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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 19.02.2010

Strikte Geschlechtertrennung

Das Selbstverständnis jüdisch-orthodoxer Frauen in Israel und Deutschland

Von Ayala Goldmann

In manchen israelischen Krankenhäusern werden Orthodoxe gesondert behandelt. (AP)
In manchen israelischen Krankenhäusern werden Orthodoxe gesondert behandelt. (AP)

Neue Vorschriften machen den Frauen in den Orthodoxenvierteln Israels das Leben schwer. Im öffentlichen Nahverkehr werden sie in den hinteren Teil der Busse verbannt, damit die Männer sich nicht provoziert fühlen. Manche Rabbiner verbieten Frauen mittlerweile sogar, den Führerschein zu machen.

"Black Bus", schwarzer Bus - so heißt der Dokumentarfilm der israelischen Regisseurin Anat Zuria. Er schildert eine dramatische Entwicklung in Israel: In den Vierteln und Städten ultraorthodoxer Juden nimmt die Diskriminierung von Frauen Züge an, die islamischen Fundamentalismus erinnern. Frauen werden in Bussen des öffentlichen Nahverkehrs gezwungen, in einem hinteren, abgetrennten Teil zu sitzen. Bereits 90 solche Buslinien sind in Israel bereits unterwegs – allerdings nur in den Wohngegenden der Ultraorthodoxen, die sich selbst "Haredim" nennen – die Gottesfürchtigen. Mehrere 100.000 jüdische Frauen sind heute gezwungen, in solchen Bussen zu fahren. Regisseurin Anat Zuria:

"Die meisten Juden, die heute in Israel Bus fahren, sind Haredim. Es ist eine arme Bevölkerung, eine ultraorthodoxe Frau hat im Schnitt acht Kinder, und außerdem ist es den meisten ultraorthodoxen Frauen heute verboten, den Führerschein zu machen. Ein Führerschein gilt als unzüchtig."

Die Frauenrechtlerin Anat Zuria kennt die Gesellschaft, die sie in ihren Filmen kritisiert, sehr gut. Sie ist mit einem religiösen Juden verheiratet, hat fünf Kinder und lebt in Jerusalem. Seit Jahren beobachtet sie in bei ultraorthodoxen Juden, die sich vor der modernen israelischen Gesellschaft abschotten und auch nicht in der Armee dienen, einen Trend der religiösen Radikalisierung. Sie hat dafür den Begriff der Anstandsrevolution geprägt.

"Diese Ideologie stellt eine messianische Utopie in der Vordergrund. Um zur Erlösung zu kommen, muss eine bestimmte Art von Reinheit geschaffen werden. Und zu diesem Zweck müssen Männer und Frauen streng getrennt werden."

Doch es bleibt nicht bei den sogenannten Mehadrin-Bussen, bei denen Frauen hinten sitzen müssen. Inzwischen gibt es in den Vierteln der Gottesfürchtigen sogar Supermärkte, in denen es getrennte Einkaufsstunden für Männer und für Frauen gibt. Die Idee ist, dass Männer und Frauen sich überhaupt nicht begegnen sollen. Und auch vor den Polikliniken der Krankenkassen macht die Geschlechtertrennung der Haredim nicht halt.

"Das bedeutet, dass Frauen nur von Frauen und Männer nur von Männern medizinisch behandelt werden. Und das gilt auch für Kinder. Mich erinnert das an die Taliban. Und den Begriff, den ich für diesen Trend gewählt habe, habe ich von muslimischen Feministinnen übernommen. Ich nenne es Geschlechterapartheid."

Gesa Ederberg, Mitglied der liberalkonservativen Masorti-Bewegung und Rabbinerin der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, ist entsetzt über diese Entwicklung:

"Die Ultraorthodoxie entwickelt sich rückwärts. Das gab es noch nie im Judentum, dass Lebensbereiche in dieser Form radikal geändert worden sind. Wenn verschiedene Menschengruppen veranlasst werden, in Bussen vorne und hinten getrennt zu sitzen, dann fällt einem natürlich als allererstes Rosa Parks und die schwarze Bürgerrechtsbewegung, also die Anti-Diskriminierungsbewegung in den USA ein. Ich denke, Leute können mit einigermaßen sinnvollen Argumenten für Trennung im Gottesdienst argumentieren, aber wenn das dann auf das Alltagsleben übergreift und auf Busse und so weiter, dann ist das Fundamentalismus pur."

