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Religionen / Archiv | Beitrag vom 13.03.2016

Studie zu KirchengemeindenAuf dem Land fehlen die Pfarrer

Von Anke Behlert

Einzelne Frau auf sonst leeren Kirchenbänken - von Generation zu Generation verliert die Kirche an Bedeutung. (imago/epd)
Von Generation zu Generation verliert die Kirche an Bedeutung. (imago/epd)

In ländlichen Gebieten im Osten der Republik machen sinkende Mitgliederzahlen der Kirchen und eine schrumpfende Bevölkerung Reformen nötig. Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Länderkunde haben deren Auswirkungen am Beispiel des Altenburger Landes südlich von Leipzig untersucht.

Elke Schenk ist auf den ersten Blick sympathisch. Die 60—Jährige trägt ihr Haar locker zusammengesteckt, hat einen offenen Blick. Elke Schenk ist Pfarrerin im Kirchspiel Treben-Gerstenberg, nördlich von Altenburg. Seit Ende 2013 hat sie die Stelle inne, die vorher zwei Jahre nicht besetzt war. Etwa 30 Ortschaften gehören zu ihrem Bezirk, das bedeutet jede Menge Fahrerei und fordert viel Organisationstalent.

"Ich hab fünf Predigtstellen, da hab ich mir ein System zusammengebaut: 14-tägig sind Gottesdienste in jeder Gemeinde und in einem Ort einmal im Monat. Ich habe entweder zwei oder drei Gottesdienste sonntags. Das ist viel Arbeit. Ich hab den Vorteil, ich hab erwachsene Kinder, bin verwitwet, ich kann über meine Zeit frei verfügen. Wenn man Familie hat, sieht's nochmal anders aus."

Übervoller Terminkalender

Längere Wege und ein übervoller Terminkalender sind Alltag für die Pfarrerinnen und Pfarrer im Altenburger Land. Sie sind die Folge von tiefgreifenden Veränderungen der kirchlichen Infrastruktur in der Region. 2009 fusionierten die Evangelische Kirche der Kirchenprovinz Sachsen und die Evangelisch-Lutherische Kirche Thüringen zur Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Das zog auch Veränderungen auf anderen Ebenen nach sich: aus drei ehemals getrennten Superintendenturen wurde der Kirchenkreis Altenburger Land. Es folgten Streichungen bei den Pfarrstellen und eine territoriale Neuordnung der Pfarrbezirke. Judith Miggelbrink und Frank Meyer vom Leibniz Institut für Länderkunde haben diesen Prozess in der Studie "Kirchliche Strukturplanung in schrumpfenden ländlichen Räumen" nun erstmals dargestellt und die Auswirkungen untersucht.

"Die Studie beschäftigt sich damit, dass sie erstens kartographisch auf der Basis von Statistiken nachzeichnet, was ist das überhaupt für eine Entwicklung. Denn selbst die Personen, die mit der Umsetzung dieser finanziellen Kürzungen zu tun haben im Kirchenkreis, haben den Überblick nicht mehr. Das ist ein Tabellenwust, der ganz schwer durchschaubar ist."

Die Folgen von Tabellenwust und einer unzureichenden Kommunikation waren Unzufriedenheit und ein Ohnmachtsgefühl auf Seiten der Gemeindemitglieder. Die Menschen haben außerdem die vermeintlich zunehmende Ökonomisierung der Kirche kritisiert, sagt Judith Miggelbrink.

"Dass sie sich jetzt bestimmten Regelhaftigkeiten einer ganz normalen Verwaltung unterwirft. Sehr viele mit denen wir gesprochen haben, hatten gerade damit ein Problem. Kirche soll etwas sein, das für etwas anderes steht als Kapitalismus. Es sollte mehr sein und sich dem auch entgegensetzen. Was erlebt wird, ist der Prozess einer rationalen Reorganisation, die mit Tabellen funktioniert. Das ist eine ganz andere Sprache, in der da plötzlich gesprochen wird."

