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Interview / Archiv | Beitrag vom 16.10.2012

"Strukturelle Veränderungen brauchen Zeit und sie brauchen Geduld"

Bundesentwicklungsminister über Erfolge im Kampf gegen den Hunger

Dirk Niebel im Gespräch mit Jan-Christoph Kitzler

Bundesentwicklungs-minister Dirk Niebel (FDP): "Tank und Teller (...)  muss das Ziel sein." (dpa / Tim Brakemeier)
Bundesentwicklungs-minister Dirk Niebel (FDP): "Tank und Teller (...) muss das Ziel sein." (dpa / Tim Brakemeier)

Trotz des Anstiegs der Weltbevölkerung sei es gelungen, den Anteil von hungernden Menschen seit 1990/1992 um rund sechs Prozentpunkte zu senken, sagt Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel. Das gehe in die richtige Richtung, es bleibe aber viel zu tun.

Jan-Christoph Kitzler: Heute zum Welternährungstag gibt es eine positive Nachricht: Die Zahl der Menschen, die weltweit vom Hunger betroffen sind, ist gesunken. Der Kampf gegen den Hunger macht also möglicherweise Fortschritte, aber so richtig positiv ist das trotzdem nicht: Jeder achte Mensch auf der Welt ist immer noch chronisch unterernährt, wir sprechen von fast 870 Millionen. Das ist eine Zahl, bei der man die Hände nicht in den Schoß legen darf, und darüber spreche ich jetzt mit dem zuständigen Entwicklungsminister der Bundesregierung, mit Dirk Niebel von der FDP. Schönen guten Morgen!

Dirk Niebel: Guten Morgen, Herr Kitzler!

Kitzler: Herr Niebel, was sagen Ihnen denn die Zahlen zum Welternährungstag? Sind fast 870 Millionen Hungernde ein Erfolg?

Niebel: Ja und nein. Es ist natürlich viel zu viel, jeder einzelne Mensch, der nicht ausreichend ernährt werden kann, ist einer zu viel. Aber wenn man bedenkt, dass im Vergleich zu 1990, 92 der Anteil der Weltbevölkerung deutlich gestiegen ist – und damals hatten wir noch 18,6 Prozent hungernde Menschen, jetzt haben wir noch 12,5 Prozent hungernde Menschen –, dann geht das in die richtige Richtung. Aber es ist noch viel zu tun.

Kitzler: Die Frage ist natürlich trotzdem, was man tun kann, was man tun muss. Jetzt fließt ja schon sehr viel Geld in die Entwicklungshilfe. Mich beschleicht der Verdacht, dass das Geld vielleicht möglicherweise falsch ausgegeben wird – zum Beispiel fließt vielleicht zu wenig in die Landwirtschaft?

Niebel: Die Entwicklung ländlicher Räume ist in den vergangenen 10, 15 Jahren wirklich sehr vernachlässigt worden, nicht nur in Deutschland, sondern auch international. Deswegen habe ich zu Beginn dieser Legislaturperiode die Entwicklung ländlicher Räume zu einem der Schwerpunkte der deutschen Entwicklungszusammenarbeit gemacht. Wir investieren in diesen Bereich über 700 Millionen Euro im Jahr im Moment, das ist mehr als 10 Prozent meines Gesamtetats.

Aber ich will darauf aufmerksam machen, dass es ausdrücklich mehr ist als nur Förderung der Landwirtschaft, das würde zu kurz greifen. Entwicklung der ländlichen Räume heißt vor allem auch das Drumherum, die Ausbildung, zum Beispiel mit einfachsten Technologien umzugehen, mit besseren Saatgütern, zu lernen, wie man Produkte haltbar machen kann, wie man sie lagern kann, Infrastruktur, damit Produkte vom Feld auf den Markt gebracht werden können – es ist also sehr viel, was dazugehört. Und das zeigt Ihnen auch, weshalb das in der Vergangenheit vernachlässigt wurde: Sie haben keine schnell vorzeigbaren Erfolge, und das ist in der Politik immer etwas schlechter, wenn es länger dauert.