Fundamentalismus wird den Haredim oder Ultraorthodoxen, die in Israel inzwischen über zwölf Prozent der Bevölkerung stellen, häufig vorgeworfen. Doch längst nicht alle orthodoxen Juden behandeln Frauen als Menschen zweiter Klasse. Im 19. Jahrhundert entstand in Deutschland die sogenannte Neo-Orthodoxie. Ihrem Begründer Samson Raphael Hirsch schwebte als Ideal "ein aufgeklärter Jude vor, welcher die Gebote beachtet."

In Berlin gibt es rund um die Einrichtungen der Lauder-Foundation in Prenzlauer Berg mittlerweile wieder eine orthodoxe jüdische Gemeinde, die sich auf die Tradition von Hirsch beruft. Viele verheiratete Frauen der Lauder-Gemeinde tragen zwar den Scheitel, die traditionelle Perücke der orthodoxen europäischen Juden – als Zeichen der Zniyut, des Anstandes. Doch das, sagt der Berliner Rabbiner Josh Spinner, sei nur eine Äußerlichkeit. Auch traditionelle jüdische Frauen könnten beruflich erfolgreich und unabhängig sein. Der Amerikaner nennt ein konkretes Beispiel:

"Meine Schwester hat in der Yale Univesity studiert. Und sie macht jetzt ein Doktorat, auch in Yale. Und sie trägt eine Perücke, einen Scheitel. Und sie sieht keinen Konflikt zwischen den beiden Sachen. Das ist kein Schwarz und Weiß, dass man, um eine erfolgreiche Juristin zu sein, die Perücke wegschmeißen muss. Und jetzt haben wir diese Situation auch in Deutschland, dass eine Frau selbst entscheiden kann. Das ist super. Das ist Fortschritt."

Olga Afanassiev leitet die Midrascha der Lauder-Foundation, eine Tora-Schule für junge Frauen in Berlin. Auch die Diplom-Juristin, mit Mitte 20 Mutter von zwei kleinen Kindern, trägt eine Perücke.

"Ich bin in einer Familie aufgewachsen, wo das natürlich nicht so selbstverständlich ist. Meine Mutter trägt keinen Scheitel. Aber es macht Sinn, diese Sachen in einem großen Kontext zu sehen. Was sind die Haare von einer Frau, was für eine Kraft steckt dahinter. Was ist es für ein Zeichen, wenn die Frau die Haare nach der Hochzeit bedeckt und das nur in der Beziehung zwischen ihrem Mann und ihr ist. Die jüdische Frau ist verpflichtet, immer schön auszusehen. Das heißt, ich möchte immer schön aussehen, auch wenn ich draußen bin, aber ich weiß, wo mein Schwerpunkt ist. Und der wichtigste Mann in meinem Leben ist nicht ein Mann auf der Straße, den ich sehe, den ich beeindrucken möchte. Der wichtigste Mann ist MEIN Mann. Und für ihn möchte ich schön sein."

Kritikerinnen werfen allerdings auch modernen orthodoxen Juden vor, Frauen zu benachteiligen. Zwar ist es in der Neu-Orthodoxie kein Thema, dass Frauen studieren und auch Karriere machen dürfen. Und es gibt immer mehr orthodoxe Frauen, die den Talmud studieren und eigene Gebetskreise, sogenannte Frauen-Minjamim, gründen. Doch im Gottesdienst sitzen Männer und Frauen weiterhin getrennt. Frauen werden nicht zur Tora aufgerufen und können auch nicht Rabbinerin werden. Gesa Ederberg:

"Ob man das als frauenfeindlich bezeichnen sollte? Ja, warum eigentlich nicht!"

