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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 14.02.2016

Stuttgarter LuftverschmutzungJoggen im Feinstaub-Kessel

Von Thomas Wagner

Eine Frau joggt am Bärensee in Stuttgart. (picture alliance / dpa)
Eine Frau joggt am Bärensee in Stuttgart. (picture alliance / dpa)

Stuttgart ist nicht gerade ein Sauerstoff-Paradies. Kürzlich hat die Stadt zum ersten Mal "Feinstaub-Alarm" ausgelöst und die Autofahrer gebeten, ihr Fahrzeug stehen zu lassen. Wie sehen die Jogger die Sache mit der Dreckluft?

Sturmböen, Nieselregen – welch ein Glück, findet Jogger Benn Weissmann mitten in der Stuttgarter Innenstadt:

"Also wenn es regnet, ist es nicht so schlimm. Es stinkt halt nicht so, wenn es windet und regnet, wenn die Partikel aufgefangen werden. Aber Feinstaub riecht und schmeckt man ja nicht."

Ben Weissmann dreht seine Runden im Schlosspark. Und die gilt als "grüne Lunge" mitten in Stuttgart, wo die Luft noch einigermaßen rein ist – ganz im Gegensatz zu den Bereichen drumherum.

"Aber ich bin gerade durch den Tunnel gerannt. Und da war das schon ganz extrem, wenn die Autos da stehen und Abgase rauspusten, dann merkt man das auf jeden Fall in den Lungen."

Autos, immer wieder Autos, die häufig sogar im Stau stehen: Kein Wunder, dass gerade mitten in Stuttgart die bundesweit höchsten Feinstaubwerte gemessen werden.

Gerade nach dem kürzlich ausgelösten ersten "Stuttgarter Feinstaubalarm" sind Jogger nachdenklich geworden.

"Das beschäftigt mich schon, vor allem, weil dahinten ja gleich die Messstelle ist. Und ich finde, hier unten im Zentrum ist die Luft enorm schlecht."

Dennoch dreht Cadé, Mitte 30, zwei- bis dreimal pro Woche in der Innenstadt seine Runde:

"Weil ich’s hier nahe an der Arbeit hab‘. Einmal die Woche, das geht."

Dass er dabei die Gesundheit leidet, glaubt der Jogger trotz Feinstaubbelastung nicht.

"Zum Glück nicht. Sonst würde ich es nicht tun. Halbe Stunde, Dreiviertelstunde, so jeden zweiten Tag."

Fehlender Abtransport von Schadstoffen

Die meisten Jogger, die in der Innenstadt unterwegs sind, glauben nicht an gesundheitliche Gefährdungen. Die meisten vermeiden, überhaupt erst an die hohen Feinstaubwerten zu denken.

"Nee, im Moment nicht. Wenn irgendwie Studien kommen, dass das denn irgendwie schon gesundheitsschädlich ist, dann vielleicht. Aber im Moment nicht."

Einer Russoj-Jo ist gebürtige Spanierin, geht fast täglich in der Innenstadt zum Laufen. Erst als sie auf die Feinstaub-Problematik angesprochen wird, gesteht sie ein: Ein Jogging-Paradies ist das Stadtzentrum von Stuttgart nicht gerade.

"Mir würde es dann schon Spaß machen, wenn ich irgendwo anders hingehen könnte, nicht hier im Kessel. Aber das ist eben weit von mir entfernt."

Der 'Kessel': Das ist das entscheidende Stichwort, dass die Erklärung liefert für die bundesweit höchsten Feinstaubwerte:

"Also Stuttgart hat eine besondere Lage. Und zwar befindet sich die Innenstadt in einer Art Talkessel. Das heißt: Die Lage ist von drei Seiten durch Randhöhen abgeschirmt. Und das bedeutet, dass die Windgeschwindigkeit, die im Südwesten Deutschlands ohnehin sehr gering ist, dort nochmals gering ist. Und geringe Windgeschwindigkeit bedeutet fast immer fehlender Abtransport von Schadstoffen."

Erklärt Ulrich Reuter vom städtischen Umweltamt. Gerade wegen der besonders prekären Kessellage der Innenstadt erhoffen sich viele Freizeitsportler zeitnahe Abhilfe. Zu ihnen gehört der Sportradler Dieter Schuster:

"Ich würde mir erwarten, dass mehr gemacht wird, dass weniger Autoverkehr noch sein kann und das vor allem genau festgestellt wird: Woher kommen genau die ganzen Belastungen für den Feinstaub?"

Mehr zum Thema:

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(Deutschlandradio Kultur, Länderreport, 10.2.2016)

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(Deutschlandradio Kultur, Interview, 18.1.2016)

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(Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen, 30.6.2015)

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