Kitzler: Ist das vielleicht ein großes Problem eben, dass die Erfolge nicht schnell wirken, dass man lieber den Sack Reis hinstellt, wo man sagen kann: Die Leute sind sofort dankbar?

Niebel: Nun, da, wo es eine Hungerkatastrophe gibt, muss man mit Nahrungsmitteln unmittelbar helfen. Allerdings muss man dann auch schnell den Punkt finden, wo man wieder aussteigen kann, um nicht lokale Märkte kaputtzumachen und die Landwirtschaft zu ruinieren. Natürlich ist das medienwirksamer, und das ist in der Politik immer ein wichtiges Argument. Aber auf Dauer betrachtet geht es nur um strukturelle Veränderung. Das brauchen wir, um die Ernährungssituation vieler Menschen in der Welt zu verbessern. Strukturelle Veränderungen brauchen Zeit und sie brauchen Geduld, auch von denjenigen, die schnelle Erfolge einfordern.

Kitzler: Sie haben gesagt, der deutsche Anteil in der landwirtschaftlichen Förderung mit allen Drumherum-Maßnahmen liegt über 10 Prozent, das ist überdurchschnittlich, weltweit sind es nur etwa 6 Prozent, habe ich gelesen. Was tun Sie denn, um Ihre Kollegen davon zu überzeugen, dass es mehr werden muss?

Niebel: Nun, wir haben zum Beispiel im Rahmen der G-8-Initiative mit unseren Partnern darauf hingewirkt, dass wir mehr private Investitionen in ländliche Entwicklungen ermöglichen, und ich meine damit nicht Land Grabbing, sondern Investitionen. Die meisten Menschen auf der Welt leben auf dem Lande, die meisten Hungernden auf der Welt leben auch auf dem Lande. Deswegen müssen wir genau hier investieren, und das kann der Staat nicht alleine schaffen.

Kitzler: Private Investitionen sprechen Sie an. Damit sind normalerweise ziemliche Probleme verbunden, zum Beispiel die großen Saatgutkonzerne, die ihre Geschäfte auch in den Entwicklungsländern machen, Land Grabbing haben Sie angesprochen, wo auf Kosten der Armen Landnahme von großen Unternehmen betrieben wird, oder wir reden auch über Spekulationen mit Nahrungsmitteln. Kann man Entwicklungshilfe vor diesem Hintergrund privatisieren?

Niebel: Nein, es geht nicht um die Privatisierung der Entwicklungszusammenarbeit, sondern es geht darum, diejenigen, die investieren und natürlich auch mit Landwirtschaft Geld verdienen wollen – sonst würde keiner investieren, also würde es auch keine Ernährungssicherung geben –, die auf einen entwicklungsfreundlichen Investitionspfad zu bringen. Und deswegen bin ich auch nicht für ein Verbot von Agrarrohstoffen, aber ich bin dafür, dass wir mehr Transparenz schaffen dadurch, dass Agrarrohstoffe börsenpflichtig werden. Dass sie gehandelt werden, ist ein zusätzlicher Schutz für Produzenten wie für weiterverarbeitende Industrien. Aber man muss wissen, ob hier Spekulationen der Hintergrund des Handelns ist, oder tatsächlich wirkliche landwirtschaftliche Produktion. Und wenn wir hier etwas mehr emotional abrüsten, wie das in der Vergangenheit von manchen Romantikern doch etwas übertrieben worden ist, dann brauchen wir private Investitionen, denn die Privatwirtschaft investiert weltweit ein Zehnfaches dessen, was alle staatlichen Entwicklungsgelder der Welt zusammen ergeben.