Die sogenannte Anstands-Revolution in Israel hat ihren Ursprung im Chassidismus, der wichtigsten ultraorthodoxen Strömung. Es sind zentrale chassidische Gruppierungen in Israel, wie Gur und Vishnitz, die den Frauen inzwischen den Führerschein verbieten. Auch Chabad Lubawitsch, eine in Deutschland sehr aktive orthodoxe Bewegung, gehört zum Chassidismus. Doch im Gegensatz zu anderen Ultratraorthodoxen ist Chabad den Frauen gegenüber aufgeschlossener und weniger auf Geschlechtertrennung fixiert. Züchtige Kleidung, lange Röcke für Mädchen, Strumpfhosen und lange T-Shirts auch im Sommer sind zwar auch für Chabad-Frauen vorgeschrieben. Doch der verstorbene Führer der Bewegung, Menachem Mendel Schneerson, räumte der Frau eine zentrale Rolle für die Arbeit der Bewegung ein. Sterna Wolff, die Frau des Chabad-Rabbiners Benjamin Wolff in Hannover:

"Die Aufgabe der Frau ist es vor allem, Hausfrau zu sein. Aber der Rebbe hat uns gelehrt, stolz darauf zu sein. Er hat ständig darüber gesprochen, wie wichtig die Frauen sind. Heute würde ich nicht mit einem Mann tauschen wollen. Ich bin zufrieden mit dem, was ich habe. Der Rebbe hat uns beigebracht, dass wir gleichwertig sind. Wir Frauen sind wie Diamanten, wir sind das Wichtigste im Haus. Unsere Aufgabe ist es, Kinder zur Welt zu bringen und sie zu erziehen. Aber dass wir Mütter sind bedeutet nicht, dass wir den ganzen Tag in der Küche sitzen. Unsere Aufgabe ist es, unser Frausein für unsere Arbeit einzusetzen, gut auszusehen, nach außen zu wirken und uns an den Aktivitäten eines Chabad-Hauses zu beteiligen."

Die israelische Filmemacherin Anat Zuria weiß, wie wichtig es ist, zwischen Orthodoxie und Ultraorthodoxie zu unterscheiden. Sie beobachtet aber auch innerhalb der moderneren Orthodoxie Tendenzen, die Frauen in ihren Rechten einschränken. So gilt der Gesang einer Frau in der Öffentlichkeit selbst bei gemäßigt orthodoxen Rabbinern als unzüchtig.

"Es kommt in Israel immer häufiger vor, dass orthodoxe Soldaten sich weigern, den Gesang einer Frau anzuhören. Wenn in der Armee eine Band auftritt, in der Frauen mitsingen, dann sagen die orthodoxen Soldaten, es sei ihnen verboten, die Stimme einer Frau anzuhören, denn eine singende Frau gilt in der Öffentlichkeit als unanständig. Und oft stören die orthodoxen Soldaten den Auftritt von singenden Frauen oder weigern sich, an der Veranstaltung teilzunehmen. Erst vor kurzem gab es einen ähnlichen Fall in einer religiösen Jugendbewegung – die Jugendlichen wollten keine Sängerin hören und haben ein großes Konzert deswegen boykottiert."

Die sogenannte Anstandsrevolution ist in den Augen von Anat Zuria eine Bedrohung der israelischen Demokratie. Der Staat Israel dürfe nicht zusehen, wie Frauen, ob nun ultraorthodox oder säkular, ihre Grundrechte entzogen würden. Doch bisher hat das israelische Verkehrsministerium nichts unternommen, um die geteilten Busse zu verbieten – oder zumindest die landesweite Busgesellschaft Egged daran zu hindern, an der Diskriminierung von Frauen in den Orthodoxenvierteln teilzuhaben.

Wenn sich das moderne Israel aber nicht wehrt, befürchtet Anat Zuria, könnten schließlich die Geburtenraten über das Gesicht des Landes entscheiden. Denn jede haredische Familie hat im Schnitt acht Kinder. In mehreren Generationen könnten die Ultraorthodoxen also die Mehrheit der Bevölkerung stellen.

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