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Tonart | Beitrag vom 21.01.2016

Suede: "Night Thoughts"Ein Gesamtkunstwerk, das tiefe Gefühle auslöst

Von Kerstin Poppendieck

Sänger Brett Anderson (M) der Britpop-Band Suede mit Bassist Mat Osman (dpa / picture-alliance)
Sänger Brett Anderson (M) der Britpop-Band Suede mit Bassist Mat Osman (dpa / picture-alliance)

Die Band Suede gehörte in den 90er-Jahren zu den Begründern des Britpop, dann verschwanden die Musiker von der Bildfläche. Mit "Night Thoughts" veröffentlichen sie nun ein düster-melancholisches Album - und sogar einen gleichnamigen Film.

"Es ist definitiv ein Album, das man von Anfang bis Ende durchhören sollte. Aber es ist kein Konzept-Album. Bei einem Konzeptalbum gibt es normalerweise ein Thema, und so ist es bei uns nicht."

Das Interview hat gerade erst begonnen - und schon diskutiere ich mit Bassist Mat Osman. Ist "Night Thoughts", das neue Album von Suede, nun ein Konzeptalbum oder nicht? Er sagt "nein", ich sage "ja", denn es gibt sehr wohl ein großes Thema, das sich wie ein roter Faden durch das gesamte Album zieht: die großen Dramen des Lebens. Es geht um Schmerz, Angst, Einsamkeit, Altern, Tod. Menschliche Beziehungen und ihre Konsequenzen. Bassist Mat Osman, sieht es etwas anders.

"Ich glaube, es ist etwas ganz altmodisches: ein Album. Und das ist heutzutage ja schon etwas Außergewöhnliches. Ein Album, das man von Anfang bis Ende am Stück durchhört, ohne nebenbei etwas anderes zu machen, ohne bei Twitter oder sonst wo unterwegs zu sein. Aber die Umstände haben sich heute so sehr geändert, heute geht es mehr um einzelne Lieder. Deshalb fühlt sich unser Album fast wie ein Konzeptalbum an. Dabei soll es nur ein gut gebautes Album sein."

Die Schreibblockade ist jetzt vorbei

1993 veröffentlichten Suede ihr erstes Album, sie wurden schnell berühmt. Vor allem bei Teenagern in Großbritannien und Deutschland kam die Band um den charismatischen Sänger Brett Anderson an. "Coming Up", ihr bisher erfolgreichstes Album, erschien 1996 mit Hits wie "Filmstar", "Beautiful Ones" und "Saturday Night".

Als die Band 2003 ihr Trennung bekanntgab, war das nicht, weil sie sich zerstritten hatte, sondern weil sie keine Lust hatte, immer und immer wieder die gleichen alten Sachen zu spielen. Best of Alben, Single-Sammlungen und B-Seiten waren schon veröffentlicht, nur wollte es ihnen nicht gelingen, neue Musik zu schreiben. Diese Schreibblockade ist jetzt vorbei.

Mat: "Wir hatten einfach Spaß, dieses Album zu machen. Damals in den 90ern, wenn Bands wie wir Hits hatten, stand da eine ganze Industrie dahinter. Man musste vier B-Seiten veröffentlichen, das dazugehörige Video musste weltweit verfügbar sein, für´s Radio mussten Lieder eine bestimmte Länge haben. All das gibt es heute nicht mehr. Selbst die Plattenfirmen lassen uns in Ruhe."

Brett: "Das ist wirklich außergewöhnlich für eine große Plattenfirma, ein Album wie 'Night Thoughts' zu veröffentlichen, ohne uns irgendwo reinzureden und Vorschriften zu machen. Das hätte es in den 90ern nie gegeben. Da hätte man uns garantiert gesagt, dass wir das nicht machen können."

Düster und melancholisch

Für Brett Anderson und Mat Osman ist das wirklich eine interessante Entwicklung in der Musikbranche. Und sie haben dafür eine eine Erklärung. Mitte der 90er stand Britpop im musikalischen Mittelpunkt, jedenfalls in ihrer Heimat Großbritannien. Heute ist es Mainstream-Pop. Bands wie Suede werden an den Rand gedrängt, bekommen weniger Aufmerksamkeit, dafür aber mehr musikalische Freiheit – so ihre Begründung. Diese neue musikalische Freiheit haben sie sehr gut genutzt.

"Night Toughts" - der Albumtitel trifft's. Es geht um die Gedanken, die wir Nachts haben, wenn es dunkel ist, man allein zu Hause sitzt und nicht schlafen kann. Dementsprechend düster und melancholisch ist die Musik. Es ist ein komplexes Album mit zwölf Songs, die alle miteinander verlinkt sind und so im Gesamtkontext erst Sinn ergeben: die große Geschichte des Lebens.

Um diese Geschichte zu untermalen und ihr noch mehr Gewichtung zu verleihen, haben Suede einen Film passend zum Album drehen lassen. Und während es im Album zwischen all der musikalischen Düsternis immer wieder auch hellere Momente gibt, gibt es die im Film fast nie.

"Ich glaube, es hätte nicht zum Film gepasst und der Film soll ja das Album begleiten. Die Idee war, dass im Film die Themen des Albums aufgegriffen und von einer anderen Seite betrachtet werden. Kein direkter Kommentar, aber doch parallel. Und das Album ist ziemlich düster. Es geht um all die Ängste und Wahnvorstellungen, die in der Nacht erscheinen. Da wäre es doch sehr merkwürdig, wenn der Film eine gute Laune Romantik-Komödie wäre."

"Der Film ist düsterer als das Album"

"Der Film ist düsterer als das Album. Ich finde, das musste auch so dass, damit die Botschaft besser rüberkommt, denn es gibt ja keine Dialoge im Film. Deshalb ist es recht schwierig, unterschwellig und subtil eine Botschaft zu vermitteln, denn eine wichtige Dimension des Filmes fehlt: die Dialoge. Die Tragödie, die im Film passiert, muss der Zuschauer in Gänze sehen, um zu verstehen, warum das Leben des Mannes auseinanderfällt."

Dieses Album von Suede zu hören und parallel den begleitenden Film zu sehen, hat mich sprachlos hinterlassen. Es ist kein eingängiges Album, das sich nebenbei weghört. Die Musik ist intensiv und fordert Aufmerksamkeit. Die Bilder des Filmes sind teilweise verstörend und deprimierend. Ein Gesamtkunstwerk, das tiefe Gefühle auslöst.

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