Arbeit der Ehrenamtlichen wurde immer wichtiger

Die Studie untersucht außerdem die Art und Weise, wie die verschiedenen Akteure miteinander interagieren. Eine Folge der Stellenkürzungen war zum Beispiel, dass die Arbeit der Ehrenamtlichen immer wichtiger wurde. Diese Arbeit wurde dann aber oftmals nicht als gleichwertig, sondern als Notdienst empfunden, was bei den ehrenamtlich engagierten Gemeindemitgliedern zu Frustrationen führte.  Judith Miggelbrink und Frank Meyer haben herausgefunden, dass solche Konflikte zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen ein Kernproblem sind. Die Studie haben die Wissenschaftler in den Jahren 2013/2014 erstellt. Seitdem hat die Landeskirche reagiert und Maßnahmen ergriffen, um die Situation zu verbessern, berichtet Michael Wegner, Superintendent im Kirchenkreis Altenburg.

"Mich hat das schon überrascht, gerade die Deutlichkeit der Wortwahl, wie sie das beschreiben. Andererseits hat es mir auch ziemlich schnell gezeigt, wo hier die Punkte sind, an denen wir arbeiten können. Kommunikation - das war das allererste, was wir gemacht haben, ein Kommunikationskonzept: Wer redet mit wem und wer muss wo vertreten sein, damit die Gemeinden nicht das Gefühl kriegen, sie haben hier überhaupt nichts mehr damit zu tun. Das hat sofort sehr viel Vertrauen geschaffen."

Die Wertschätzung des Ehrenamts wird sich künftig auch im Haushalt des Kirchenkreises niederschlagen, sagt Wegner. Die Kosten für haupt- und ehrenamtliche Tätigkeiten sollen gleichwertig nebeneinanderstehen. Generell habe es einen Wandel gegeben, weg von einer defizitorientierten Planung.

"Es ist einfach für Mitarbeitende ganz kompliziert in einem System zu arbeiten, was ständig überlegt, was es nicht mehr macht. Wer möchte gerne in einer Gemeinschaft leben und glauben und hoffen, die davon ausgeht, dass sowieso demnächst alles vorbei ist? Wir haben andersherum gefragt: Was sind die wichtigsten Aufgaben für euch in den nächsten zwei Jahren? Also eher eine nachfrageorientierte Überlegung, das hat die Stimmung insgesamt verbessert."

Also alles halb so schlimm? Die Wissenschaftler betonen, dass die Studie nicht die aktuelle Situation beschreibt, sondern die Lage vor zwei Jahren. Seitdem hat sich die Situation schon gebessert. Ihre Arbeit habe geholfen, die Probleme beim Namen zu nennen, sagt Frank Meyer:

"Das verdeutlicht aber auch die Bedeutung, die Wissenschaft in solchen Konfliktprozessen haben kann. Es kann eine negative Folgen haben, es kann aber auch eine positive Folgen haben, wie wir glauben, was wir hatten, weil dann ein Kommunikationsprozess nach außen getragen werden kann. Das Altenburger Land ist ein Beispiel, wie so was laufen kann. Denn es ist nicht der einzige Kirchenkreis, der über kurz oder lang damit zu tun haben wird."

Weniger wird die Arbeit für die Pfarrerinnen und Pfarrer in absehbarer Zukunft wohl nicht werden. Das Bild  "Im Pfarrhaus brennt wieder Licht" ist für jede Ortschaft zwar nicht machbar, aber Superintendent Michael Wegner ist optimistisch.

"Die Kirche wird's da immer geben. Es wird das Interesse der Kirchengemeinde sein, dort Glauben zu leben. Dass die Mitarbeitenden im Verkündigungsdienst den Gemeinden das Gefühl geben, dass sie für sie da sind. Und auch ansprechbar, das ist ein ganz wichtiger Punkt. Viele Mitarbeitende sind an ihrer Leistungsgrenze, das ist völlig klar. Man kann auf zwei Arten an seiner Leistungsgrenze sein: einmal in dem Zustand der Erschöpfung und einmal im Zustand, dass man sagt: Ich strenge mich an, aber es ist nach wie vor was Schönes, was ich mache."

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