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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 16.10.2006

Streiter für deutsche Atomwaffen

1956 wurde Franz Josef Strauß Verteidigungsminister

Von Matthias Rumpf

Franz Josef Strauß im Januar 1987. Als bayerischer Ministerpräsident mischte er sich weiter in bundespolitische Fragen ein. (AP)
Franz Josef Strauß im Januar 1987. Als bayerischer Ministerpräsident mischte er sich weiter in bundespolitische Fragen ein. (AP)

Franz Josef Strauß war anerkanntermaßen einer der intelligentesten Politiker im Nachkriegsdeutschland. Aber er war auch machtbewusst und polarisierte die politischen Debatten. Seine Karriere nahm vor 50 Jahren Fahrt auf.

"Eines, glaube ich, ist für uns gemeinsame Erkenntnis: Der Wert der zukünftigen deutschen Streitkräfte wird, was die Haltung und Moral der Truppe betrifft, um so größer sein, je mehr die einzelnen Soldaten davon überzeugt sind, dass ihre Tätigkeit der Verhinderung eines Krieges dient und dass im Ernstfall für den Schutz ihrer Angehörigen und ihres Eigentums die größtmöglichen Vorbereitungen getroffen sind. Ich darf an die Adresse der Opposition sagen: Die Hände in den Schoß legen und sich mit passiven Maßnahmen zu begnügen, hieße, aus Angst vor dem Tode nackten Selbstmord begehen."

Es klang wie eine Bewerbungsrede, als der Bundesminister für Atomfragen, Franz Josef Strauß, am 16. Juli 1955 im Deutschen Bundestag zur Wiederbewaffnung das Wort ergriff. Doch das Amt, nach dem der junge und ehrgeizige CSU-Politiker strebte, war bereits vergeben: Einige Wochen zuvor erst war der Gewerkschaftsfunktionär Theodor Blank zum ersten Verteidigungsminister der Bundesrepublik Deutschland ernannt worden. Und Kanzler Konrad Adenauer hatte dem jüngsten Mitglied seines Kabinetts mitgeteilt

"Herr Strauß, nehmen Sie zur Kenntnis: Solange ich Kanzler bin, werden Sie nie Verteidigungsminister."

Doch Adenauer sollte seine Meinung schnell ändern. Schon im Sommer 1956 wurde deutlich, dass der geplante Aufbau einer Armee von 500.000 Mann in nur drei Jahren nicht zu verwirklichen war. Blank musste gehen und wurde am 16. Oktober 1956 durch Strauß ersetzt. Dieser korrigierte die Planungen nach unten und durfte sich gleich mit den Folgen der chaotischen Aufbauphase herumschlagen. Aus Protest gegen schlechte Unterkünfte und Rückstand beim Sold verweigerten Soldaten an mehreren Luftwaffenstandorten den Dienst. In seinen Erinnerungen schreibt Strauß, dass Generalinspekteur und Staatssekretär den Staatsanwalt schicken wollten. Doch der Minister verfügte:

"Die Betreffenden werden nicht bestraft. Es erfolgt keine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft. Bis jetzt ist das Ganze intern. Wenn das in die Presse kommt, ist das für die Gegner der Bundeswehr, für die Gegner der Aufrüstung ein gefundenes Fressen."

Stattdessen schickte Strauß einen Ministerialrat mit einem Koffer Geld zu den Soldaten und ließ auszahlen, was ihnen zustand. Überhaupt war Geld das Problem in der Straußschen Amtszeit. Nicht nur weil die Bundeswehr chronisch unterfinanziert war, Strauß bediente auch allerlei Freunde und Bekannte: Aloys Brandenstein, genannt "Onkel Aloys", wurde zum Sinnbild der Günstlingswirtschaft unter Strauß. Über Nacht wurde der Nennonkel seiner Frau mit Hilfe des Ministers vom verarmten Geschäftsmann zum gut dotierten Rüstungslobbyisten mit Dienstvilla. Und Strauß machte sich für die Stationierung von Atomwaffen in Deutschland stark. Im März 1958 sagte er im Bundestag:

"Der Zweck jeder modernen Bewaffnung dient nicht dazu, diese Bewaffnung anzuwenden. Wenn der Angreifer über Atomwaffen verfügt, ohne sie anzuwenden. und er steht einem Verteidiger gegenüber, der sie nicht hat, deshalb sie nicht anwenden könnte, ist der Angreifer alleine mit seinen konventionellen Mitteln deshalb in einer erdrückenden Überlegenheit, weil der Angreifer auf engstem Raume dichte Truppenmassen konzentrieren kann, während der Verteidiger, in der Ungewissheit, ob der Angreifer Atomwaffen einsetzt oder nicht, sie weit auseinander streuen muss."

Ein halbes Jahr nach seinem Amtsantritt wurde Franz Josef Strauß von "Spiegel"-Herausgeber Rudolf Augstein mit wichtigen Redakteuren zu einem Männerabend in dessen Privathaus eingeladen. Es ging hoch her an jenem Abend, und anschließend stand für den "Spiegel" fest: Strauß muss gestoppt werden, bevor er Kanzler wird.

"Der Abend blieb unvergessen und auch die Erinnerung an die Brausköpfigkeit und das Wortgeprassel des Gastes – ein Barockpotentat, aber einer, der mit Atomwaffen zu tun hatte. Ob die CDU oder die SPD künftig Wahlen gewinnen wird, ist nicht mehr so sehr von Belang. Wichtig scheint allein, ob Franz Josef Strauß ein Stück weiter auf jenes Amt zumarschieren kann, das er ohne Krieg und Umsturz schwerlich wieder verlassen müsste."

Die Feindschaft zu Augstein sollte Strauß zum Verhängnis werden. Unter dem Titel "Bedingt abwehrbereit" schrieb der Spiegel im Oktober 1962 über die mangelnde Verteidigungskraft der Bundeswehr. Augstein und Mitarbeiter des Verlages wurden daraufhin auf Betreiben des Ministers wegen angeblichen Landesverrats verhaftet. Im selben Jahr noch musste Franz Josef Strauß als Verteidigungsminister zurücktreten. Vier Jahre später saß Strauß schon wieder am Kabinettstisch - als Finanzminister der Großen Koalition unter Kurt-Georg Kiesinger.

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