (AP)
Eine Familie aus Süd-Somalia ist aufgrund der Dürre nach Mogadischu geflüchtet und nimmt nach langer Zeit die erste Mahlzeit zu sich. (AP)

Somalia ist von einer schweren Dürre betroffen. Doch den Hilfsorganisationen fehlen Spenden, um hungernde Menschen zu versorgen. Das liege daran, dass die Katastrophe in den Medien "nicht solche Bilder liefert wie ein Erdbeben in Haiti oder eine Flut in Pakistan", meint Ralf Südhoff vom UN-Welternährungsprogramm.

Ute Welty: Hunger und Dürre in Somalia, und darüber spreche ich jetzt mit Ralf Südhoff, er vertritt das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen in Deutschland. Guten Morgen!

Ralf Südhoff: Guten Morgen!

Welty: Hungersnöte und Dürren, Herr Südhoff, sind ja kein überraschendes Phänomen, das weiß man viele Wochen im Voraus, dass die Ernten ausfallen. Warum greifen die entsprechenden Organisationen wie die Ihre nicht eher ein und verhindern zumindest das Schlimmste?

Südhoff: Das würden wir sehr gerne, deswegen gibt es auch mittlerweile eine Logistik und Vorratssysteme, dass man Nahrungsmittel so früh wie möglich in die Regionen bringt und dieses dort lagert, schon auch vor Zeiten des Regens, wo die Straßen unpassierbar werden. Das große Problem ist aber, dass Sie für all diese Dinge Geld brauchen, und das sind insbesondere öffentliche Geber, aber natürlich auch Spender nur sehr ungern bereit zu geben auf die Warnung hin, dass eine Katastrophe drohen könnte, wenn man jetzt nicht handelt und diese verhindert…

Welty: Das heißt, im Umkehrschluss, es braucht das Lager und es braucht die schrecklichen Bilder von hungernden Kindern, um Menschen und auch Organisationen aufzuschrecken, dass sie das Geld dahin schicken?

Südhoff: Das ist eine übliche Tendenz. Hinzu kommt, dass so eine schleichende Katastrophe, wie wir sie jetzt hier am ganzen Horn von Afrika, auch in Äthiopien, in Kenia, in Uganda und eben Somalia erleben, natürlich nicht so beeindruckend ist, nicht so spektakulär und nicht solche Bilder liefert wie ein Erdbeben in Haiti oder eine Flut in Pakistan. Gleichzeitig sind viel, viel mehr Menschen von diesem Desaster betroffen, und wir fürchten im Moment wirklich sogar noch schlimmere Auswirkungen als in diesen beiden Ländern.

Welty: Noch mal die Frage: Braucht es tatsächlich die Bilder von hungernden Kindern aus dem Lager, dass geholfen wird?

Südhoff: Das ist in der Tat der Fall, dass wenn die Katastrophe in einer Region ist, die für die Medien zugänglich ist, wo die Medien auch in Interesse entwickeln, wenn sie zum Beispiel im Sommer stattfindet, wie jetzt, wo sich eine mediale Sommerpause anbahnt, dann ist die Aufmerksamkeit plötzlich sehr viel höher.

Welty: Sie haben sich im vergangenen Jahr bitter darüber beklagt, dass das Welternährungsprogramm bisher nur ein Drittel des versprochenen Geldes bekommen hat – woran hat das damals gelegen und hat sich die Lage inzwischen geändert?

Südhoff: Nun, das Problem ist, dass das Welternährungsprogramm der UNO eine rein freiwillig finanzierte Organisation ist und wir für all unsere Einsätze immer wieder einzeln nach Zuwendungen auch von Regierungen fragen müssen und bei privaten Spendern, aber das ist ja für alle der gleiche Fall. Wenn wir dann in die Lage kommen, dass wir feststellen, dass wir zum Beispiel in Äthiopien rund zweieinhalb Millionen Menschen jetzt massiv unterstützen müssen wegen der schlimmsten Dürre tatsächlich, den wenigsten Regenfällen in vielen Landesteilen seit 60 Jahren, denn dann ist niemand verpflichtet, auch nicht Regierungen, uns Geld zu geben. Und ob die Regierungen darauf gerade eine Priorität setzen oder nicht, dafür können wir natürlich nur werben. Im Moment ist die Situation, dass wir schon bei den Menschen, die wir bisher unterstützen mussten in Äthiopien, sogar die Rationen kürzen müssen, also wir müssen schlichtweg Menschen sagen, wir können euch nicht mal diese 2000 Kilokalorien geben, die nötige Portion Reis, den nötigen Mais, damit ihr halbwegs satt werdet und dabei noch gesund bleiben könnt, selbst wenn wir euch unterstützen können, sondern wir müssen die Rationen halbieren.