Kitzler: Wir hatten vor Kurzem die große Debatte über Tank oder Teller, also die Produktion von landwirtschaftlichen Treibstoffen, die ja dann auch sozusagen die Lebensmittelpreise steigen lassen, weil weniger Fläche zur Verfügung steht. Ist das nicht in Beispiel dafür, dass wir mehr Regulierung brauchen in dem Bereich?

Niebel: Das ist eher ein Beispiel dafür, dass wir weniger Regulierung brauchen. Nehmen Sie die Beimengungspflichten für Biotreibstoffe: Wenn Sie eine starre Beimengungsquote haben und eine Dürreperiode wie jetzt in Indien, den Vereinigten Staaten, der Sahelzone, dann ist es eine Flächenkonkurrenz, die diese Beimengungsquote zusätzlich noch zu einem Problem macht. In den USA zum Beispiel müssen 40 Prozent der Maisernte verpflichtend zu Sprit verarbeitet werden. Wenn jetzt, wie dieses Jahr, 40 Prozent der Maisernte ausfallen, 40 Prozent zu Sprit verarbeitet werden, dann bleiben nur noch 20 Prozent, und logischerweise steigen dann die Preise.

Das heißt, wenn man es etwas intelligenter mit weniger Regulierung angeht wie zum Beispiel in Brasilien, wo, wenn der Zuckerpreis hoch ist, Zucker produziert ist, und wenn der Zuckerpreis niedrig ist, Ethanol produziert wird, dann ist man auf dem richtigen Weg. Ziel muss allerdings sein, dass man hier die zweite Generation der Biomasse hinkriegt, dass nämlich die Frucht für die Ernährung sichergestellt wird, und die Reststoffe für die Produktion von Energie. Dann ist man auf einem richtigen Weg, dann geht Tank und Teller, und das muss das Ziel sein.

Kitzler: Glauben Sie wirklich, dass beides geht, Tank und Teller?

Niebel: Es geht schon heute, es ist allerdings noch nicht marktfähig, weil es noch zu teuer ist. Hier investieren wir in die landwirtschaftliche Forschung, und ich glaube, alle anderen, die an einer guten Versorgung der Menschheit mit Nahrungsmitteln und mit Energie interessiert sind, sollten in den Bereich auch investieren.

Kitzler: Die Frage ist ja, ob nicht der Schlüssel zur Lösung der Hungerkrise die Förderung von kleinbäuerlichen Strukturen ist, abseits von den großen Konzernen.

Niebel: Die kleinbäuerlichen Strukturen sind wichtig, aber sie müssen dadurch gestärkt werden, dass sie produktiver werden. Wir haben im Moment sieben Milliarden Menschen auf der Welt, im Jahr 2050 werden wir neun Milliarden sein. Gerade das Potenzial von ländlicher Produktion in Afrika ist noch lange nicht ausgeschöpft, und ich muss den Kleinbauern so stärken, dass er durch Qualifikation, durch bessere Infrastruktur, durch bessere Rahmenbedingungen in ländlichen Räumen produktiver werden kann. Dann wird auch mehr produziert für die Ernährung der Menschen.

Kitzler: Hilfe zur Selbsthilfe war ja ein jahrelanges Mantra – ist immer noch – der Entwicklungshilfe. Warum ist das so schwierig?

Niebel: Das ist nicht nur ein Mantra, das ist zwingend notwendig. Wir werden kein einziges Land von außen entwickeln, das kann jeder nur selbst machen. Und deswegen können wir Ratschläge geben und die souveränen Staaten, mit denen wir kooperieren, können im Rahmen ihre souveränen Entscheidungen als Regierungen umsetzen oder nicht umsetzen, was wir ihnen empfehlen. Es ist ja nicht so, dass wir jetzt in jedem Land 1:1 übertragen können, was woanders funktioniert hat. Aber wenn es nicht von innen kommt, dann wird es keine nachhaltigen Erfolge haben.

Kitzler: Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel von der FDP. Haben Sie vielen Dank für das Gespräch und einen schönen Tag!

Niebel: Gerne, Ihnen auch, danke!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


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