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Fazit / Archiv | Beitrag vom 13.07.2011

Subtiles Psychodrama aus dem Iran

Neu im Kino: "Nader und Simin - eine Trennung"

Von Hans-Ulrich Pönack

Film "Nader und Simin" von Asghar Farhadi (picture alliance / dpa / Filmverleih Alamode)
Film "Nader und Simin" von Asghar Farhadi (picture alliance / dpa / Filmverleih Alamode)

Die Iranerin Simin will das Land verlassen. Da ihr Mann Nader wegen seines schwerkranken Vaters nicht mit ihr geht, will sie die Scheidung. Der Film "Nader und Simin" von Asghar Farhadi wurde bei der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet.

"Nader und Simin - eine Trennung" ist ein gewaltiges, ein wunderbares Werk, das im diesjährigen Berlinalewettbewerb der überragende Beitrag war. Zurecht mit dem "Goldenen Bären" als "Bester Film" ausgezeichnet und mit beiden "Silbernen Bären" für die "Beste Ensemble-Arbeit" sowohl bei den Darstellerinnen als auch für die Darsteller prämiert wurde.

Es ist der fünfte Spielfilm des 1972 in Isfahan/Iran geborenen Asghar Farhadi. Wobei auch schon sein vorletzter, "Alles über Elly", ein sensibles Ausflugsdrama, bei der Berlinale von 2009 im Wettbewerb gezeigt und mit dem "Silbernen Regie-Bären" bedacht wurde.

Der iranische Regisseur Asghar Farhadi (links) erhält aus der Hand von Berlinale-Leiter Dieter Kosslick den Goldenen Bären für seine Film "Nader und Simin, eine Trennung". Jury-Präsidentin Isabella Rossellini schaut zu. (picture alliance / dpa)Asghar Farhadi (links) bei der Verleihung des Goldenen Bären mit Berlinale-Leiter Dieter Kosslick und Jury-Präsidentin Isabella Rossellini. (picture alliance / dpa)"Nader und Simin" ist ein gesellschaftspolitisch motiviertes subtiles Psycho-Drama von hoher Spannungsqualität - außen wie innen. Dargeboten von einem überragenden Ensemble. Der Film spielt im heutigen Iran.

Ein Paar will sich scheiden lassen - genauer- sie - will sich von ihm trennen und mit der 11-jährigen Tochter das Land verlassen. Und dafür braucht sie die Scheidung von ihrem Mann. Er kann seinen an Alzheimer erkrankten, pflegebedürftigen Vater nicht allein zurücklassen. Die Tochter ist zwiegespalten, hin- und hergerissen in ihren Gefühlen, möchte bei ihrem Vater bleiben, aber auch die Mutter nicht verlieren.

Sareh Bayat und Sarina Farhadi (rechts) mit dem Silbernen Bär in der Kategorie "Beste Darstellerin" (dapd)Sareh Bayat und Sarina Farhadi (rechts) mit dem Silbernen Bär in der Kategorie "Beste Darstellerin" (dapd)Währenddessen hat Nader eine (ungelernte) Pflegekraft für seinen Vater eingestellt, was sich bald als "problematisch" herausstellt. Denn als sie einmal aus privaten (Schwangerschafts-)Gründen den Alten kurz verlässt, eskaliert das Geschehen. Das Gericht wird bemüht, ein Richter tritt auf. Der juristische Kreislauf innerhalb des Systems, die wechselnden Positionen, die Merkmale der ständigen physischen wie seelischen Unruhe zeigen eine Gesellschaft im Wandel.

Der Zuschauer bekommt die Gelegenheit, auf die Menschen, die alltäglichen Abläufe im heutigen Iran zu blicken. Er erkennt in kleinen Alltagsdetails die Bedeutung, die Glauben und religiöse Traditionen vor allem in der Unterschicht spielen.

Spannend ist das, aufregend, bisweilen wie ein Klasse-Krimi. "Nader und Simin" ist ein Film, in dem die Straßen "reden", die Architektur, die Autos im Stau, diese langen Gänge, das Herumwuseln der aufgebrachten oder resignierten bzw. der geforderten Menschen "Bände" sprechen. Was woanders als normal, dazugehörig, selbstverständlich gilt, wirkt hier im Iran doppelbödig. Symbolhaft. Verklausuliert. Nah. Dicht.

"Der Wunsch, modern zu leben, ist sehr groß", sagte der Autor und Regisseur bei der Berlinale. Und, in Anspielung auf seinen Kollegen Jafar Panahi, der im Iran zu Haft und Berufsverbot verurteilt wurde und nicht zur Berlinale in die Jury kommen durfte: "Ich bin kein Held, ich bin Filmemacher. Wenn ich etwas zu sagen habe, sage ich das durch meine Filme."

"Nader und Simin – Eine Trennung" ist ein in jeder Hinsicht beeindruckendes, Bauch wie Kopf gleichermaßen zufriedenstellendes, großartiges Meisterstück von sattem, hervorragendem sowie modernem Kino.

P.S.: Asghar Farhadi lebt derzeit und in den nächsten Monaten zusammen mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern in Berlin. Für ein halbes Jahr ist er Stipendiat des Berliner Künstlerprogramms des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD). Farhadi will hier an einem neuen Spielfilm arbeiten.

Iran 2010, Regie: Asghar Farhadi, Hauptdarsteller: Peyman Moadi, Leila Hatami, 123 Minuten

Filmhomepage

Links bei dradio.de:

Kino und Film: Interview mit Asghar Farhadi
Fazit: Interview mit Asghar Farhadi
Kultur heute: Jury hatte keine Wahl <br> Zur Preisverleihung der 61. Berlinale (DLF)
Goldener Bär geht erstmals in den Iran - <br> Favorit "Nader und Simin, Eine Trennung" räumt ab

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