Welty: Wie plant man, wenn einem auf einmal der finanzielle Background wegbricht?

Südhoff: Das ist extrem schwierig. Wir planen, indem wir klare Pläne vorlegen und diese auch in unseren Boards – da sitzen alle relevanten Regierungen drin – vorlegen und alle diese Hilfsoperationen und die Analysen genehmigen lassen. Das ist aber leider nicht damit verbunden, dass die Zustimmung zu diesen Hilfsoperationen auch damit einhergeht, dass sie finanziert werden. Das heißt, wir müssen trotzdem dann danach mit dem Hut von Regierung zu Regierung laufen und sagen, in Somalia ist die Lage wie beschrieben, wir brauchen dringend Geld. In Äthiopien ist sie wie beschrieben, wir brauchen, wenn wir das tun sollen, wo wir den Auftrag bekommen haben, dafür Geld. Aktuell bedeutet das zum Beispiel, dass wir, um die Dürrekatastrophe am Horn von Afrika halbwegs zu lindern – wir reden davon, dass jedes zweite Kind, was in dem beschriebenen Flüchtlingslager ankommt, dramatisch unterernährt ist –, um das halbwegs zu lindern, bräuchten wir knapp 500 Millionen Dollar bis Ende des Jahres, davon fehlen uns über 40 Prozent der Gelder. Und wir haben ja schon Julei, also die Zeit rennt.

Welty: Die Zeit rennt auch, wenn man grundsätzlich über solche Welternährungsprogramme nachdenkt, denn kein Programm ändert etwas an zwei Grundsätzlichen Problematiken, nämlich zum einen bleibt das Interesse an Eigeninitiative relativ gering, wenn es Reis und Brot in Lagern gibt, und zum anderen bleiben die großen Mechanismen von solchen Programmen unberührt, wie zum Beispiel die Spekulation auf steigende Weizenpreise. Müsste man nicht auch an diese Punkte ran?

Südhoff: Ja, an beiden Punkten haben Sie natürlich ganz klar den Handlungsbedarf, dass Sie verhindern müssen, dass Sie nur an den Symptomen kurieren. Diese Programme sind aber heute ja ganz anders, als man sich vorstellt, dass permanent die Menschen durchgefüttert werde und dann faul in der Sonne liegen können. Die wenigsten Menschen, über die wir gerade gesprochen haben , rund zehn Millionen Menschen, brauchen künftig Ernährungshilfe, trotzdem sind hier die wenigsten dort am Horn von Afrika in Flüchtlingslagern. Das ist ja speziell das Problem somalischer Flüchtlinge. Dass Sie ganz klar drauf abzielen müssen und dass es eben auch unser Hauptziel ist: Wie können Sie die Dürre und ihre Folgen an sich bekämpfen und wie können sie das mit der akuten Hilfe verbinden.

Ganz konkret heißt das, in Äthiopien habe ich beispielsweise zahlreiche Projekte mir vergangenes Jahr angesehen, wo Bauern befähigt werden, über Ernährungshilfe auf ihren vertrockneten Feldern zu bleiben, in dieser Zeit dann aber gemeinsam – und das ist auch dann eine Bedingung – gemeinsam Bewässerungskanäle anzulegen, Latrinen, große Wassertanks, die bewirken, dass dieser Teufelskreis – der Boden wird immer trockener und wenn es dann regnet, sinkt das Wasser überhaupt nicht mehr in den Boden ein, sondern fließt die Hänge hinab und die Felder verdorren auf Dauer – diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Und da gibt es viele Mechanismen. Ein anderer ist Schulspeisungsprogramme, also die Kinder werden ernährt, aber unter der Bedingung, dass die Kinder sie nicht zum Arbeiten und Betteln, sondern in die Schule schicken und dank ihrer Bildung sich künftig selbst ernähren können.

Welty: Ralf Südhoff vom Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen in Deutschland. Ich danke fürs Gespräch!

Südhoff: Danke Ihnen sehr!

Die Äußerungen unserer Gesprächspartner geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

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